Netflix erobert das Kino und liefert den perfekten Anti-Disney-Film

Marriage Story
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"And in this moment I swear, we are infinite."

Im aktuellen Kinojahr belegt Disney fünf der ersten sechs Plätze der erfolgreichsten Filme an den Kinokassen. Avengers 4: Endgame steht an erster Stelle und könnte 2019 höchstens noch von Star Wars 9: Der Aufstieg Skywalkers eingeholt werden, der ebenfalls zu Disney gehört. In Marriage Story stehen sich nun zwei große Stars aus genau diesen beiden Blockbuster-Franchises gegenüber.

Scarlett Johansson und Adam Driver brillieren in Marriage Story

Das Scheidungsdrama tragen Scarlett Johansson und Adam Driver in Marriage Story allerdings in unfertig eingerichteten Apartments, grauen Büroräumen und ganz ohne Lichtschwerter aus. Nach Noah Baumbachs neuem Film fühlt man sich trotzdem erschlagen - eine solche Wucht hat dieses Jahr noch kein Disney-Film auf die große Leinwand gebracht.

Nachdem uns die ersten Minuten von Marriage Story in eine heile Welt entführen, in der das Paar jeweils die Vorteile des anderen aufzählt, liegt die Ehe bereits in Scherben. Wenn Nicole und Charlie versuchen, miteinander zu reden, wird es schnell unschön.

Beim Eheberater will Nicole ihren Teil schon gar nicht mehr vortragen. Als sie zu ihrer Mutter nach Los Angeles flieht, kollabiert die Kommunikation schließlich komplett. Aus Gründen, die am Ende niemand mehr wirklich benennen kann, wird die Scheidung zunehmend zu der Schlammschlacht, die alle vermeiden wollten.

Noah Baumbachs Filme waren schon immer sehr stark aus persönlichen Erfahrungen konstruiert. Einer totalen Authentizität standen jedoch oft überdeutliche Drehbuchkonzepte im Weg. In Der Tintenfisch und der Wal wird die Frontenbildung einer Familie zum Netz das ein Tennisfeld spaltet, in The Meyerowitz Stories wird fehlende Kommunikation dargestellt, indem die Figuren einfach durcheinanderreden.

Marriage Story wirkt deutlich roher aus einer Emotion heraus geschrieben. Lange Einstellungen geben diesem ungewohnt schön anzusehendem Netflix-Film Raum zur Entfaltung.

Netflix im Kino ist mit Marriage Story Überwältigung ohne Überlebensgröße

Es ist der zweite Film des US-amerikanischen Regisseurs in direkter Zusammenarbeit mit Netflix. Unter anderem auf dem diesjährigen Filmfest Hamburg konnte man das rote Logo bereits auf der Leinwand sehen, bei der Weltpremiere in Venedig wurde dafür sogar applaudiert.

Während Disney in naher Zukunft die Streaming-Welt für sich gewinnen möchte, wendet sich Netflix mehr denn je dem Kino zu. Mit seiner reinen Menschlichkeit, die (trotzdem) die Größe der Leinwand fordert, ist Marriage Story eine astreine Antithese zu Disneys entmenschlichten Blockbuster-Kino, das trotz vermeintlichen Schauwerten schon längst Heimkino-Ware ist.

Marriage Story ist eine von fünf Eigenproduktionen des Streaming-Giganten, die sogar einen deutschen Kinostart erhalten haben. So startet Marriage Story am 21. November 2019 in den deutschen Kinos und ist ab dem 6. Dezember 2019 auf Netflix verfügbar.


Im Gegensatz zu den großen internationalen Festivals ist das Publikum auf dem Filmfest Hamburg eher verhalten. Standing Ovations gab es trotzdem, als Céline Sciamma zusammen mit ihren Hauptdarstellerinnen nach der Vorführung ihres bereits im Vorhinein hochgelobten Films Porträt einer jungen Frau in Flammen für eine Fragerunde vor die Leinwand trat.

Mehrfach wurde die Liebesgeschichte um zwei Frauen im 18. Jahrhundert mit Call Me by Your Name verglichen. Die Gründe dafür sind offensichtlich, doch hätte es ein anderer Film aus dem Festivalprogramm noch mehr verdient.

Martin Eden erzählt eine bildgewaltige Geschichte von Aufstieg und Fall

In Martin Eden sehen wir in einer kurzen Einstellung sogar einmal einen Pfirsichbaum vor der atemberaubenden Kulisse Italiens. Zwar werden in dem neusten Werk von Pietro Marcello keine Früchte zweckentfremdet, im Kern handelt aber auch dieser Film von einer intensiven Liebe, die lange in den Augen und Körpern ihrer Protagonisten nachhallt.

Der vernarbte Vagabund Martin Eden kommt aus proletarischen Verhältnissen und schläft gerade auf einem Boot, als er den Bruder von Elena buchstäblich aus einer heiklen Situation herausboxt. Es dauert keine fünf Minuten, bis der ungebildete Clochard schon gar nicht mehr aufhören kann, die bildschöne Tochter der wohlhabenden Familie anzuschauen.

Martin Eden ist auch ein Film über diese soziale Kluft und die gesellschaftspolitischen Verhältnisse, durch die der Fall vorherbestimmt ist. Während Marcello das Liebespaar in sanften Nahaufnahmen filmt, rückt jedoch alles für einen Moment in den Hintergrund.

Um den Verhältnissen entgegenzuwirken, entschließt sich Martin dazu, seine Bildung als Autodidakt wieder aufzunehmen. Dazwischen schneidet Pietro Marcello fast unauffällig kolorierte Archivaufnahmen - meist von Gesichtern, am Ende von einem sinkenden Segelschiff. Die Fusion aus Liebesgeschichte und kulturellem Hintergrund machte auch Luca Guadagninos Film aus. Martin Eden ist nicht Call Me by Your Name, aber auch ein Meisterwerk.

Werdet ihr euch Marriage Story im Kino oder auf Netflix ansehen?

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