Jubel in Venedig: Der Netflix-Film Marriage Story ist der erste Favorit des Festivals

Scarlett Johansson und Adam Driver in Marriage Story
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Scarlett Johansson und Adam Driver in Marriage Story
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

So viel Raum gibt es in Los Angeles, wird in Marriage Story wiederholt, doch eine kleine Familienwelt droht unter den Palmen in tausend kleine Stückchen zu zerbersten. Die Eltern stehen am Anfang einer Scheidung, als Schauspielerin Nicole nach L.A. zieht, um eine Sitcom zu drehen, und Theaterregisseur Charlie von New York aus die Konsequenzen der Trennung sondiert.

Mittendrin der Sohn, dessen kindliche Perspektive Regisseur Noah Baumbach vor 14 Jahren in Der Tintenfisch und der Wal erkundet hatte. Nun fokussiert sich Baumbach mit einem hervorragend aufgelegten Ensemble auf die jungen Eltern. Gespielt werden sie von Scarlett Johansson und Adam Driver, die wir dank ihrer Engagements bei Marvel und Star Wars wohl offiziell als "Disney-Stars" bezeichnen können.

Baumbach legt mit Marriage Story seinen zweiten Film für den Streaming-Dienst Netflix vor, nach The Meyerowitz Stories mit Adam Sandler. In der Vorführung bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig wurde begeistert applaudiert. Wir haben es hier mit einem ersten Favoriten im Wettbewerb zu tun.

Drei Dinge, die ihr über Netflix' Marriage Story wissen solltet:

  • Marriage Story kommt am 6. Dezember, pünktlich zur Oscar-Saison, in den Netflix-Katalog.
  • Adam Driver singt an einer Stelle Being Alive aus Stephen Sondheims Musical Company und ausgehend vom Szenenapplaus wird das Netz im Winter vom dem Clip überschwemmt.
  • Marriage Story berührt mit seinem tragikomischen Blick auf die Trennung, wenn auch eine Distanzierung von Adam Drivers Ex-Ehemann ihm gut getan hätte.
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Statt Marvel & Star Wars: Ein Scheidungsdrama mit Scarlett Johansson und Adam Driver

Den Scheidungskrieg wollen Nicole und Charlie unbedingt verhindern. Wir treffen sie im Büro eines Paartherapeuten, in dem sie vorlesen sollen, was ihnen am anderen gefällt. Er soll die Anwälte ersetzen, das große Drama, das Hass und Missgunst überdecken lässt, wo einmal Liebe und Zuneigung war. Charlie und Nicole wollen um alles in der Welt verhindern, dass sie privat ein Remake des Scheidungsklassikers Kramer gegen Kramer drehen.

Wir hören ihre "Briefe" über den anderen. So stellt uns Noah Baumbach diese beiden in Marriage Story vor, der aus gutem Grund nicht Divorce Story heißt. Nicht im Streit, sondern in ihrer gegenseitigen Idealisierung. Er liebt es, wie sie sich voll und ganz aufs Spielen mit dem Sohn einlassen kann. Sie liebt seine Entschlossenheit, die ihr häufig fehlt.

Im Rückblick enthüllen sich in diesen liebevollen Beschreibungen bereits Bruchstellen der Beziehung, Ansatzpunkte, über die ein Therapeut vermutlich sprechen würde. Nur scheitert die Therapiestunde in New York. Keiner liest seinen Brief vor. Aus Marriage Story wird nach und nach ein L.A.-Film. So viel Raum steht durch die Trennung auf einmal zur Verfügung, das eine ganze Familie darin verloren gehen kann.

Als L.A.-Film ist Marriage Story die Antithese zu Once Upon a Time in Hollywood

Trotz guter Vorsätze landen Nicole und Charlie in Hochglanz-Kanzleien mit riesigen Fenstern weit über den charakterlosen Dächern von Los Angeles. Nach Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood schmeißt Noah Baumbach uns verträumten Filmtouristen erstmal abgestandenes Kühlwasser aus 1000 angestaubten Klimaanlagen ins Gesicht.

Der New Yorker blickt hier nämlich auf das weite, Fußgänger-feindliche Los Angeles, in dem die Figuren auf einmal überlebensgroß aus dem Drehbuch sprießen. Ray Liotta und Laura Dern spielen hochklassige Scheidungsanwälte, die zum Ankerpunkt für Baumbachs Kritik des amerikanischen Familienrechts werden. Oder wie Derns Figur erklärt: Das Justizsystem belohnt schreckliches Verhalten. Es belohnt die schrittweise Zuspitzung des Konflikts von Nicole und Charlie ums Sorgerecht ihres Sohnes.

Man merkt, dass hier jemand am Drehbuch schrieb, der eine (offenbar teure) Scheidung hinter sich hat. Das ist einer der Unterschiede zu Der Tintenfisch und der Wal. Damals verarbeitete Baumbach seine Erfahrungen als Scheidungskind. In der Zwischenzeit stehen Anfang und Ende seiner Ehe mit Jennifer Jason Leigh (The Hateful 8), mit der Baumbach einen Sohn hat, so wie Schauspielerin Nicole und Regisseur Charlie im Film. Er blickt milde auf die Filmeltern in Marriage Story. Sie geben ihr Bestes, den Krieg auf Scharmützel zu beschränken.

Scarlett Johansson und Adam Driver spielen beeindruckend genau

Einfallsreicher als die Anwaltskarikaturen (einer herrlichen dominanten Laura Dern zum Trotz) fällt die Familie als Ganzes aus. Julie Hagerty gibt Nicoles Mutter und sollte euch der Name nichts sagen, dann seid ihr verziehen, aber schaut und lacht nochmal über Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug. In dem bewies Hagerty schon vor fast 40 Jahren, wie viele Lacher großäugige Ahnungslosigkeit provozieren kann.

Hagerty spielt Johanssons überdrehte Filmmutter und Merritt Wever gibt die nervöse Schwester. Eine Szene, in der die drei Drivers Charlie die Scheidungspapiere überreichen wollen, gehört zum Lustigsten, was Baumbach je geschrieben hat. Auch weil das Geschehen abrupt zu ernsten Tönen wechselt.

In diesen bruchlosen Übergängen haben wir freien Blick auf die unangenehme Situation der Ex-Eheleute. Die Gleichzeitigkeit von Vertrautheit und Entfremdung, Liebe und ja, auch den Hass des Paares, schälen die beiden Marvel- und Star Wars-Helden Scarlett Johansson und Adam Driver mit beeindruckender Genauigkeit im Spiel heraus.

Es wird geschrien und geweint in Marriage Story. Ebenso viel drückt jedoch der ungelenke Umgang der beiden aus. Die Art der Begrüßung. Kuss auf Mund oder Wange? Eine Umarmung? Schließlich die vielen irritierenden Nebensätze, das Stirnrunzeln und Luftholen. Marriage Story offenbart zwischen den Frontalangriffen aufs amerikanische Rechtssystem den unvorhersehbaren, seltsamen und letztlich schmerzhaften Verwandlungsprozess dieser Beziehung zugunsten des Sohnes.

Marriage Story ist für Netflix ein starker Einstand im Festival von Venedig

Autor-Regisseur Baumbach bringt in der zweiten Hälfte größeres Interesse für die Perspektive von Charlie auf. Das mag angesichts des biografischen Hintergrunds logisch erscheinen. Was will man gegen eine Gesangsnummer mit Adam Driver einwenden? Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass Theaterregisseur Charlie seine Familienwelt zugunsten seiner Bedürfnisse inszeniert. Als die Hauptdarstellerin ausschert, springt der Film ein.

Im Festival von Venedig bildet Marriage Story einen starken Einstand für den Streaming-Dienst Netflix, der letztes Jahr mit Roma seinen ersten Hauptpreis bei einem A-Festival abstauben konnte. Andererseits klingt das schon wieder so sehr nach Charlie, den Nicole am Anfang des Films als wetteifernd beschreibt, selbst beim Monopoly mit dem Sohn. Im Prozess der Scheidung wird diese Eigenschaft wieder aufflackern.

Lassen wir den Goldenen Löwen also einmal Löwe sein. Mir gehen jedenfalls zwei Momente an diesem zweiten Festivaltag nicht aus dem Kopf: Wie das Logo von Netflix im Vorspann von Marriage Story vom sonst zurückhaltenden Publikum heftigst beklatscht wurde. Und wie zweieinhalb Stunden vorher dem monumentalen Schriftzug von 20th Century Fox vor Ad Astra Stille entgegen schlug. Grabesstille sozusagen.

Freut ihr euch auf Marriage Story?

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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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