You und Co. - Warum ist Netflix so besessen von Serienkillern?

You/Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders
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You/Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Die Faszination der Gesellschaft gegenüber Serienkillern als Mythos feiert bei Netflix momentan Hochkultur. Als Suchbegriff versorgt das Thema Abonnenten des Streaming-Diensten umgehend mit unzähligen Ergebnissen, die Interessierte in Welten verschiedenster Abgründe eintauchen lassen. Dabei sind die Formate, mit denen Netflix seine Kunden mit Stoffen rund um Serienkiller bedient, vielseitig.

Von Spielfilmen über Serien bis hin zu Dokumentationen im True Crime-Format reicht die Bandbreite, mit der die Thematik abgedeckt wird. In jüngerer Vergangenheit ist Netflix dadurch jedoch auch mit Problemen konfrontiert worden, denen sich der Streaming-Dienst stellen musste. Daraus zu lernen scheinen die Verantwortlichen aber nicht. Nachfolgend schauen wir uns Netflix und sein Problem mit seiner Faszination für Serienkiller genauer an.

Bei Netflix gibt es Serienkiller in Hülle und Fülle

Für die Auswahl seiner verschiedenen Serienkiller-Formate dürfte sich Netflix, wie bei jeder Entscheidung der Content-Wahl, am Konsumverhalten der Nutzer orientiert haben. Eng verbunden mit der hohen Nachfrage nach Serienkillern dürfte die große Beliebtheit von True Crime-Formaten wie Making a Murderer sein, in denen es um reale, gelöste oder bis heute ungelöste Kriminalfälle geht.

Zur gegenwärtig wieder neu entfachten Popularität von Serienkillern dürften aber auch mehrere fiktive Filme und Serien des Streaming-Dienstes beigetragen haben. Viel Aufmerksamkeit generierte beispielsweise Mindhunter von Produzent David Fincher, der vier Folgen der 1. Staffel inszenierte. Die Thriller-Serie spiegelt jene düstere Faszination wider, durch die sich Menschen immer wieder zu Serienkillern hinziehen lassen.

In extreme Höhen wird diese Faszination anhand der Hauptfigur eines Profilers geführt, der sich so sehr in den Köpfen der Mörder verliert, dass ihm die eigene Persönlichkeit mehr und mehr zu entgleiten droht. Eine treffende Parallele zu den Netflix-Abonnenten, die sich ebenfalls unzählige Stunden in den Serienkiller-Inhalten des Streaming-Dienstes verlieren können.

Netflix und seine You-Kontroverse

Mit der eingekauften Thriller-Serie You, die bei dem Streaming-Dienst regelrecht explodiert ist, brachte sich Netflix kürzlich ungewollt Schlagzeilen ein, die wiederum gute Promo darstellten. Auch wir berichteten darüber, dass die Thriller-Serie rund um einen gefährlichen, aber attraktiven Stalker dafür sorgte, dass Fans in sozialen Netzwerken den Protagonisten vermehrt anhimmelten:

Daraufhin musste You-Hauptdarsteller Penn Badgley selbst auf Twitter mehrere Bemerkungen dieser Art kommentieren, um die eigenen Fans vor der Netflix-Serie zu warnen. Showrunnerin Sera Gamble meldete sich wiederum zu Wort und versuchte, dem Protagonisten, der als psychopathischer Stalker auch vor dem Morden nicht zurückschreckt, mehrdimensionale Facetten abzugewinnen.

Hauptfigur Joe sei kein Monster, sondern vor allem ein Mensch mit jeder Menge Selbstvertrauen, der nach einer Art Erlösung suchen würde. Und ein Typ, der Menschen umbringt. Die logische Konsequenz des You-Vorfalls wäre, dass Netflix aus einer derartigen Entwicklung Rückschlüsse ziehen würde. Nicht einmal einen Monat später wiederholte sich dieses Muster jedoch.

Die Ted Bundy-Doku-Serie zwang Netflix erneut zum Handeln

Ende Januar 2019 veröffentlichte Netflix eine Doku-Serie, die sich mit den Taten sowie dem Gerichtsprozess von Ted Bundy auseinandersetzte. Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders widmet sich über vier Episoden hinweg ausgiebig einem der berüchtigsten Serienmörder der amerikanischen Geschichte, der zwischen 1974 und 1978 mindestens 30 junge Frauen und Mädchen getötet hat.

Ein Umstand, der für viele vornehmlich weibliche Zuschauer der Serie aber offenbar eher von zweitrangiger Bedeutung war. Wie schon kurz davor bei You häuften sich in den sozialen Netzwerken Posts von Frauen, die vor allem auf Bundys attraktives Äußeres abzielten. Diesmal ergriff Netflix das Wort und veröffentlichte ein Statement:

Die Erinnerung, dass sich tausende andere attraktiver Männer bei dem Streaming-Dienst auffinden lassen, die keine verurteilten Serienmörder sind, wirkte wie ein letzter Weckruf, den Netflix womöglich ebenso an sich selbst richtete. Mindestens einmal dürfte sich dieses Muster in naher Zukunft aber nochmal wiederholen.

Anfang Februar berichtete Variety, dass sich Netflix die Rechte an Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile sicherte. Der Spielfilm stammt vom gleichen Regisseur der Ted Bundy-Doku-Serie und behandelt den Serienmörder ein weiteres Mal. Diesmal mit Zac Efron als Ted Bundy. Die schwärmenden Kommentare zahlreicher weiblicher Zuschauer dürften nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Ebenfalls erst seit gut einer Woche neu im Angebot bei Netflix: Die als verhängnisvolle Romanze getarnte Serienmörder-Serie Dirty John, die von einer YouTube-Nutzerin unter dem Trailer-Video wie folgt zu You ins Verhältnis gesetzt wird:

Das ist einfach You, nur sind unsere Eltern diesmal die Zielgruppe.

Netflix spielt durch seine Serienkiller mit dem Feuer

Obwohl sich Netflix bei der Auswahl seiner Serienkiller-Stoffe letztlich nur dem Prinzip von Angebot und Nachfrage beugt, spielt der Streaming-Dienst in dieser Angelegenheit auf gewisse Weise mit dem Feuer. Ein Feuer, das sich aufgrund der tief in der Gesellschaft verwurzelten Faszination für Serienmörder nicht so einfach löschen lässt.

Speziell in Amerika hat diese Faszination eine jahrzehntelange Tradition, die von Charles Manson über Ted Bundy und John Wayne Gacy bis hin zu Jeffrey Dahmer reicht. In seinem Text für die Zeit über die Faszination von Serienmördern in Hollywood schreibt Peter Kümmel, dass der Serienmörder "das Gottähnlichste ist, was das Hollywood-Kino heute zu bieten hat."

Eine Feststellung, die angesichts der gegenwärtigen Dominanz des Superhelden-Kinos aus dem Hause Marvel, das genauso der Darstellung gottähnlicher Figuren frönt, verstärkt Sinn ergibt. In Zeiten strahlender Helden wird die Gesellschaft umso leichter von der dunklen Kehrseite angezogen.

In Gestalt gewöhnlicher Menschen, die sich auf exzessive, abgründige Weise über das Gesetz sowie oftmals jegliche rationale Logik erheben, markieren Serienmörder einen logischen Gegenpol zu überwiegend moralisch einwandfreien Heldenerscheinungen. Sie sind die unerklärlichen Bösewichte, die sich außerhalb der Leinwand oder des Fernsehbildschirms unter uns bewegen.

Mit seinem sichtbaren Überangebot an Serienkiller-Stoffen sowie dem jüngst deutlichen Hang zur Romantisierung ist Netflix längst Teil dieses gesellschaftlichen Phänomens geworden, dem die Faszination für Serienmörder zunehmend zum Verhängnis wird. In das lodernde Feuer gießt der Streaming-Dienst gerade nur noch stärker Öl.

Wie steht ihr zu dem Serienmörder-Angebot von Netflix?

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