Nicht erst seit The Interview

Selbstzensur in Hollywood

The Interview kam nicht wie geplant ins Kino
© Sony Pictures
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Am Wochenende feierte sich Hollywood bei der Oscar-Verleihung wieder einmal selbst, und die Filmschaffenden lobten sich dafür, dass sie brennend wichtige gesellschaftliche Themen in ihren Werken mutig aufgreifen und vor keiner Engstirnigkeit halt machen. Wie jedoch vor einigen Wochen anlässlich der Affäre um Sonys The Interview gesehen, ist es mit der Verteidigung der Kunst- und Meinungsfreiheit nicht allzu weit her, sobald diese mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Dabei ist der Rückzieher bei der Nordkorea-Satire aus Angst vor möglichen Schadenersatzforderungen im Falle der angedrohten Terrorakte nur das jüngste Beispiel in einer langen Geschichte von Selbstzensur in Hollywood, die ihren Beginn noch in der Stummfilmzeit nahm.

Die Anfänge der Selbstzensur

Um Anfang des 20. Jahrhunderts bundesstaatlicher bzw. städtischer Zensur wegen vermeintlich unmoralischer Inhalte zu entgehen, ließen New Yorker Kinobetreiber ihre Filme ab 1909 zunächst vom New York Board of Motion Picture Censorship (das später zum National Review Board wurde) prüfen, wie Filmmaker IQ darlegt. Diese von verschiedenen örtlichen Interessensgruppen gegründete Institution empfahl ihnen gegen Gebühr Schnitte, die der Staat später wahrscheinlich ohnehin verlangen würde.

Trotzdem gab es noch viele staatliche Zensurbehörden, die ebenfalls Gebühren verlangten, sich mit ihren Entscheidungen aber gern lange Zeit ließen. Dagegen klagte die Mutual Film Corporation, bekam vom Obersten Gerichtshof aber nicht Recht. Denn, so das folgenschwere Urteil von 1915: Filme vorzuführen sei ein Geschäft und falle somit nicht unter den Schutz der Presse oder der öffentlichen Meinung.

Zu dieser Bestätigung der Regulierungsgewalt des Staates kamen Anfang der 1920er-Jahre zahlreiche Skandale (Vergewaltigungs- und Totschlags-Vorwürfe, Mord, Drogentod), in die berühmte Hollywood-Stars wie Roscoe 'Fatty' Arbuckle verwickelt waren. Um die öffentliche Meinung zu retten, engagierte die 1922 gegründete Vereinigung der Motion Picture Producers and Distributors of America (MPPDA) den Washington-Insider William H. Hays als PR-Mann. Nach einigen Jahren der Lobby-Arbeit erarbeitete Hays - basierend auf Erfahrungen mit lokalen Zensurbehörden - 1927 zunächst eine Liste, die Ratschläge enthielt, was in Filmen besser nicht gezeigt würde (11 Themen, darunter zügellose Nacktheit), und wobei zumindest Vorsicht geboten war (25 Themen, darunter Folter): die Don’t and Be Carefuls.

Selbstregulierung gegen Sex und Crime

Als mit dem Aufkommen des Tonfilms Ende der 1920er-Jahre dann immer mehr Kinder ins Kino gingen und dort immer realistischere gewalthaltige Filme sahen, wurde von der Industrie 1930 der Motion Picture Production Code (auch bekannt als Hays Code) ins Leben gerufen. Er verbot vor allem Szenen der Leidenschaft, der detaillierten Ausübung von Gewalt und Beschreibungen von Verbrechen, zudem mussten Kriminelle am Ende des Films stets bestraft werden.

Der Hays Code war allerdings zuerst recht zahnlos, so strotzte Howard Hawks' Scarface 1932 nur so vor Gewalt, wie PBS anmerkt. Auf Forderungen, die Brutalität in seinen Filmen zu begrenzen, reagierte Hollywood mit einer Erhöhung der Sex-Quote, um das Publikums-Interesse hochzuhalten, Mae West wurde zum Inbegriff dieser Taktik. Dies rief wiederum die katholische Legion of Decency auf den Plan, die dagegen 1934 mit protestantischer und jüdischer Unterstützung zu Kino-Boykotten aufrief. Als Reaktion auf diese Proteste wurde ebenfalls 1934 wiederum die Production Code Administration (PCA) gegründet.

Unter ihrem Vorsitzenden Joseph I. Breen sorgte sie für die rigorose Durchsetzung des Hays Codes, und somit für eine Periode der jahrzehntelangen Selbstzensur Hollywoods: Nur mit ihrem Siegel versehen Filme konnten gezeigt werden, die PCA durfte Drehbücher ändern und letzte Schnittfassungen bestimmen. Neben der Vermeidung von Staatszensur und Boykotten hatte die freiwillige Selbstzensur noch einen weiteren positiven Effekt für die Studios der MPPDA: Die mannigfaltigen Verbote dienten sozusagen als Blaupause für die Skriptautoren, da Drehbücher nun hauptsächlich nach einer einzigen Formel verfasst wurden, was das Skriptschreiben im Studiosystem noch effizienter machte. Zudem wurde, worauf PBS hinweist, dank des Hays Codes auch dadurch Geld gespart, dass im Nachhinein nicht mehr so viele Änderungen an den Filmen vorgenommen werden mussten.

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