Sendepause fällig: Das RTL-Dschungelcamp steckt in der Krise

Dschungelcamp 2020
© TVNOW/ RTL
Dschungelcamp 2020
25.01.2020 - 09:45 UhrVor 1 Monat aktualisiert
12
11
Hat das Dschungelcamp seinen Zenit überschritten? Nach der aktuellen Staffel wäre zu überlegen, ob die RTL-Show eine Auszeit vertragen könnte.

Wenig lief in der 14 Staffel von Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! so, wie RTL sich das vorgestellt haben dürfte. Da gab es einerseits Kandidatinnen wie Playboy-Model Anastasiya Avilova, die eher parodistisch wirkend lüsterne Blicke aufsetzte, um schließlich nicht mal beim Duschen etwas Haut zu zeigen. Oder die verbalakrobatische Cholerikerin Elena Miras, die aus ihren bisherigen TV-Auftritten offenbar das Fazit zog, keine verbalakrobatische Cholerikerin mehr sein zu wollen.

Und andererseits gab es Situationen wie den ins Dschungelcamp getragenen Konflikt zwischen Anastasiya und Danni Büchner, der gleich zu Beginn unspektakulär beigelegt statt fortgesetzt wurde. Situationen, die sich als "aufgehende Bomben" ankündigten, ehe sie entweder gar nicht oder in derart abgeschwächter Form zu Scherereien mutierten, dass von Streitkunst nichts mehr übrig blieb.

Mangelndes Vertrauen ins Dschungelcamp

Die Produktion schien versucht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegenzuhalten. Spürbar umgemodelte Doppelprüfungen mit Danni und Elena sollten Publikum wie Team bei Laune halten. Regelbrüche führten wieder einmal zu folgenlosen Bestrafungen. Und Kontrahenten, die sich nicht von selbst zerfleischten, wurden gemeinsam ins Dschungeltelefon bestellt, wo es zum gewünschten Klartext kam.

Dschungelcamp 2020: Elena Miras belegt Platz 6

Solche Strategien – da mag ich als Fan der ersten Minute konservativ sein – nehmen der Show einen Teil ihrer Würde. Erstens bleiben sie überwiegend wirkungslos: Das bisschen Gezappel durch künstlichen Nikotinentzug konnte Staffel 12 damals auch nicht vor der Bedeutungslosigkeit retten. Zweitens demonstrieren sie ein mangelndes Vertrauen in jene Stärken, die das Dschungelcamp noch immer von anderen TV-Sendungen trennt.

Langeweile nämlich kann spannend sein, sofern sie das Reizvolle der Sendung komplett auf die Metaebene verlagert. Wenn Teilnehmer ihre Pritschen allenfalls für eine Runde Schwimmen im Teich verlassen, offenbart der unerwartete Leistungsverzicht gerade von verheißungsvollen Kandidaten die Möglichkeiten einer Show, auf die RTL nur bis zu einem gewissen Punkt Einfluss nehmen kann.

Unberechenbarkeit, die größte Stärke der Show

Das Dschungelcamp war ja überhaupt nur deshalb zu revolutionären Fernsehmomenten wie in den Staffeln 5 und 8 fähig, weil es sich dramaturgisch der Kontrolle seiner Macher entzieht. Niemand kann antizipieren, ob die jeweilige Gruppe zu einer irgendwie interessanten Form des Zeitvertreibs findet. Weshalb zugleich jede Bemühung um den richtigen Guss ohne Erfolg ist.

Richtig verstanden haben das auch die Teilnehmer noch immer nicht, obwohl sie über ausreichend Medienkompetenz und spezifisches Formatwissen verfügen. So verkennt, wer ewig gleiche Floskeln von Masken und Schauspiel bemüht, dass beides wunderbare Ergebnisse zeitigen kann, die angebliche Unverstelltheit ebenso wie das offensichtliche Theater – oder eben jener Arbeitsausfall, der eine Unterhaltungsshow in die Bredouille bringt.

Dschungelkönig in spe? DSDS-Sieger Prince Damien

Theoretisch verschafft all das eine gewisse Beruhigung, weil sich dem Dschungelcamp die Unberechenbarkeit nie völlig austreiben lässt. Eine schwache Staffel ist eine schwache Staffel, die nächste kann schon wieder das TV-Ereignis des Jahrzehnts sein. Obschon zur Wahrheit auch gehört, dass die Show im Wesentlichen von der Kraft ihrer zwei stärksten Jahrgänge zehrt, und dass die Möglichkeit einer Sensation selbst noch keine Sensation ist.

Ungleichgewicht der Dschungelcamp-Kandidaten

Daher produziert nicht zuletzt die Genese der Kandidatenauswahl reichlich Frust. Zwar hatte der häufig gegen das Format vorgebrachte Einwand, am Dschungelcamp nähmen gar keine richtigen Stars teil, niemals irgendeine Relevanz. Doch bringt die jährlich unprominenter erscheinende Zusammenstellung der Teilnehmer tatsächlich einige gravierende Probleme mit sich.

Während das Dschungelcamp für die meisten Prominenten in den ersten Jahren der vorläufige oder endgültige berufliche Tiefpunkt war, ist er nun vielfach Sprungbrett von RTL-Protagonisten, die eine nennenswerte Erzählung weder mitbringen noch herstellen können. Es waren gefallene Showmaster und TV-Legenden, denen das Dschungelcamp früher eine existenzialistische Bühne bot, die sie mit dem ihnen unbekannten Nachwuchs teilen mussten.

Obwohl diesjährige Kandidaten wie Sonja Kirchberger, Sven Ottke oder Ex-Bundesminister Günther Krause noch Überbleibsel des einstmaligen Konzepts erkennen lassen, dominiert lange schon ein Ungleichgewicht: So vergnüglich Elena Miras auf dem Papier zu sein verspricht, so wenig steht bei ihr auf dem Spiel – und so erheblicher schlägt es offenbar zu Buche, wenn sogar das Wenige nicht eingelöst wird.

Dschungelcamp 2020: Danni Büchner

Zeit für eine Stärkungspause

Zu diesen teils unerlässlichen Abnutzungserscheinungen gehören leider auch formale Defizite der lange Zeit makellos produzierten Show. Das reicht von Kleinigkeiten wie "lustigen" Animationen, die plötzlich Einzug ins Dschungelcamp hielten, bis zu den kaum noch doppelbödigen Moderationstexten, deren freudvolle Kommentarfunktion durch Comedy ersetzt wurde (mit ausgerechnet Thorsten Legat als Dauergast).

In der aktuellen Staffel zeichnete sich darüber hinaus eine eher ungewohnte Parteinahme ab. Während der ersten Tage schien den Machern sehr daran gelegen, die fraglos anstrengende Danni Büchner immer noch eine Spur anstrengender wirken zu lassen. Mit Bildeffekten und suggestiven Schnitten wurde ein unbeholfenes Lachen mal eben als selbstgerechtes Grinsen uminszeniert, was ihre Familie gegenüber der Bild-Zeitung zurecht kritisierte.

Vielleicht wäre eine Sendepause des trotz seiner enormen Kosten zuverlässig laufenden Formats nicht die schlechteste Idee. Zwischen 2004 und 2008 gönnte das Dschungelcamp sich eine stattliche Auszeit, im Jahr 2010 kam es ebenfalls zu keiner Ausstrahlung. Zwei bis drei Jahre regenerative Funkstille und dann ein furioses Comeback, so wäre es denkbar. Für endlich wieder bestmögliches Fernsehen.

Wie lautet euer Urteil zum Dschungelcamp?

Kommentare

Mehr zum Thema

Angebote zu Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! & aktuelle News

Themen: