Studio Amani oder Wie man keine gute Show macht

Studio Amani
© ProSieben / Boris Breuer
Studio Amani
22.03.2016 - 07:00 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Ein weibliches Late-Night-Format, das viele hässliche Anfeindungen im Netz erntet, möchte man eigentlich schon aus Prinzip verteidigen. Doch die bislang drei gesendeten Ausgaben von Studio Amani haben es ihren Skeptikern leider allzu leicht gemacht.

Der Vorspann gibt Rätsel auf. Moderatorin Enissa Amani steigt in einen Fahrstuhl und will ins Studio Amani, also offenbar hoch hinaus. Hinter ihr steht eine ältere Dame, die Amani lüstern auf den Po starrt, vor ihr steigen vier Männer zu, die irgendeinen Unsinn treiben. Einer liest Marx und beißt in sein mitgebrachtes Grillhähnchen, ein anderer trägt ein Bienenkostüm und versprüht Konfetti. Dann haut die ältere Dame einem Mann im Anzug eine Flasche über den Kopf, und der, der aussieht wie Rummelsnuff , der macht Seifenblasen. Währenddessen verzieht Enissa Amani keine Miene, hantiert aber kurz mit einem Feuerlöscher herum. Ganz oben angekommen lächelt sie doch noch ein wenig und betritt unter Beifall jenes Studio, das jetzt zunächst acht Wochen lang ihre neue Fernsehheimat ist. Immer montags, kurz nach 23 Uhr.

Das neue TV-Zuhause hat sich Enissa Amani vor allem sehr zugestellt. Auf einem runden Podest stehen zwei Couchen und ein Wohnzimmertisch, ringsum sieht man viele Blumenvasen, ein Teekännchen und Dinge, die wieder Rätsel aufgeben. Ins Auge stechen plüschige Kissen, nicht ins Auge sticht das einsam im Hintergrund stehende Bücherregal (vielleicht ist da der Marx drin). Einen Vogelkäfig gibt es auch, an lebenden Tieren allerdings hat das Studio Amani nur zwei niedliche Meerschweine zu bieten. Das wichtigste Inventar bildet ein DJ-Pult mit… DJ dran. Der sorgt statt Studioband für musikähnliche Showbeschallung und muss auch mal Stichwortgeber sein, kann zum Gespräch gezwungen werden oder einen beim Publikum nicht ganz so gut laufenden Gag wegscratchen.

ProSieben hat die 30-jährige "deutsch-persische Komikerin, Schauspielerin und Moderatorin" (Wikipedia ) zur notgedrungenen Ent-Raabisierung des eigenen Programms engagiert. Sie selbst sagte zu Beginn der Debütfolge, man habe von ihr nichts weiter gewollt, als dass sie rede, worüber sie reden möchte. Über "Politik, Wirtschaft, Inland, Ausland, Lidstrich, Haarspray" oder "welcher Politiker sich diese Woche wegen Drogen hat krankschreiben lassen". Da kamen sie auch schon, die Witze. Mit der für teutonische Comedy unverzichtbaren tagesaktuellen Dringlichkeit (bei Stefan Raab wär's die "Bild"-Schlagzeile mit der Hitler-Droge gewesen, Jan Böhmermann hingegen kicherte über den #BreakingBeck Hashtag). Und natürlich auch mit Geschlechter-Ulk: Männer machen dies, Frauen machen das. Weil's einfach nie alt wird. Oder lustig.

Noch mehr Witze gab es über deutsche Busfahrtpläne und Reaction Smileys auf Facebook. Über Donald Trump, Donald Trumps Rassismus oder Donald Trumps Haare. Und über Angela Merkel, NPD und AfD, eh klar. Keine Witze gab es hingegen über die Menschenrechtsbilanz von Hassan Rohani. Oder über Recep Tayyip Erdogan und Alexander Lukaschenko, die in täglichen Medien ebenso präsent, vor allem aber ebenso witzbedürftig sind wie ein Donald Trump, der hier dem Studiomeerschwein zu seinem Namen verhalf. Immerhin das muss man dem derzeit so schrecklich beliebten Neo Magazin Royale wohl zugute halten: Politische Spitzen verteilt Jan Böhmermann mit seiner Late-Night-Show in mehr als eine Richtung.

Nach drei Folgen sucht das Studio Amani verständlicher- wie bestimmt auch sympathischerweise noch immer eine Struktur, nicht jedes Segment wird sich – hoffentlich – durchsetzen. Sehr begeistert scheint Enissa Amani leider vom "Comedy-Battle" zu sein, der in bislang zwei Ausgaben internationale Comedians zum Duell antreten ließ, aber nichts weiter als quälend lange "interkulturelle" Zoten präsentierte. Auch das "Stand-Up-Roulette", welches Amani und ihr Bühnenprogramm an überraschende Orte verfrachtet, muss man unerträglich nennen. Und die im Verlauf der Show eingespielten Videobeiträge aus Sketchen und Parodien erinnern an deutsche Comedyshows von anno dazumal – sogar die Tortenschlacht hat man dafür aus den Untiefen von Papas Fernsehen ausgegraben!

Ihre vielleicht größten Schwächen offenbart die Sendung im Umgang mit einem gewissen interaktiven Unterhaltungsanspruch, wenn also die Videoleinwand im Studio zur Selbst- und Publikumsbespaßung herangezogen wird. Da gab es zum einen den recht dreist bei der Graham Norton Show stibitzten Einfall, ausgewählte Zuschauer eine Geschichte erzählen zu lassen, um dann bei Nichtgefallen einen Hebel umlegen und sie aus der Show schmeißen zu können. Und gibt es zum anderen die Idee, eingeladene Promis auf zugeschaltete Publikumsfragen antworten zu lassen, wodurch die Interview-Situation als solche unfreiwillig vereitelt wird: Ein halbwegs aufschlussreiches, flüssig geführtes, nicht komplett langweiliges Gespräch mit den Gästen bleibt das Studio Amani seinen Zuschauern noch schuldig.

Enissa Amani selbst möchte man vor der insbesondere auf Twitter allzu hämischen Kritik an ihrem Format dennoch in Schutz nehmen. Sie ist intelligenter als ihr planlos wirkendes Auftreten vermittelt, und sympathischer als vieles, was auf ProSieben sonst unter Comedy firmiert. Es wäre daher bedauerlich, würde Amani mit weiteren harmlosen Witzchen über "Kanaken" und ihren "Migrationshintergrund" in jenem vermeintlich humorvollen Rechtfertigungsmodus versacken, den das deutsche Publikum seit Kaya Yanar am liebsten hat – komödiantische Komfortzonen, in denen alles Fremde herzlich verlacht und auf sichere Distanz gehalten werden darf. Zu diesen Bedingungen wird das Studio Amani nur scheitern können: Wer sich dem deutschen Comedy-Zuschauer anpassen möchte, hat schon verloren.

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