Systemsprenger: Ein furioser deutscher Film rüttelt die Berlinale auf

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the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Dieses Mädchen macht Angst. Benni rennt und schlägt und kreischt sich durch den Film Systemsprenger, dass es einen durch Mark und Bein geht. Filme über Problemkinder, die in der Natur und mit harter Arbeit zu einer inneren Ruhe finden, gehören zur Stammbesetzung von Festivals wie der Berlinale. Da können sich die Zuschauer für zwei Stunden in einsilbige Jugendliche einfühlen, bei deren Anblick sie im wahren Leben die Straßenseite wechseln würden.

Benni ist anders. So eine wie sie habe ich lange nicht mehr im Kino gesehen. Bei der Berlinale 2019 bietet dieser erste deutsche Film im Wettbewerb nach dem lahmen Auftakt einen Adrenalinstoß, wie er zuletzt dem One-Shot-Experiment Victoria von Sebastian Schipper gelang.

Kurz und knapp:

  • Das Spielfilm-Debüt von Nora Fingscheidt ist der erste deutsche Film im Wettbewerb der Berlinale 2019.
  • Systemsprenger ist die furios gespielte Reise ins Innenleben eines verhaltensauffälligen Mädchens.
  • Das Missbrauchsdrama Gelobt sei Gott (Grâce à Dieu) ist der beste Film an diesem Wettbewerbstag.
  • Oscars 2020: Systemsprenger geht als deutscher Beitrag ins Rennen

Eine Szene, die die stärkste Seite von Systemsprenger für mich zusammenfasst: Benni, neun Jahre alt, ist mal wieder aus ihrer Wohngruppe abgehauen. Das verhaltensauffällige Mädchen will unbedingt bei seiner Mutter wohnen, also stürmt Benni das Treppenhaus hinauf, grüßt eine völlig perplexe Nachbarin und überrascht ihre beiden kleinen Geschwister mit einem Besuch.

Das Mädchen mit dem Blondschopf ist die Älteste der drei. Einen Jungen gibt es, der auch schon sinnlos auf herumliegendes Spielzeug eintritt. Eine kleine Schwester ist noch da. Benni setzt sich zum Fernsehgucken auf die Couch, alle drei nebeneinander wie eine ganz normale Familie. Ein Bluterguss auf der linken Schläfe der kleinen Schwester fällt auf. Die Mutter kommt nach Hause, ihr Freund ebenfalls. Ein Streit bricht aus. Die Mutter wird geschlagen, der Freund rastet aus, schlägt auf Benni ein. Und die ganze Zeit die Frage: Woher hat die Kleine den Bluterguss: von dem Freund der Mutter - oder von Benni?

Systemsprenger entfesselt einen Kreislauf aus Hoffnung und Enttäuschung

Benni ist ein Systemsprenger, ein verhaltensauffälliges Kind, dem die dafür vorgesehenen Institutionen - Sozialamt, Klinik, Wohngruppe, Pflegefamilie - nicht habhaft werden können. Sie überfordert Erzieher, schlägt auf Mitschüler ein und nimmt regelmäßig Reißaus. Versuche mit Medikamenten schlagen fehl. Benni kommt irgendwo unter, scheint sich einzuleben, doch dann rastet sie aus und das Spiel geht von vorne los. So fühlt sich auch der Film an. Er reibt auf, ermüdet, lässt Hoffnung aufkeimen und erstickt diese ebenso schnell im Keim. Ein bisschen so, als würde man in einem pinken Farbtopf ums Ertrinken kämpfen.

Es ist ein alle halbe Stunde wiederkehrender Kreislauf der Enttäuschung. Nur steigern sich mit der Laufzeit die Einsätze: auf allen Seiten. Von Bennis letzter Chance wird geredet, niemand wolle sie mehr haben. Für die geschlossene Einrichtung ist sie zu jung. Eigentlich.

Die Erwachsenen in Systemsprenger verlieren ihr Herz an Benni

Nach und nach lernen wir die Erwachsenen kennen, die sich um Benni kümmern. Manche sind genervt, manche verlieren ihr Herz an Benni, genau wie wir Zuschauer. Sie hoffen, sie werden enttäuscht und sie enttäuschen auch selbst. Albrecht Schuch, der mit Allergien geplagte Kollege aus der Serie Bad Banks, spielt einen Anti-Gewalt-Trainer. Er erkennt etwas von sich selbst in der Kleinen wieder. Und dann kommt dieser typische Berlinale-Moment: Er nimmt Benni mit in die Natur. Sie darf sich abreagieren. Besserung scheint in Sicht.

So einfach macht es sich Autorin/Regisseurin Nora Fingscheidt allerdings nicht, die mit Systemsprenger ein beeindruckendes Spielfilm-Debüt abgeliefert hat. Zuvor hatte sie bereits mit der Doku Ohne diese Welt ihr Langfilm-Debüt gegeben. Zwar überzeugen nicht alle Mittel, die uns Bennis Innenwelt näherbringen sollen (einige gestelzt wirkende Traumbilder reißen eher heraus, obwohl das Gegenteil bezweckt werden soll).

Anders als etwa beim Berlinale-Film 24 Wochen (2016) wirkt Benni stets größer als das "gesellschaftliche Problem", das der Film aufgreift. Sie ist ein Mensch, nicht nur eine Figur. Benni ist, auch dank der furiosen Helena Zengel, durch den Fachbegriff des Systemsprengers nicht zu fassen. Vor dieser Schublade wehrt sich die Kleine mit Händen, Füßen, Zähnen und vor allem ihren stählernen Stimmbändern, die das ganze Kino zum Wanken bringen. Kein Wunder, dass dieser Film vor Energie fast aus den Nähten platzt.

Gelobt sei Gott ist das genaue Gegenteil von Systemsprenger

Der neue Film von François Ozon gleicht in seiner ersten Hälfte einem Briefroman - so streng wird die Korrespondenz zwischen einem Missbrauchsopfer der Katholischen Kirche und der schuldigen Institution aufgeschlüsselt. All das geschieht in Gelobt sei Gott über beinahe unbeteiligt beobachtende Bilder des Autors der Briefe, der über Bahnhofsvorplätze hastet oder mit seinen fünf Kindern in die Kirche geht.

Vorwurf für Vorwurf, Opfer für Opfer wird der Blick erweitert, während sich auch die Ansprechpartner verändern. Geht das erste Opfer noch den Weg durch die kirchlichen Instanzen und hofft auf eine Lösung von innen, rücken später Polizei und Presse ins Bild. Dabei schildert François Ozon in erschütternder Nüchternheit die Konfrontation mit dem Trauma. So viele Erzählungen pädophiler Übergriffe eines Priesters reihen sich aneinander, bis sich Muster und Überlagerungen bilden.

Aus dieser distanzierten Beobachtung eines langwierigen Prozesses entfaltet sich die Selbstermächtigung der Opfer, samt aller Schmerzen, die das mit sich bringt. Ozon richtet seinen Blick, anders als der schwächere Spotlight, auf die Opfer, ohne ihr Leid auszuschlachten oder den Prozess der Wahrheitsfindung zugunsten von Dramatisierungen aus dem Auge zu verlieren. Es ist ein großer Film dank seine Beschränkung aufs Wesentliche.

Mehr: Berlinale - Alle Infos zum Programm, dem Wettbewerb und der Jury

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