Zum 70. Geburtstag

Takeshi Kitano - Japans lakonischer Gewaltpoet

Takeshi Kitano auf dem Set von Kikujiros Sommer (1999)
© Senator/Universum Film/Office Kitano
Takeshi Kitano auf dem Set von Kikujiros Sommer (1999)
18.01.2017 - 15:40 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Zum 70. Geburtstag von Takeshi Kitano werfen wir einen Blick auf das facettenreiche, von Gewalt und Poesie gefärbte filmische Schaffen des japanischen Regisseurs.

Achtung, Spoiler zu den Filmen Sonatine und Hana-Bi: Bloß kein Yakuza werden. In einem Interview mit The Hollywood Interview  aus dem Jahr 2001 sprach Takeshi Kitano über seine Kindheit in einem "typischen Mittelklasse-Bezirk" in Tokio, in denen Mitglieder krimineller Organisationen sowie Baseball-Spieler die Ikonen der Kindheit verkörperten. Er erinnert sich aber auch, was manch Angehöriger der "japanischen Mafia" ihm und seinen Altersgenossen geradezu als erzieherischen Appell nahelegte:

Sie würden Dinge sagen wie: 'Sei immer sehr freundlich zu deinen Eltern und bleibe in der Schule, andernfalls wirst du enden, wie ich', was sehr seltsam ist, oder?

Enden wie ich. Was dieses Ende bedeutet, legt der japanische Regisseur sowie häufig Hauptdarsteller seiner eigenen Filme, in vielen Werken virtuos dar. Nicht selten spielen seine Filme vor dem Hintergrund eines von Gewalt verseuchten Molochs, in denen die violenten Spitzen wie Fluchtreflexe aus einer Welt erscheinen, die keinen Sinn mehr birgt. Hinter Takeshi Kitanos Geschichten in diesen Abgründen bebt eine tiefe Menschlichkeit.

In diesem Alltag aus Prügelei, Verachtung und Tod innerhalb der polizeilichen wie mafiösen Strukturen steckt nicht selten der sehnsüchtige Wunsch nach Erlösung. Das kriminelle Milieu ist weniger Vehikel einer möglichst auf Thrill getrimmten Prämisse. Es ist vielmehr der Ausgangs- und zugleich Endpunkt gescheiterter Existenzen, denen Kitano ein auf Film verewigtes, humanes Denkmal errichtete. Heute wird der Filmemacher 70 Jahre alt und wir schauen auf sein Werk.

Lakonischen Blickes in den Untergang

Die Hoffnung ist nahe: Yakuza Murakawa (Takeshi Kitano), der kurz zuvor mit einem Maschinengewehr ein Massaker unter Bossen seinesgleichen anrichtete, fährt in seinem sanftblau gefärbten Auto an den Strand, wo seine Sommerromanze Miyuki (Aya Kikumai) sehnsüchtigen Blickes auf ihn wartet. Er kann das Meer sehen. Auf den letzten Metern bringt er sein Gefährt zum Stillstand und verbleibt regungslos auf dem Fahrersitz. Die aufgedrehte Filmmusik lässt unklar, was folgen wird. Murakawa hebt seine Hand und mit ihr die Pistole an die Schläfe. Ein Schuss, der blutige Tod, Miyukis vergeblich wartender Blick auf den Feldweg und eine letzte Impression, die das Auto vor Himmelskulisse zeigt. Nur ein paar Meter weiter. Ende.

Murakawas zu Anfang von Sonatine (1993) offenbarten Worte gegenüber einem Kollegen glänzen nun als das düstere Menetekel, das schon früh die tödliche Konsequenz andeuten sollte: "Ken, ich denke ans Aufhören.[...] Ja, ich bin dessen müde." Wieder eine verlorene Seele, die sich zwischen Erfolg und Lebensüberdruss in der Kriminalität im Leben nicht mehr wiederfand, vielleicht niemals lernte, sich zurechtzufinden. Denn Kitanos Figuren sind tragische Individuen, gefangen in der Traurigkeit ihres Daseins, das neben ihrem Beruf nur aus kaum vorhandenen bis non-existenten Beziehungen besteht. Und wenn doch präsent, so sind die Liebes- und Freundschaftsgeschichten häufig Krankheit und Tod geweiht.

Sonatine

Es sind lakonische, wortkarge Menschen, konsequent ihrer Sehnsucht nach einem Ausweg folgend, sowohl für sich selbst wie auch für jene, denen sie nahe stehen. Wie etwa in Hana-Bi (1997), in dem Zivilfahnder Nishi, einmal mehr von Kitano selbst verkörpert, eine letzte unbeschwerte Reise mit seiner todkranken Frau unternimmt. Ihr Trip endet erneut am Ufer des Meeres, als ihn seine Kollegen wegen mafiöser Verbindungen verhaften wollen. Er bittet, noch etwas zu warten. "Danke. Danke für alles." Es sind die letzten Worte an ihren Ehemann, denen zwei Schüsse folgen. Wieder verharrt der Blick Richtung Meer und Himmel.

Kitano, der komische Poet

"Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun", postuliert US-Regisseur David Fincher in seinem Fight Club (1999). Takeshi Kitanos Erzählungen wirken wie die weitaus facettenreichere, vermenschlichte Ausformulierung des Satzes, denn der Verlust aller Liebe und Menschlichkeit, einhergehend mit der Last des Schmerzes, zerstört alles Lebenserhaltende und setzt gleichzeitig eine fatalistische Gleichgültig frei. Dabei gesteht er seinen Geschichten aber auch die für ihre Entfaltung nötige Unbeschwertheit, das Spielerische und Kindliche inmitten eines um sich greifenden Nihilismus zu. Das Urlaubsmotiv etwa ist ein wiederkehrendes, so auch in Boiling Point (1990), in dem der Strandurlaub unter Yakuza einmal mehr seine bildliche Auflösung findet, wenn auch nicht so ausführlich, wie in Sonatine, in dem die Kriminellen einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, im Angesicht des Ozeans herumzutollen, kleine Theaterstücke zu inszenieren und sich an Albernheiten zu begeistern.

In Boiling Point füllt der ohnehin stets präsente Humor Kitanos jedoch einen vergleichsweise noch größeren Raum. Nie sah ich bis dato einem Gangster breitgrinsender dabei zu als Kitano, wie er in einer stickigen Karaokebar einem unliebsamen Gast regungslos mit einer Flasche auf den Kopf schlägt, während einer seiner Begleiter in herrlichster Trash-Manier einen absurden Auftritt hinlegt. An seinem Platz zurückgekehrt, steht er gleich noch einmal auf und haut klirrend zu. Diese komischen Eruptionen treibt er denn auch auf die Spitze, wenn er seine ständige weibliche Begleitung immer wieder mit hämmernden Hieben auf den Kopf traktiert und dabei keine äußerliche Emotion zulässt. Der in Japan zunächst als Komiker bekanntgewordene Filmemacher beweist hier einen überaus frischen, eigensinnigen Humor: Es sind die absurden, bizarren wie morbiden stillen Rufe nach der Flucht aus der sinnentleerten Welt.

Hana-Bi

Die Zartheit einer geradezu poetischen Stille umweht dabei Takeshi Kitanos Gesamtwerk. Der als Schnellfilmer bekannte Japaner sucht stets die Auflösung in der Sprache des Kinos, schenkt uns damit Momente reiner Schönheit und seinen Figuren den nötigen Freiraum dafür. In Hana-Bi bestaunen wir eine der wohl schönsten, da aufrichtigsten, Liebesszenen der Filmgeschichte: Das Ehepaar sitzt sich wortlos gegenüber, während Kitano sich und seiner Filmpartnerin Kuchen serviert. Es ist der Genuss der gemeinsamen Ruhe, die keiner Worte bedarf und in der Anwesenheit des anderen gefestigt ist. Nicht einmal während eines früheren Krankenhausbesuchs sprachen sie miteinander oder sahen sich gar an. Schließlich neckt sie ihn, indem sie dessen Kuchenstück auf ihren Teller legt und ihm nur die Erdbeere von ihrem Stück überlässt.

Sie schmunzeln und die Welt steht für einen Moment still. Wie so oft bei Takeshi Kitano. Alles Gute zum 70. Geburtstag!

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