Wie war der Tatort heute?

Tatort: Blutschuld - Schlafwandeln in der Hölle

15.02.2015 - 20:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Tatort: Blutschuld
© MDR/ARD
Tatort: Blutschuld
Der vorletzte Einsatz der beiden Leipziger Saalfeld und Keppler profitiert von einer rohen Energie, die Autor und Regisseur Stefan Kornatz seinen Figuren einverleibt. Auf die baldigen Tatort-Rentner überträgt sich diese nicht.

Was für einen Unterschied ein Drehbuch macht. Vergangene Woche durften wir noch zusehen, wie Uwe Bohm in Tatort: Château Mort als zwielichtiger Wäschereibesitzer eingeführt wurde, nur um in Windeseile von der nächsten unausgegorenen Figur beiseite geschoben zu werden. Autor und Regisseur Stefan Kornatz, der mit Tatort: Es ist böse einen der besseren Krimis der letzten Jahre gedreht hatte, speist den Charakterdarsteller so einfach nicht ab. In Tatort: Blutschuld entwirft er mit Hilfe von Bohm, aber auch Darstellern wie Bernhard Schütz, Natalia Christina Rudziewicz und Tino Hillebrand, einen Figurenkreis, der einzig durch die gegenseitigen Zerfleischungsversuche in Form gehalten wird. Neben dieser unbändigen destruktiven Energie wirken die beiden Kommissare Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) bisweilen leblos. Dabei beginnen sie im neuen Tatort  aus Leipzig ihre Abschiedstour, die im nächsten Fall zum Ende kommt.

Tatort: Blutschuld

An einer Stelle findet Keppler in Tatort: Blutschuld einen Erhängten und plötzlich fällt auf, woran es den Leipzigern in all den Jahren auch mangelte - neben guten Drehbüchern, einem Gespür für die eigene Stadt, einer Vision für die beiden Hauptfiguren. Da tut Keppler für eine Weile seine Arbeit. Er überblickt den Tatort, prüft die Leiche, Spuren in der Nähe, Details, Details, Details. Zeter und Mordio wird in diesem Krimi geschrien, es wird gesoffen, geschlagen und schlimmeres. Aber in dieser Szene haben wir Keppler, dessen Ruhe ausnahmsweise nicht mit Lethargie zu verwechseln ist. Ein Kommissar, der denkt. Wie sehen ihn förmlich denken, nicht so wie Tatort-Drehbuchautoren Denken häufig verkürzt transportieren: Als abgeschlossenen Vorgang in der mündlichen Wiedergabe des Offensichtlichen, als Exposition. Die Kamera folgt dem Leipziger Kommissar in dieser Szene ganz geduldig, als sei tatsächlich eine Erkenntnis zu gewinnen, als würde, mit anderen Worten, nicht ein Drehbuch die Figuren durch Plot-Stationen jagen, sondern deren wie auch immer geartetes Innenleben diesen Antrieb übernehmen.

Der Antrieb obliegt in Tatort: Blutschuld die meiste Zeit anderen. Familie Kosen ist schon ein außergewöhnlicher Haufen, da braucht es gar nicht den Mord am "cholerischen Despoten" Harald (Bernhard Schütz) zu. Der ehemalige Teilhaber der Firma (Uwe Bohm) säuft sich zu Grunde, weil seine Tochter von Harald einst überfahren wurde. Sohnemann Kosen (Tino Hillebrand) beginnt den Film, begleitet von The Whos "The Real Me", mit einem Messer im Hals und wird von der liebenden Verwandtschaft erstmal durchs Zimmer geschleift. Die Tochter (Natalia Christina Rudziewicz), ja die Tochter hütet ihr ganz eigenes, düsteres Geheimnis. Da lautet die Frage weniger, warum die Familie dezimiert wird, sondern eher durch wen.

In genau diesem Punkt entwickelt sich im Drehbuch von Kornatz allerdings eine Vorhersehbarkeit, der umso weniger mit logischen Erklärungen begegnet werden kann, je weiter der Tatort voranschreitet. Da wird die Zwangsläufigkeit einer Tragödie heraufbeschworen, was bei dieser Familiensituation niemanden überrumpeln dürfte. Nur bleiben Keppler und Saalfeld ebenda auf der Strecke, so sehr sich das Buch auch bemüht, Saalfeld in der Beziehung zur Kosen-Tochter einem Anwesenheitsnachweis im eigenen Krimi unterzuschieben. Solche als Melancholie getarnte Stagnation, wie sie Leipzig seit Jahren ausmacht, bildet denn auch den Unterschied zwischen einem großartigen Krimi und einem durchaus guten. Zwischen Tatort: Es ist böse, dessen abgründige Weltsicht die Gesetzeshüter stimmig integriert, weil deren facettenreiche Charaktere es hergeben, und der heutigen Blutschuld, in der Keppler und Saalfeld oft wie Außenseiter ihres eigenen Films wirken. Was für einen Unterschied Kommissare machen.

Mord des Sonntags: Da weiß man nicht, ob man über den Familientyrannen oder den Wachhund trauern soll.

Zitat des Sonntags: "Waren wir jetzt zu früh oder zu spät?"


Wie hat euch der vorletzte Tatort mit Saalfeld und Keppler gefallen?


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