The Americans ist die beste Serie, die ihr noch nicht gesehen habt

The Americans: Matthew Rhys & Keri Russell
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Eine Serie als beste der Welt zu bezeichnen, ist generell ein riskantes Unterfangen und das umso mehr in Zeiten des Peak TV. Woche für Woche prasseln zahlreiche Serienstarts auf uns ein und erschweren uns den Überblick. Alles davon zu konsumieren ist natürlich noch viel unmöglicher, dazu nämlich müsste der motivierte Zuschauer das Tempo von Pac-Man an den Tag legen. Frustriert also müssen wir einsehen, wie schwierig es geworden ist, die Rosinen im großen Kuchen zu erwischen - jenem Kuchen, dem es kaum egaler sein könnte, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Die gute Nachricht aber: Serien wie The Americans sind mitten unter uns. Nachdem wir in den vergangenen Jahren etwa von The Leftovers, Halt and Catch Fire und Rectify Abschied nehmen mussten, fiel Ende Mai 2018 auch für das Spionagedrama bei FX der letzte Vorhang. Nahtlos reiht sich die Serie ein in eine Riege herausragender Fernsehdramen, denen trotz euphorischer Krtiken der große Durchbruch verwehrt blieb, weil sie von zu wenigen gefunden werden. Hätte The Americans vor 20 Jahren Premiere gefeiert, sprächen wir heute über die Serie wie über Die Sopranos. Dank Peak TV aber scheint der Weg zum verdienten Klassikerstatus steiniger denn je.

The Americans - Familienalltag im Kalten Krieg

In seinen 6 Staffeln hat The Americans eine beachtliche Entwicklung durchlaufen und ist sich dabei doch stets treu geblieben. Die Geschichte um zwei zweckverheiratete russische Spione, die während des Kalten Kriegs die USA infiltrieren, stand nie im Zeichen von altbackenen Agentenklischees und um Politik im engeren Sinne geht es allenfalls am Rande. Stattdessen haben sich die Macher seit jeher ihren Figuren verschrieben, deren existenzialistische Tragweite im besten Sinne zusehends ausufert. Die Ehe von Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth Jennings (Keri Russell) ist lediglich arrangiert und permanent steht zur Debatte, inwieweit sich die beiden einander als Partner im doppelten Sinne akzeptieren können beziehungsweise wollen. Moralische Grauzonen eröffnen sich derweil über die zwei leiblichen Kinder der Hauptcharaktere, welche aus Perspektive der russischen Auftraggeber in erster Linie als Tarnung dienen: Eine klassisch mittelständische Familie - Elizabeth und Philip betreiben offiziell ein Reisebüro - erregt in den USA der 1980er Jahre weniger schnell Verdacht als ein Paar ohne Nachwuchs.

Besonders die Jennings-Tochter Paige nimmt in den späteren Staffeln von The Americans eine immer prominentere Rolle ein. Holly Taylor spielt die Teenagerin mit einem hinreißenden Idealismus, der jedoch mitunter von einer sehr schmerzhaften, beinahe noch kindlichen Naivität und Sturheit an seine Grenzen getrieben wird. Über Paiges Eltern verhandeln die Macher der Serie schlafwandlerisch die russische und amerikanische Lebenswirklichkeit vergangener Tage, bohrende Identitätsfragen inklusive: Während sich Philip mit der westlichen Moderne arrangiert hat, fungiert Elizabeth lange Zeit als Traditionalistin. In diese Kluft gerät später auch Paige und das auf denkbar tragische Weise. Schließlich verfügt das ausschließlich in den USA großgewordene Mädchen über keinerlei Bindung zu Russland.

Elizabeth und Philip sind verdammt gut in dem, was sie tun, doch die Opfer, die ihnen ihre geheime Arbeit abverlangt, hinterlassen Spuren, die irgendwann nicht mehr zu übersehen sind. So kämpft Philip schon zu Beginn von The Americans jedes Mal unverkennbar mit seinem Gewissen, wann immer Bauernopfer erbracht werden müssen, weil eine Person zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Seine Frau erscheint demgegenüber vergleichsweise obrigkeitshörig und erledigt zumeist ohne Murren, was ihr aus der Heimat aufgetragen wird. Staffel 6 indes hält eine spannende Entwicklung für Elizabeth parat, denn eine Serie wie The Americans ist stets bereit, patriotisches Pflichtbewusstein und empathisches Handeln gegeneinander abzuwägen. Darauf läuft am Ende alles hinaus.

Noah Emmerich ist der heimliche Star in The Americans

Das Zünglein an der Waage aber ist bei The Americans Noah Emmerich. Er verkörpert mit Stan Beeman den wohl melancholischsten FBI-Agenten der Seriengeschichte und die dynamischste Figur des Dramas - stets grüblerisch taumelnd zwischen privaten und beruflichen Baustellen sowie zwischen seiner Verantwortung als Mensch und Beauftragter des Staates. Ausgerechnet bei ihm handelt es sich um den Nachbarn der Jennings und ausgerechnet zwischen besagter Familie und ihm entwickelt sich etwas, das trotz diverser Notlügen der Spione wahrhaftiger ist als jeder einzelne blutige Coup, den Philip und Elizabeth unbemerkt über die Bühne bringen: Freundschaft. Dass Stan Beeman sich als eigentlicher Star des Serienfinales hervortut, ist ebenso erfreulich wie naheliegend, wird dies doch der Bedeutung des Charakters über 6 Staffeln hinweg gerecht. Nichts jedenfalls finde ich in The Amercians ergreifender, als Noah Emmerich ein ums andere Mal an der Welt verzagen zu sehen. Und das sage ich mit Blick auf eine Serie, die sich über einen Mangel an großen Darstellern (in Nebenrollen glänzen Margo Martindale, Alison Wright und Laurie Holden) wahrlich nicht beklagen kann.

The Americans mag im Kalten Krieg spielen und dabei - womöglich standesgemäß - weder mit der Darstellung von Gewalt noch dem vereinnahmenden Beschreiben persönlicher Tragödien geizen. Entlassen werden wir indes mit der Hoffnung darauf, dass Menschlichkeit, und sei es nur im Kleinen, immer die Chance hat, zu gewinnen. Und wer weiß, vielleicht wird die Serie in 15 Jahren als das gehandelt, wozu sie prädestiniert ist: als Klassiker.

Staffel 5 von The Americans läuft ab dem 15.06.2018 auf Sat.1 Emotions in deutscher Erstausstrahlung. Jeden Freitag zeigt der Bezahlsender eine neue Folge.

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