Peak TV - Wenn großartige Serien in der Masse verschwinden

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Beeblebrox Matthias Hopf
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Wenn wir zurück auf das Serienjahr 2017 blicken, gibt es dort nicht nur reichlich Vertreter der episodisch erzählten Gattung zu entdecken, sondern vor allem einen Begriff, dem spätestens dieses Jahr niemand entkommen konnte, der sich auch hin und wieder mit dem Geschehen hinter den Kulissen der Serienlandschaft beschäftigt hat. Die Rede ist von Peak TV, jenem Schlagwort, das in Überschriften triggerte und auf Twitter für belebte Diskussion zwischen TV-Kritikern sorgte. Doch woher stammt der Begriff? Wie wird er verwendet? Und welche Bedeutung verbirgt sich hinter ihm?

Woher kommt der Begriff Peak TV?

"There is simply too much television", diagnostizierte John Landgraf vor zwei Jahren, als er im Zuge der Pressetour der Television Critics Association vom bemerkenswert zunehmenden Wachstum an jährlich veröffentlichten Serien und Staffeln sprach. Kurz darauf benannte der CEO von FX Networks, seines Zeichens ein eingefleischter Serienfan, die von ihm angestellte Beobachtung als "peak TV in America", womit die erste wegweisende Nennung des Begriffs geklärt werden kann. Ob es sich nun um einen vollständigen Neologismus handelt oder bloß die logische Zusammenführung der Zeichen der Zeit vor einem fachmännischen Publikum, das die Begrifflichkeit sofort adaptierte, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die Verwendung von Peak TV seitdem Einzug in sämtliche Gespräche über das Seriengeschehen gefunden hat und zur gängigen Umschreibung der bis heute anhaltenden Serienflut avanciert ist.

Was war vor Peak TV?

Mit dem Aufkommen von Peak TV stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Ära damit in den vergangenen Jahren abgelöst wurde. Die Antwort ist so schlicht wie einfach: das Goldene Serienzeitalter aka The Golden Age of US Television. Nachdem bereits in den 1950er Jahren von einem Goldenen Serienzeitalter die Rede war und später die 1980er als zweites Goldenes Serienzeitalter deklariert wurden, könnte die Entwicklung, die Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre einsetzte, auch als drittes Goldenes Serienzeitalter beschrieben werden.

Im aktuellen Diskurs steht das Golden Age aber vor allem für den rasanten Aufstieg des Mediums durch Kabelsender wie HBO und Serien wie Die Sopranos, Six Feet Under - Gestorben wird immer und The Wire, wenngleich einzelne Beobachter die Anfänge bereits in Buffy - Im Bann der Dämonen, Star Trek: Deep Space Nine und Babylon 5 sehen. Die Vorzüge dieser Serien offenbarten sich in fortschrittlichen Vertriebswegen und ungeahnten Möglichkeiten, einen kreativen Output zutage zu fördern, der vor allem im starken Kontrast zum in Verruf geratenen Network-Fernsehen stand.

Auf einmal waren Serien wieder en vogue und nicht bloß für die beiläufige Abendgestaltung gedacht. Es gab mitreißende Figuren und Geschichten zu entdecken, die vor allem im Pay-TV in einer Form dargestellt werden konnten, wie es sie noch nie zuvor zu sehen gab. So hat sich HBO etwa abseits seiner qualitativen Standards ebenfalls einen Ruf als Sender erarbeitet, bei dem gerne Grenzen überschritten werden, indem Gewalt und Sex besonders grafisch zum Ausdruck kommen. Ein Image, das sich HBO später zum Beispiel im Rahmen der Werbekampagne von HBO Go selbst zu Nutzen gemacht hat.

Was bedeutet der Begriff Peak TV?

Doch was bedeutet nun Peak TV, wenn ein Anstieg an sehenswerten Serien bereits während den 2000er Jahren stattgefunden hat? An diesem Punkt kommen wir wieder auf John Landgrafs Statement zurück, der den Begriff Peak TV in erster Linie bemühte, um der enormen Fülle an neuen Serien ein Gesicht zu verleihen, die momentan in unüberschaubaren Maße über uns hereinbricht. War mit dem Golden Age zweifelsohne auch ein Anspruch an die Qualität der Serien verbunden, fokussiert sich der Peak - sprich: Höhepunkt - von Peak TV eindeutig auf die Quantität, die zuletzt besonders durch die überall hervorsprießenden Eigenproduktionen von VoD-Anbietern wie Amazon, Hulu und Netflix befeuert wird.

Peak TV beschreibt einen bisher beispiellosen Überfluss an Serien, erst einmal unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht sind - allerdings mit der Aussicht auf Diversität, was durchaus als positive Entwicklung wahrgenommen werden kann. Wenngleich die schiere Anzahl an frisch gestarteten Serien pro Woche mehr als erschlagend wirkt und niemand mehr hinterherkommt, wirklich alles zu schauen, so vertieft sich die Serienlandschaft aktuell doch in spannende Nischen. Diese waren zuvor unangetastet, da stets Variationen einer altbekannten Formel den Ausgangspunkt prestigeträchtiger Projekte bildeten, die von Woche zu Woche erzählt wurden und sich dabei vorzugsweise um einen weißen Antihelden in der Krise à la Tony Soprano oder Walter White drehten.

Nachdem Don Draper das letztes Mal sein Whiskeyglas erhob, war die Serienwelt nicht mehr die gleiche. An die Stelle der unter ihrer Bürde leidenden Männer rückten plötzlich die unterschiedlichsten Figuren, die sich in Genres aller Couleur austoben durften. Damit sei nicht behauptet, dass vorherige Serien thematisch nicht mit den jüngsten Produktionen mithalten können. Auffällig ist dennoch die Vielfalt in allen Bereichen, die es uns ermöglicht, in einer Woche Alltägliches aus dem Leben einer Transgender-Frau zu erfahren, während in der nächsten Superhelden-Serie Depressionen und Missbrauch angesprochen werden und selbst vor dem bewährten Hintergrund eines Gefängnisses verblüffende Geschichte mit einem bunt gemischten Ensemble erzählt werden können.

Nischenbelegung und Übersättigung

Wo ein Streaming-Dienst mit dem Versprechen wirbt, dass seine Kunden das gesamte Angebot jederzeit und überall schauen können, bringt Peak TV - beinahe schon einer konsequenten Reaktion gleichend - genügend Serien mit, damit jeder auch seine Serie findet, die er dann jederzeit und überall schauen will. In einem bestimmten Teil dieser kleinen Streaming-Utopie liegt jedoch auch das Problem verborgen: Das Finden ist im Jahr 2017 nämlich gar nicht mehr so einfach, da im Rausch der wöchentlichen Neuankömmlinge schlicht die Übersicht darüber verloren gegangen ist, welche Serien gerade existieren und wo sich der geneigte Serienfreund diese überhaupt anschauen kann. Je mehr Serien es gibt, desto bitterer wird der Konkurrenzkampf.

Zwar gibt es eine gewisse Anzahl an Serien, die regelmäßig aus der Masse herausstechen und unter Umständen sogar aus dem Nichts die Serienwelt erobern können. Stranger Things, von dessen Produktion im Frühjahr 2016 vermutlich noch nicht einmal der durchschnittliche Netflix-Angestellte wusste, verwandelte sich binnen eines Wochenendes in ein globales Phänomen, während gleichzeitig mindestens eine Handvoll artverwandter Serien in der Versenkung verschwanden. Selbst im Angesicht der erfreulichen Vielfalt kristallisieren sich im Zeitalter von Peak TV gewisse Big Player heraus, sodass der verbleibende Rest um jede ausgestrahlte/gestreamte Minute kämpfen muss.

Gelegentlich passiert es aber, dass selbst herausragende Dramen wie The Leftovers, Rectify und Halt and Catch Fire unter dem Radar fliegen und trotz Empfehlungsschreiben nie das Publikum finden, das ihnen womöglich noch im Golden Age zuteil geworden wäre. Peak TV schließt also nicht nur eine Steigerung an sehenswerten Serien mit ein, sondern sorgt gleichzeitig auch dafür, dass diese im Angesicht der Übersättigung untergehen. Dass Peak TV ausschließlich gutes Fernsehen beschreibt, ist und bleibt dabei ein Irrtum. Zwar mögen sich empfehlenswerte Serien in gewissen Filterblasen häufen. Aus der Distanz betrachtet sammelt sich aber genauso viel Mittelmaß wie Schlechtes, Enttäuschendes und Überflüssiges an.

Somit ist Peak TV gleichermaßen zum Auslöser für Serien geworden, die wir ansonsten nie bekommen hätten, und solcher, die wir nie gebraucht hätten. Letztendlich ersticken wir im Angebot. Ironischerweise nimmt dabei die zur Verfügung stehende Menge an Laufzeit aller gleichzeitig existierenden Serien nur bedingt zu, denn an die Stelle umfangreicher Staffeln mit 24 Episoden treten inzwischen immer mehr alternative Umfänge, die sich bei einer Stärke von 10 Episoden pro Staffel einpendeln. Die Auswahl und damit einhergehende Überforderung bleibt trotzdem bestehen.

Ein Leben mit Peak TV

In den letzten zwölf Monaten haben wir ein aufregendes Serienjahr erlebt, das ganz im Zeichen von Peak TV stand. So gab es etwa auf Netflix einen Western zu sehen, wie er es heutzutage kaum noch ins Kino schaffen würde, während gleichzeitig eine neue Star Trek-Serie und eine Star Trek-Parodie im Fernsehen liefen bzw. gestreamt werden konnten. Im Jahr 2017 eröffnete Kathy Bates eine Cannabis-Apotheke, Alison Brie stellte die erste Damen-Wrestling-Liga vor und Spike Lee inszenierte die Serien-Remake-Version seines eigenen Durchbruchsfilms. Dazwischen experimentierte Noah Hawley munter mit der Form von Anthologie- und Superhelden-Serien, und uns blieb nur noch ein minimales Zeitfenster, um über die neuen Episoden zu diskutieren, ehe der nächste Neustart unsere Aufmerksamkeit beanspruchte. Dann verschwand plötzlich eine Serie mit Hugh Laurie, einem der großen Serienstars der 2000er Jahre, ohne, dass es je jemandem aufgefallen wäre. Das alles ist Peak TV.

Wie nehmt ihr das Phänomen Peak TV wahr?

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