The Favourite: Bitte besetzt Emma Stone in allen Rollen. Danke.

The Favourite
© 20th Century Fox
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Wenn ich an Im Zeichen des Bösen denke, dann zuallererst nicht an den Schnurrbart des falschen Mexikaners Charlton Heston oder die Plansequenz, die in einer Autobombe kulminiert. Das wabbelige, schwarz-weiße, aus der Form geblasene Gesicht des Kinowunderkindes Orson Welles drängt sich mir auf. In seinem "neuen", letzten Film The Other Side of the Wind fehlt das aufgeblasene, unförmige, genau wie das verschmitzte Zauberergesicht aus F wie Fälschung. Stattdessen sucht die Kamera im Gewimmel einer Hollywood-Party nach John Huston, über dessen Züge nicht weniger Studiochefs getrampelt zu sein scheinen, aber dazu noch eine Tonne Wüstensand gegossen wurde. Als eine Art Vorschlag der Vollendung wurde der Film beim Festival Venedig außerhalb des Wettbewerbs präsentiert. Im Vorspann kündigte ein seriöses Netflix-Logo das filmhistorische Streaming-Ereignis an. Darin wird das Firmen-N mit einer den Marvel Studios entlehnten Fanfare und dem Farbspektrum des Bifröst zusammengesetzt. Netflix, vom Himmelreich zu uns herab gesandt. Dabei drücken uns Welles und seine Vollender im Schnittraum mit dem Kopf direkt in den glitzernden Rinnstein Los Angeles. Welles' Hollywood reiht sich ein in die bizarren Historienwelten von Yorgos Lanthimos' The Favourite und The Ballad of Buster Scruggs von den Coen-Brüdern. Beide laufen im Wettbewerb.

Emma Stone durchläuft in The Favourite eine Tour de Force

Emma Stone wurde vermutlich in genau der richtigen Zeit für ihre Talente geboren*. Trotzdem gibt der neue Film des Dogtooth-Regisseurs Lanthimos eine Reihe von Vorschlägen, in welchen Epochen Emma Stone auch gut aufgehoben wäre. Im späten Stummfilm zum Beispiel (offensichtlich bei diesen Augen!). In körperbetonten Screwball-Komödien der Marke Preston Sturges (Emma Stone + Joel McCrea = Traumpaar!). Als bourgeoise Intrigantin in einer Gesellschaftsatire von Luis Buñuel; in einem Historienfilm von Peter Greenaway aus den 80ern ... Aber genug der Fan-Fiction direkt aus Venedig! In The Favourite landet Emma Stones Gesicht erstmal im Schlamm. Sie spielt Abigail Hill, die sich in den frühen 1700ern als Hausmädchen verdingen muss, obwohl ihre Familie mal Stellung besaß. Über verwandtschaftliche Strippenzieherei erhält sie Anstellung bei ihrer Cousine Sarah Churchill (Rachel Weisz), engste Beraterin der britischen Königin Anne (Olivia Colman), und, wie Abigail schnell bemerkt, ihre Geliebte. Abigail lernt schnell und so entwickelt sich schon bald ein herrlicher schmerzhafter Wettstreit um die Gunst der Königin.

Als Abigail in den Dunstkreis der Königin kommt, schaut die Kamera wie ein hervorlinsender Diener zu den gepuderten Herren und Damen auf. Es ist ein groteskes Schauspiel, alles andere hätte bei einem Besuch des Griechen Lanthimos am englischen Hof enttäuscht. In der Fischaugenlinse biegen sich die vertäfelten Wände und Fenster des Schlosses. Das stilistisches Mittel suggeriert bei Terry Gilliam Paranoia. Bei Lanthimos bündelt es den Mikrokosmos des Hofes. Anne selbst geht unter der Bürde der Macht ein. Linderung verschafft ihr Rachel Weisz' Sarah. Emma Stone durchläuft als Aufsteigerin Abigail gefühlsmäßig ein halbes Dutzend Hollywood-Genres und die Dialogpfeile des endlos zitierfähigen Drehbuchs feuert sie so treffsicher ab wie den Vorderlader. Es ist eine Tour de Force in einem Film in dem, sagen wir es so, viel geschauspielert wird. Ohne Rachel Weisz würde The Favourite in der selbstgefälligen Beobachtung dieser Zerfleischung steckenbleiben. Weisz spielt unter den drei Hauptdarstellerinnen die leisen Töne. Eine mitleidlose Härte hat Churchill am Hof überleben lassen - und die aufrichtige Liebe. Beides vereint Weisz in ihrer Darbietung, ohne die Widersprüche unseren Sympatien zuliebe zu tilgen.

Die Coen-Brüder enttäuschen mit Buster Scruggs

Ein Fischauge könnte sich sattsehen im Presseraum des Festivalzentrums, der sich in einem faschistisch angedachten Bau aus den 30er Jahren befindet. Dessen unpraktisch hohe Decke erhebt sich weit über den Köpfen der Journalisten, die von oben vermutlich wie Ameisen an ihren maroden schwarzen Plastiktischchen kauern, während die Klimaanlage für das protzende Palazzo del Casinò überkompensiert. In den letzten Tagen fiel der Regen über das Festival auf dem Lido her. Bei der A Star Is Born-Premiere schlug der Blitz ein, die Projektion wurde 20 Minuten unterbrochen. Der Himmel zeigt sich sichtlich gerührt von Bradley Coopers singendem Niedergang. Zuvor gab sich das Festival-Eiland von seiner entspannten Seite. Auch in Venedig gibt es unter den Akkreditierten mehrere Klassen, das Warten fällt trotzdem entspannter und vor allem kürzer aus als in Cannes. Umschwärmt wird das Festivalzentrum von Pop-up-Cafés, in denen Espresso und Aperol Spritz fließt. Während du versuchst, so weit wie möglich von dem trällernden Pavarotti-Imitator entfernt zu sitzen, der von Tisch zu Tisch spaziert, landen ein paar Hundert Meter entfernt die Stars mit ihren edlen Wasser-Taxis. Die ungesunde Farbe des Wassers (als hätten alle Aquarellmaler der Stadt ihre Pinsel darin gereinigt) tut dem Glamour keinen Abbruch.

Angesichts der unter Blitz und Donner eigentlich nur als "chillig" zu beschreibenden Atmosphäre des Festivals von Venedig werden auch große Enttäuschungen schnell weggespült (von Regen oder Spritz). The Ballad of Buster Scruggs ist so eine. Der zunächst als Serie angekündigte Episoden-Western der Coen-Brüder versammelt eine Reihe von Charaktergesichtern, die es mit Lanthimos und Welles aufnehmen können. Die schmalen Züge von Tim Blake Nelson grinsen sich singend durch die erste Mini-Folge, ein entzückendes Cowboy-Musical. Der Wettbewerb von Venedig und die Erwartungen, die er schürt, dürfte jedoch der falsche Ort sein für diesen Buster Scruggs. Als übergreifendes Thema der seichten Western-Balladen schält sich der Tod heraus, speziell die Frage, wie einfach es sein kann, ihn herbeizuführen und wie schwer, ihn zu verhindern. Im Grenzland, so die Lehre der Geschichten um Goldgräber, Bankräuber und Siedler, ist das Leben wenig wert und das Überleben umso mehr. Nur wenige Miniaturen in der Sammlung vermögen allerdings über diese Erkenntnis hinaus ein Eigenleben zu entwickeln. Irgendwo zwischen Serie und Film ist Buster Scruggs versandet.

Zurück also zu Orson Welles, dessen letzter Film zu zwei Dritteln als Mockumentary auf ein Kabinett von Hollywood-Gestrigen blickt. Im rasenden Tempo übrigens. Da dient sich der Netflix-Rückspul-Button an. Herausragend: Lilli Palmer als Diva und Begleiterin von Hustons müdem Regisseur. Palmer starb ein Jahr nach Welles. Auch wenn The Other Side of the Wind ein echter später Welles ist, mit allen Problemen, die das mit sich bringt, lohnt sich die Vollendung, um diese Darbietungen nicht im Archiv verrotten zu lassen. Das andere Drittel, ein Film im Film, vereint einen Welles'schen Widerspruch: Das Ganze geht als Parodie des europäischen Autorenfilms (Zabriskie Point lässt grüßen) durch und doch lässt sich das Gefühl nicht abschütteln, dass hier jemand den Jungen mal so richtig zeigen will, wie diese Sache - Film - richtig gemacht wird. Die besten Parodien sind bekanntlich vom Original schwer zu unterscheiden.

Weitere Berichte vom Filmfestival in Venedig:

*Sie gewann einen Oscar für einen Film, der unübersehbar zeigt, dass sie nicht tanzen kann.

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