Cannes 2017

The Square - Wenn Elisabeth Moss "Cunt" sagt, geht die Sonne auf

Elizabeth Moss, Claes Bang und Kunst (rechts) in The Square
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Sie klatscht ihre Hände über den Kopf zusammen und stößt es belustigt heraus: "Cunt!" "Cunt!" Elisabeth Moss darf zweifelsfrei schon jetzt den Preis für die umwerfendste Anmache beim Festival Cannes mit nach Hause nehmen. Ihr Gegenüber, der schnittige Museumsdirektor Christian (Claes Bang), hat nämlich keinen Schimmer, worauf Moss' TV-Journalistin Anne anspielt, als sie bei einer Party vor der Toilette warten. Es ist einer der putzigeren Momente in The Square, dem neuen Film des Schweden Ruben Östlund, der in Höhere Gewalt 2014 eine Männlichkeitskrise vor Bergpanorama inszeniert hatte. "Putzig" sind Östlunds Filme in der Regel nicht, haben sie doch etwas von psychologischen Experimenten unter Laborbedingungen. Auch die in der Kunstwelt angesiedelte Schwarze Komödie The Square gleitet zuweilen in die artifizielle Überhöhung einer Theaterbühne unter eiskaltem Scheinwerferlicht ab. Je länger Östlunds neuer Film dauert, desto fahriger wechselt er zwischen seinen als Szenen verkleideten Ausstellungsstücken. Allerdings ist The Square so lustig, dass man ihm die Maß- und Ziellosigkeit fast vergibt. Auch dank Elisabeth Moss.

Besagter Christian ist der König der Kunstszene in Schweden oder zumindest seines Museums. Er hat die schwierige Aufgabe Installationen, die aus nichts weiter als ein paar Häufchen Dreck und dem Neon-Schriftzug "You have nothing" bestehen, an die Masse potenzieller Ticketinteressenten zu verkaufen. Östlund, der auch das Drehbuch geschrieben hat, macht sich einen Spaß aus der Abgehobenheit des Milieus. Er lässt Künstler und Kuratoren über ihre hochtrabenden Intentionen schwadronieren, nur um ihnen wenig später den Boden unter den Füßen wegzureißen und vergnügt ihr Straucheln zu begaffen. Dominic Wests Julian beispielsweise zeigt sich hochinteressiert an der Wechselwirkung von Zuschauer und Kunstwerk. Als ihm ein sehr lebendiges Kunstwerk auf die Pelle rückt, rennt er aber als erster davon.

Östlund wäre allerdings nicht Östlund, ohne sich in der Eskalation sozialer Spannungen zu ergehen. Nennen wir es seine Milgram-Seite. Kann eine Perfomance Kunst sein, wenn sie ausschließlich dazu dient, einen Mann auszurauben? Das erfährt Christian, als ihm in einer ausgeklügelten Choreograpfie Smartphone und Geldbeutel gestohlen werden. Per Handy-Ortung macht er sich, angestachelt von einem Kollegen, mit Flugblättern zu einem Wohnblock auf, vor dem normalerweise keine glänzenden Teslas parken. Bedruckt mit einer Drohung, wirft er die Blätter in jeden einzelnen Briefkasten, die Generalverdächtigung der sozial schwächer Gestellten wird ad absurdum geführt. Christian erhält sein Smartphone irgendwann zurück, doch jeder Triumph platzt in The Square, sobald die Konsequenzen sich ins Bild drängen.

Östlund hat ein Talent für die bürgerliche Komödie, für die chirurgische Sektion von Selbstüberschätzung, Hochmut und Männlichkeitsidealen. Geschichten ums geballte Unbehagen herum zu konstruieren, scheint in The Square allerdings die Priorität zu sein. Das ist gelegentlich fast schmerzhaft spannend, ruft aber auch einen sadistischen Spielleiter in Erinnerung, der den Zufall nach seinem Belieben konstruiert. Das kristallisiert sich in einer Szene, in welcher der einschüchternde Terry Notary, der dem Riesenaffen in Kong: Skull Island seine Bewegungen leiht, als Performance-Künstler ein Schickimicki-Dinner erst in Verlegenheit, dann Angst versetzt.

Wenn eine latente Weiterentwicklung in The Square auszumachen ist, dann vermutlich ein Zacken mehr Persönlichkeit und weniger Distanz. Weil sich Östlund auch ein bisschen über sich selbst lustig macht in den Kunstszenen, basiert der Film doch auf einer Installation in Vanärmo, an der er beteiligt war. Und weil er mit einem blonden Skandälchen im späteren Verlauf des Films auf die Kontroverse rund um sein Diebstahlexperiment Play - nur ein Spiel von 2011 Bezug nimmt. Der Spielleiter rückt von Film zu Film näher ans Feld. Nur hätte The Square von der Reduktion der titelgebenden Installation profitiert: ein vier mal vier Meter großes Quadrat vor dem Museum als "Zufluchtsort für Vertrauen und Geborgenheit".

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