Trainspotting 2 - Deine Mutter ist ein Kultfilm-Sequel

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T2 Trainspotting
11.02.2017 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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T2 Trainspotting spielt 20 Jahre nach Teil 1. Eine Daseinsberechtigung für die Fortsetzung offenbart sich in der Hässlichkeit des Films.

"Why don't you get a real job?" schreit es aus Reklame-Kasten auf dem Weg zum Berlinale Palast. Nicht in T2 Trainspotting, das mit dem richtigen Job hat Renton schon versucht. In Amsterdam sprintet er übers Laufband, statt über den Rinnstein. Ein Lächeln wie beim waghalsigen Kühlerhaubensurfen in den Straßen von Edinburgh lässt der Prolog des 20 Jahre später kommenden Sequels von Danny Boyle aus. Renton, lange Haare, stämmig, Ewan McGregors elegant durchfurchtes Star-Gesicht, schlägt's vielmehr wuchtig gegen eine Betonsäule. Life comes at you hard, laut Meme-Sprech, und der vermeintliche berufliche Erfolg, die hart gesuchtete Fitness, sie zerstäuben mit einem Schnipser des Schicksals. Auch für Ex-Junkie Renton, der aus dem Exil in die Heimat kommt. In Actionfilmen beginnen so Rachefeldzüge. Im Sequel des 90er Jahre-Zitatefundus Trainspotting - Neue Helden rächt sich die Stadt selbst. Schleichend geschieht das, eher nach dem Muster Giftmörder. Während sich die verstrittenen Kumpels nach 20 Jahren wiedersehen, -betrinken und zudröhnen, fängt sie der urbane Schmelz Fingerspitze für Fingerspitze ein. Bevor Renton, Spud, Begbie und Sick Boy, an der Zeit erstickt, in Vitrinen des Edinburgh Tourism Board ausgestellt werden, läuft erbarmungsvoll der Abspann. Trainspotting 2 (lassen wir das Cameron-Winke-Winke mit T2 mal) bietet einen Tresen voll Argumente gegen die Fortsetzung von Kultfilmen. Er gehört dennoch zu den zwiespältigsten und damit interessantesten Erfahrungen der bisherigen Berlinale .

Mit einem Trainspotting-Sequel kannst du im Prinzip nur verlieren. Danny Boyles Skandälchenfilm (Bob Dole regte sich damals auf! Bob Dole lebt übrigens noch!) lief 1996 in den Kinos an, drei Jahre nach Irvine Welchs Roman, zwei nach Pulp Fiction, eins nach Die üblichen Verdächtigen, zwei Jahre vor The Big Lebowski, drei vor Fight Club und Matrix. Die Tauchfahrt in die schlechtesten Toiletten und Dentalpartien Schottlands zählt zum Pantheon von 90er Jahre-Kultfilmen. Wobei Kult bei den meisten genannten Beiträgen eher die Zitierfähigkeit und Videoabendstrapazierung in den frühen Nuller-Jahren definiert, statt die Nischigkeit. Trainspotting war ein voller Erfolg. Obwohl und weil sein Milieu so... speziell ausfiel. Angesiedelt irgendwo zwischen den Regierungszeiten der Tories Margaret Thatcher und John Major, wagte die Welch-Adaption einen Blick auf die von der Politik zurückgelassenen Ruinen. Ein Jahr später kam New Labor unter Tony Blair an die Macht. Als Bild der Zeit bewahrt sich der Übergangsfilm Trainspotting eine bemerkenswerte Zeitlosigkeit. Zwanzig Jahre war er filmisch abgeschlossen, Renton, Sick Boy und Co. unsterblich sterblich, Seiltänzer, die nie den Boden berühren müssen. Teil 2 kann, wie geschrieben, nur verlieren, er kann nur entzaubern oder verklären oder auf der Stelle treten. Im Drehbuch von John Hodge geschieht - selbsterfüllende Prophezeiung - genau das, in anderer Reihenfolge, doppelt und dreifach.

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Renton fährt also wieder nach Hause. Er wird von Simon (Jonny Lee Miller) zu einem nicht ganz legalen Plan verlockt, der clean werden wollende Spud (Ewen Bremner) mischt mit und Kelly MacDonald darf auch mal in die Kamera zwinkern. Psychopath Begbie (Robert Carlyle) muss zwangsläufig Renton auf die Spur kommen und alles läuft so, wie nicht geplant. Einen neuen Choose Life-Monolog trägt Renton vor und lässt uns den Jahren nachtrauern, in denen Teenie-Ichs und -Dus die anti-materialistischen Platitüden eines schottischen Heroinabhängigen als profund abspeicherten. Wo ist Zach de la Rocha, wenn man ihn braucht? "Choose Facebook, Twitter, Instagram... and hope that someone, somewhere cares", heißt es diesmal verbittert. Hier spricht nicht Renton zur minimal ausgearbeiteten weiblichen Nebenfigur, die verwirrt nickt, hier wird der Monolog an den Zuschauer weitergereicht. Was habt eigentlich ihr in den letzten 20 Jahren so getrieben? Aber lasst euch nicht stören beim Update eures Status (#Trainspotting2 #Berlinale2017).

Ganz so ernst ist diese Sozialkritik natürlich nicht zu nehmen. Der vom Leben enttäuschte Renton spricht sie aus, das ist ein Grund. Das Product Placement ein anderer. Je weniger Widersprüche in Trainspotting 2 gewollt sind, desto spannender der Film. Wann immer nämlich John Hodge und Danny Boyle mildernde Umstände einbringen - 8-Millimeter-Aufnahmen aus glücklichen Kindertagen, sentimentale Begegnungen mit der Verwandtschaft - droht die Gewöhnlichkeit die Überhand zu gewinnen. Der größte Feind der alten Helden ist schließlich nicht Begbie (größtes Opfer einer unnötigen Humanisierung im Film). Leith, das verrottende Hafendistrikt, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten rapide gewandelt. Renton vor dem Schaufenster eines feinen und völlig charakterbefreiten Restaurants zu sehen, das ist die große Tragödie. Spud darf wenigstens von seinem abrissfertigen Sozialturm auf Schrotthaufen gucken. In einem Restaurant fahren Brownies und Sektgläser auf einem Laufband vorbei an unseren Helden, an anderer Stelle schaut Renton auf die Skyline der Stadt und nur ein Visit-Scotland-Symbol fehlt im Bild.

Verwahrlosung diente als ästhetisches Leitmotiv in Trainspotting, nachzuspüren in stinkenden Teppichen, verwelkten Tapeten und abbröckelnden Fassaden. Der Siff sah aus wie in keinem anderen Film, er war originär, hatte in seiner einzigartigen Siffigkeit fast schon wieder Klasse. In T2 Trainspotting (hier angebracht) haben sich die EU-Gelder ihren Weg durch Leith gebahnt. Unter der Ägide von Kameramann Anthony Dod Mantle strahlt die Sonne auf diese Menschen durch ein ungewaschenes Bierglas. In den Interieurs weint das Neon auf die Gesichter von Ewan McGregor und Jonny Lee Miller. Als Farbschema dominiert in Leiths Bildfutter für Instagram und Snapchat eine Ladung überreifes Obst. Bisweilen körnig, meist in einem schmierigen Digital-Look gehalten, fällt Trainspotting 2 als einer der hässlichsten Filme auf, die Danny Boyle bisher abgeliefert hat. Der Siff aus dem ersten Film hatte einen dezidiert lokalen Charakter. T2 Trainspotting schaut nach den Renovierungsarbeiten hinein und findet eine uniforme städtische Oberfläche, die ihre wildwuchernden Ränder niederwalzt. Die Chancen stehen gut, dass es woanders genauso aussieht. Trainspotting barg immerhin die Hoffnung, man könne aus Leith fliehen. Selbst wenn man dafür seine Freunde betrügen muss. In T2 wartet das Nirgendwo überall. Wer dachte, ein totes Baby in einer Junkie-Bruchbude sei deprimierend, hat offenbar die Gentrifizierung noch nicht miterlebt.

Hier geht's zum Berlinale-Kritikerspiegel von critic.de .

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