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Vampyr - Ein morbides Wunder des Kinos

Vampyr
© Tobis/moviepilot
Vampyr
27.04.2019 - 08:50 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Der beste Vampirfilm aller Zeiten heißt nicht Nosferatu. Er handelt nicht von transsilvanischen Grafen. Den besten Vampirfilm aller Zeiten habt ihr vielleicht noch nie gesehen ...

Wahrer Horror ist unsterblich. Er überdauert Generationen und ersteht für jede nachfolgende wieder und wieder von den Toten auf. Er lässt uns das Blut gefrieren und spricht ewige Wahrheiten, ewige Ängste an. Ob längst zu Staub zerfallene Generationen, oder die, die noch nicht geboren wurden: Die Angst vor dem Dunkeln, vor dem Unbekannten, vor dem Tod und dem Danach eint sie alle. Und wahrer Horror labt sich an eben diesen Ängsten. Wahrer Horror ist ein Vampyr ...

Wie seine Figuren zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Traum gefangen sind, so ist auch Vampyr - Der Traum des Allan Grey selbst ein merkwürdiges Halbwesen, auf ewig verdammt, im Niemandsland zwischen Stumm- und Tonfilm zu wandeln, weder das eine, noch das andere, und doch ein bizarres Geschöpf beider Welten. Ein Film, so verstörend, so fesselnd, so bahnbrechend, dass hoffman587 nicht übertreibt, wenn er das seinerzeit verschmähte Meisterwerk zu einem Wunder des Kinos erklärt.

Der Kommentar der Woche von hoffman587 zu Vampyr - Der Traum des Allan Grey

Ein wunderbarer Tag, um einen solchen Film hier zu beschreiben, wo es letztes Jahr noch Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum war, ist es dieses Mal Dreyer mit Vampyr. Denn wie lässt sich ein solcher Film nur beschreiben? Geboren zwischen Zeit der großen Stummfilme und der Zeit des Tonfilms. Gefangen in einer Zwischenwelt, weder geboren noch gestorben. So zumindest mutet Carl Theodor Dreyers (mein neuer, dänischer Heiliger) Vampyr aus dem Jahre 1932 an. Irgendwo dazwischen. Eine wirkliche Einordnung wird ihm weder im Genre gerecht, noch in der Klassifizierung seiner Gattung. Heute wie damals.
Damals nur als Misserfolg, heute als Meilenstein des klassischen Horrorfilms, wie auch neben Murnaus Nosferatu (1922) als Definitionswerk des Vampires. Außerdem Dreyers erster Tonfilm, dabei ertönt dieser hier selbst nur selten. Und wenn: Unbedeutend, unkenntlich, missverständlich und fragmentarisch. Für Dreyer verliert das Wort - wie ironisch auf sein Schaffen bezogen - an jeglicher Bedeutung und erscheint so mehrfach als irrelevant.

Ist denn überhaupt ein Wort vonnöten, fragt Dreyer? Ein unkonventioneller Leitgedanke in seiner zeitlichen Einordnung, also zu sehen als begraben. Und enthüllt uns das nicht irgendwie ein gewisses Vampirmotiv als Reflexion? Clever. Der Stummfilm überlebt den Tonfilm. Alt trifft auf neu und Dreyers Werk ist verschlungen von der Zeit. Als ewiges Rätsel wie auch als eigenwilliges Artefakt mit seinen eingeblendeten Texttafeln, statt Worte oder Dialoge. Nur flüstern und wispern. Verzerrt. Unwirklich.
So sind es demnach die Bilder, die Dreyer sprechen lässt. Die rauschenden, verdichtenden, undurchsichtigen Bilder, die es zu entschlüsseln gilt - wenn überhaupt möglich - hellklar und doch so nebelig, und in seiner Intention mysteriös. Man muss nicht lange suchen, um zu bemerken, dass sich hiermit Dreyer auf den Expressionismus beruft (inklusive seiner grotesken Anleihen), und somit eine selten intensive, befremdliche Stimmung schafft, als würde über seinem Werk ein unheilvoller Schleier liegen. Subtil experimentiert Dreyer, entführt und begibt er sich auf eine Reise in die Dunkelheit, fasziniert aber mit seinen Möglichkeiten.

Schon der deutsche Beititel deutet Surrealismus an, Dreyer wechselt unentwegt zwischen Alptraum und Traum, und mittendrin sein Protagonist, der Student Allan Grey - auf der Durchreise in einer fremden Stadt, genannt Courtempierre. Die Geschichte ähnelt einer vergangenen Volkssage . Es kommt nicht nur so vor, Dreyer würdigt hiermit den klassischen Grusel - nicht ohne Grund pflegt sein Protagonist scheinbar (mit der eindeutigen Einordnung des gesitteten Bürgers) eine Vorliebe für diesen und reflektiert zugleich so dessen Sehnsüchte. Mit dieser Tradition bindet Dreyer die schaurige Romantik in sein Werk ein - traumhaft - und erinnert an eine längst vergessene Epoche. Ein wahres Wunder von Film.

Unvergesslich gliedern sich dazu (technisch revolutionär) bewegliche Schatten, tanzen, faszinieren - kombiniert mit Plansequenzen, während die Beleuchtung (auch in Bezug auf die Schatten) irritiert und Dreyer besonderen Wert auf die räumliche Architektur legt, sein Werk wie den filmischen Raum in Frage stellt, aus ihm herausbricht, mit ihm spielt und die Möglichkeiten ergreift.
Vielleicht erinnert deswegen auch Dreyers Film in seiner filmischen Struktur an ein legendenhaftes Schauermärchen vergangener Tage. Initative in der Kameraführung, sie studiert, wie analysiert und Dreyer, der psychologisiert den Geist seiner Definition. Denn auch seine Figuren stellt Dreyer in Frage, ob Wahn oder Wirklichkeit, zwischen Realismus (gibt es den überhaupt?) und Irrealis. Was sind sie? Nur unheimliche Schattenlichter?

Und dann das Mysterium höchstpersönlich: Der Vampir. Der emanzipierte, weibliche Vampir (im Grunde mit Verbindung zum märchenhaften Motiv der Hexe). Dreyer definiert ihn als Urangst und gespenstischen Blutsauger, zugleich setzt er sich aber aus bekannten Leitgedanken der Kollidierung vom Alten (dem Vampir) und dem Neuen (den Stadtbewohnern) zusammen, der auch als hintersinniges Element aufgefasst werden darf. Wie bei Tobe Hooper, wobei: Noch viel mehr bezüglich der Differenz von Stummfilm und Tonfilm, in Bezug auf die Filmgeschichte.
Andererseits symbolisiert der Vampir somit auch die Adelsherrschaft, so dass auch Dreyer direkten Kontext zu Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari aufbaut. Das äußerst sich insofern, als dass der Vampir selbst Gehilfen, die willenlos unter seinem Bann stehen, befehligt. Wie bei Wienes expressionistischem Zombie im Bann seines Magiers. Dreyers ewiges Spiel mit Schein und Sein, wenn sich der Student konfrontiert sieht mit dem eigenen Tode in der Enge des Sarges - ein beklemmendes Motiv zwischen Leben und Tod wird essentiell für Dreyers Werk und dessen hypnotische Stimmung und profitable Wirksamkeit, und gerade deshalb in seiner Aussage ambivalent. Denn letztlich spekuliert man nur: Was ist Wirklichkeit? Was ist Traum?

Ich hoffe, eines weiß man genau: Dass Dreyers Werk auch weiterhin die Zeit bestehen wird. Ich wiederhole mich gern, auch wenn ich diese Form der pseudo-epischen Schreibweise selbst missachte: Dreyer als Heiliger des Kinos, sein »Vampyr« ein morbides Wunder des Kinos. Wohlgemerkt: Inflationär gesagt.

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