Conrad schreibt aus München

Verhasst - Das gleißende Glück des deutschen Films

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Ob der Zweifel am eigenen Können ein besonders deutsches Problem ist? Frankreich frönt dem Kino-Nationalismus. Die USA drehen lieber Remakes ausländischer Filme, um sie in ihrer Sprache zu sehen. Das Vertrauen in die landeseigene Kinokultur ist zumindest spürbar verbreitet, nur nicht in Deutschland. Die Liebe zum deutschen Kino ist gelinde gesagt schizophren. Kommerzielle Erfolge landen die deutschen Filme, für die sich die Cinephilie weitestgehend schämt. Künstlerische Triumphe, die auf Festivals gefeiert werden, glänzen dagegen gerade mal mit ca. zehntausend Zuschauern. Und während selbst Marvel-Blockbuster cineastische Wertschätzung erfahren, landet der nächste Til Schweiger-Film automatisch auf der schwarzen Liste. Natürlich wäre völlig uneingeschränkte Liebe zum deutschen Film eine seltsame Lösung und ich kenne auch niemanden, der sich solch einer Liebe verschrieben hat. Allerdings ist die generelle Ablehnung des deutschen Films nicht weniger seltsam und die ist mir schon oft begegnet.

"Wahre Begebenheiten" und "brisante" Themen
Das Filmfest München bildet dagegen eine Bastion des deutschen Kinos im üblichen Festivalrummel. Seit letzten Donnerstag läuft die 34. Ausgabe des Festivals in der bajuwarischen Hauptstadt. Abseits all der internationalen Produktionen in den Wettbewerbsreihen, die oft bereits bei anderen Filmfestivals liefen, feiert der deutsche Film in München eine Weltpremiere nach der anderen. Während die Berlinale sparsam einheimische Produktionen bevorzugt und bloß die Nachwuchssektion Perspektive Deutsches Kino im Programm führt, bietet das Filmfest München gleich zwei große Sektionen für deutsche Filme an. Fernsehfilme, Kinoproduktionen, Retrospektiven und Diskussionspanels zeigen ein breites Spektrum der einheimischen Bewegtbildbranche.

Natürlich vereint die Auswahl an deutschen Filmen nicht nur zukünftige Klassiker. Das Misstrauen ins deutsche Kino ist ja nicht unbegründet. Selbst branchenintern wird schon seit Jahren über das restriktive Fördersystem oder den zu großen Einfluss der TV-Redaktionen geklagt, welche oftmals nur miefige Geschichtsfilme hervorbringen, hölzern und steril, eben sehr deutsch. Nun finden sich auch unter den diesjährigen deutschen Filmen auf dem Filmfest solche Ausreißer nach unten; Literaturverfilmungen, deren Synopsen im Programmheft schon geschlossene Augenlider versprechen, Fernsehfilme mit „brisanten“ Themen, nach „wahren Begebenheiten“ und den immer gleichen Gesichtern vor und hinter der Kamera. Doch es tut sich was. Immer mehr Filmen gelingt eine Finanzierung fernab der üblichen Wege. Das Genrekino beginnt zunehmend zu zucken. Und der Erfolg der deutschen Komödie Toni Erdmann in Cannes dieses Jahr wird natürlich auch ausgiebig in München gefeiert.

Wirklich schlechte deutsche Filme sind mir glücklicherweise bisher noch nicht beim Filmfest untergekommen. Zwar leidet Florian Hoffmeisters Die Habenichtse unter der berüchtigten deutschen Blutarmut und Anca Miruna Lazarescus Die Reise mit Vater ist ein historischer Feel-Good-Film der allervorhersehbarsten Sorte. Die Moviepilot-Skala in den unteren Bereichen auszuloten, vermag aber trotzdem keiner der beiden Filme. Es regiert die Gleichgültigkeit. Was der eine hasst, könnte der andere ja lieben.

Ein guter Film bleibt ein guter Film, egal für welches Medium er bestimmt war
Viel Liebe ist Dominik Grafs Fernseharbeiten leider nicht beschienen, vor allem nicht, wenn sie im Kontext beliebter, nur oberflächlich Vielfalt versprechender Krimireihen, produziert wurden. Die gesamte Münchener Filmbranche war gefühlt zu Gast bei der Premiere von Grafs neuem Fernsehfilm Die Zielfahnder - Flucht in die Karpaten. Neben mir sitzt der Kameramann von Grafs nächstem Film Am Abend aller Tage, der sicherlich beim nächsten Filmfest München seine Premiere feiern wird. Neben ihm sitzt Annekatrin Hendel, Regisseurin der Dokumentation Fassbinder. Überall schnappe ich Fetzen brancheninterner Gespräche auf. Dass die Leute, die überwiegend diese Filme machen, sich diese auch auf der Leinwand ansehen, hat schon etwas leicht Inzestuöses. Wenn das große Publikum das deutsche Kino schon nicht liebt, dann liebt das deutsche Kino sich eben selbst.

Im Fall von Dominik Grafs neuem Film sogar durchaus berechtigt. In Zielfahnder begeben sich Ulrike C. Tscharre und Ronald Zehrfeld auf eine Menschenjagd. Ein entflohener rumänischer Sträfling (Dragos Bucur) flieht von Deutschland bis nach Bukarest. Graf und sein Stammautor Rolf Basedow sind weniger an der bloßen Fluchtbewegung interessiert. Im Zentrum stehen die unerfüllten Beziehungen der agierenden Figuren. Zerbrochene Ehen, opferreiche Affären, versehrte Liebe und allen voran steht Kommissarin Hanna Landauer, gezeichnet von der Schuld ihrem Mann gegenüber und dadurch umso mehr mit dem entflohenen Sträfling verbunden, während eng an ihrer Seite der gut aussehende Kollege lockt. Natürlich halten sich diese Gefühle versteckt in Basedows gewohnt schnoddrigen Dialogen und Grafs flirrendem Kamera-Schnitt-Stakkato. Irgendwann Ende des Jahres soll der Film auch im Fernsehen zu sehen sein, wofür er ja hauptsächlich auch bestimmt ist. Die Möglichkeit, beim Filmfest Fernsehfilme innerhalb der Sektion Neues Deutsches Fernsehen auf der großen Leinwand zusehen, ist aber auch äußerst reizvoll. Ein Film wie Zielfahnder könnte mühelos auch heute im Kino starten. Ein guter Film bleibt ein guter Film, egal für welches Medium er bestimmt war. Gedreht und geschnitten werden sie ohnehin unter ähnlichen Gegebenheiten und die Fernsehgeräte zu Hause werden auch immer größer. Die Abgeschiedenheit des Kinosaals entlockt auch dem üblichen TV-Krimi ungeahnte Facetten. Warum also darauf verzichten?

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