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Auch wenn "Horror" nicht jedermanns Sache ist, ist es doch der Horror, der uns überall begegnet.

Vor dem Horror sind wir alle gleich

Erde zu Erde
© Lava Bear Films
Erde zu Erde

Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen Beschreiben und Zeigen. Selbst in der Literatur, die ja formal nur beschreiben kann, gilt die Prämisse: Show, don't tell. Es kommt also nicht von Ungefähr, dass der Film die Literatur als Leitmedium abgelöst hat. Das Horrorgenre aber findet nicht im Film, sondern in der Kurzgeschichte seinen Höhepunkt, auch wenn die Masse an Horrorfilmen etwas anderes suggeriert. Klar dürfte sein, dass ein Nichtleser ein anderes Horror(Film)Genre bevorzugt als der Kenner erstklassiger Horrorgeschichten. Und das ist nicht etwa despektierlich gemeint. Es liegt in der Natur der Sache. Das Fernrohr, als das die Kamera fungiert, erzählt in erster Linie durch das, was sie dem Zuschauer zeigt und gleichermaßen nicht zeigt. Dazwischen liegen alle Grautöne dieser beiden Gegensätzlichkeiten. Das moderne Kino neigt dazu, immer extremere Bilder anzubieten, hyperrealistisch und brutal. Der gehobene Horror im Film aber kommt über die Atmosphäre und das Befremdliche, und hat damit mehr mit seinen literarischen Vorreitern und Vorlagen zu tun als das, was man heute allgemein unter Horrorfilm versteht. Wenige Filmautoren, darunter Dario Argento, verweben beides in meisterlicher Weise.

"Horror ist kein Genre, sondern ein Gefühl", sagte eins Douglas E. Winter im Vorwort seiner Anthologie "Prime Evil". Das ist auch der Grund, warum wir Horror überall finden können. Ob es sich dabei um Das Schweigen der Lämmer, um die Kafka-Verfilmung Der Prozess von Orson Welles, oder um Splatter-Orgien handelt, zumindest dann, wenn wir sie nicht gewohnt sind. Das ist das große Problem von Schubladen. Auf vielen Listen findet sich eines von Hitchcocks Meisterwerken. Psycho. Die einen zählen Psycho zum Horrorfilm, andere wieder sagen, das sei "nur" ein Thriller. Schließen wir aber den mehr oder weniger menschlichen Serienkiller, der keine übersinnlichen Fähigkeiten besitzt, sondern einfach nur durchgeknallt ist, aus, dann müssten wir uns auch über Carpenters Halloween Gedanken machen. Aber ich glaube, wir können uns durchaus erst einmal darauf einigen, dass Halloween ein Horrorfilm ist. Und Psycho auch. Der Grund liegt meines Erachtens an der existentialistischen Fragestellung, die sich in beiden Filmen findet. Und dann natürlich - ganz wichtig - an der Inszenierung. Wäre dem nicht so, müssten wir sogar Moby Dick zum Horror zählen. Tun wir aber nicht. Stattdessen nehmen wir lieber den weißen Hai.

Was bedeutet das aber: Eine existentialistische Fragestellung?

Die Aufklärung und das Zeitalter der Romantik (etwa 1720 - 1830) bildete eine scheinbare Gegensätzlichkeit heraus. Da war einerseits die Aufklärung, die mit Verstand gegen den Aberglauben, gegen Spuk und Teufel zu Felde zog. Und auf der anderen Seite gab es die als Gegenbewegung gedachte "Romantik", die sich mit der Nachtseite beschäftigte, mit Intuition, mit Sagen und Träumen. Das schien zunächst einmal reaktionär. In Wirklichkeit aber waren diese beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Sichtweisen keine sich dauernd in den Haaren liegenden Weltanschauungen, sie ergänzten sich vielmehr und machten dadurch unser Bild von der Welt erst modern (auch wenn sie hier und da naturgemäß heftig stritten). Bei allen Unterschieden interessierte beide "Parteien" nämlich vorrangig eines: Wer wir sind, wie unsere Welt beschaffen ist, und warum das so ist. Antworten haben wir bis heute viele, und damit unterm Strich keine. Keine zumindest, die unverrückbar sind. Ganz im Gegenteil scheint es so, als würde die Welt, die wir wahrnehmen, um so mehr vor unserer Erkenntnis zurückweichen, je mehr wir glauben, über sie zu wissen. Wüssten wir nämlich eine Antwort auf diese existentiellen Fragen ( Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum sind wir hier auf Erden?), da bin ich mir sicher, gäbe es keinen Horror, weder im Buch noch im Film. Ein ganzes Genre (das ja eigentlich keines ist) wäre belanglos geworden. Zugegeben, nicht alle Horrorfilme spielen mit dem Gedanken, philosophische Weisheiten zu verarbeiten, aber die besten tun das eben doch. Sie tun das im günstigsten Fall mit einer Ästhetik des Schreckens.

Ich werde mir in der Folge einige Gedanken hierzu machen, ausgehend davon, dass ich schon als Kind von Horrorfilmen fasziniert war. Und weil es gar nicht leicht ist, wirklich gute zu finden. Man kann nicht einfach im DVD-Regal unter "Horror" blättern und findet, was man sucht. Es ist gerade das, was ich Art Horror nennen will. Das ist es wonach ich suche, ein Genre, das es eigentlich gar nicht gibt, unter dem ich so unterschiedliche Filme wie Lost Highway (überhaupt die ganze Inland Empire Trilogie), Letztes Jahr in Marienbad, und sogar viele B-Movies einordne. Denn eines fällt gewiss auf, wenn man sich für das Genre interessiert: Low Budget scheint stets die richtige Atmosphäre für das Schauerliche zu ermöglichen und in den meisten Fällen das künstlerisch Wertvolle zu begünstigen, das man heute zwar inflationär "Kult" nennt, aber damit aller Wahrscheinlichkeit nur meint, dass sich etwas wohltuend vom Mainstream abhebt.

Art Horror

Nehmen wir Filme wie Letztes Jahr in Marienbad, Der Prozess, oder auch Lars von Triers Antichrist. Der erste ist ein Meisterwerk der Nouvelle Vague, der zweite eine Kafka-Verfilmung (ergo eine Literaturverfilmung), der dritte wohl zumindest nichts, was dem gemeinen Horrorfan als solcher auf der Zunge liegt, wenn er gefragt wird. Art Horror ist ohnehin nur ein Hilfsbegriff, den ich für mich nutze, um damit auszudrücken, dass dies Filme sind, die dem literarischen Horror näher stehen als dem filmischen. Das mag paradox erscheinen, wo es doch eindeutig um Filme geht und nicht etwa um verfilmte Romanvorlagen, auch wenn Marienbad und Prozess tatsächlich Literaturverfilmungen sind. Aber der Art Horror stellt die Angst vor den Ekel, die Unsicherheit über das Gewisse, das Nichtgezeigte über das Gezeigte. Er schreitet psychologisch und atmosphärisch zur Tat, hantiert nicht selten mit surrealen Elementen wie Lynch, ist in seinen Grundeigenschaften pessimistisch. Es gibt kein Entkommen, es wird nicht überlebt, kein Ausweg zeichnet sich ab. Wir sind in einem Alptraum gefangen.


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