Warum Black Mirror: Bandersnatch die Zukunft der Netflix-Unterhaltung zeigt

Black Mirror: Bandersnatch
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Black Mirror: Bandersnatch
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Nach langen Spekulationen um die Fortsetzung der Serie brachte Netflix Ende 2018 überraschend einen Film zu ihrer Sci-Fi-Hitserie Black Mirror heraus. Wie alle Episoden steht Black Mirror: Bandersnatch für sich und macht die Gefahren von Technologie zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Das Besondere dabei: Die in Bandersnatch behandelte Entscheidungsfreiheit ist auch vor dem Bildschirm der Clou des Filmes. Der Zuschauer selbst bestimmt, was mit den Figuren passiert, oder so scheint es zumindest. Diese Verschmelzung von Film und Spiel ist ein Novum in einem Großprojekt, und der Erfolg gibt Bandersnatch und Netflix recht: Interaktiv ist die Zukunft.

Bandersnatch wirft einen cleveren Blick auf Entscheidungsfreiheit

Zunächst wirkt Bandersnatch unpassend für die Serie. Der Film spielt im Jahr 1984 und kann damit keinen technologischen Fortschritt zeigen. Tatsächlich geht es in der Geschichte des jungen Programmierers Stefan (Fionn Whitehead) aber um den Zuschauer selbst, der entscheidet, wie Stefan handelt. Damit liefert gleich der erste große interaktive Film auf Netflix einen Meta-Kommentar auf das Medium selbst.

Einige werden sich deshalb an Bandersnatch stören. Der Film lässt dem Zuschauer - oder Spieler - tatsächlich weniger Freiraum, als zunächst gedacht. Wer sich die Wege zu allen Enden anschaut, sieht: Bis zu einer großen Entscheidung verläuft die Geschichte erst einmal eine halbe Stunde fast komplett linear. Entscheidet der Zuschauer sich vorher falsch, bekommt er einen Game Over-Bildschirm. Auch ich wurde hier erst einmal stutzig. Wenn es sowieso nur den einen Weg gibt, warum dann überhaupt mehrere Möglichkeiten zur Wahl stellen? Doch dann spielt sich die Szene noch einmal ab, Stefan kommt wieder in die Videospiel-Firma - und weiß plötzlich Dinge, die er vorher erst im Laufe der Szene kennengelernt hat. Hier wird klar: Die Game Overs gehören dazu.

Bandersnatch liefert ein Erlebnis, das nur interaktiv möglich ist

Das ist verdammt clever, denn Bandersnatch ist nicht gebaut, um nach einem Ende aufzuhören. Immer wieder kann der Zuschauer strategisch zurückspringen, um neue Szenen und Enden aufzudecken. So gibt es dann auch ein "letztes" Ende, nach dem tatsächlich der Abspann läuft. Wer früher aufhört, hat kein volles Erlebnis. Game Over-Bildschirme, die die vorherige Geschichte beeinflussen, gibt es immer wieder. Teilweise ist das so subtil, dass man selbst immer tiefer in Stefans Welt und seinen immer größer werdenden Wahnsinn eintaucht.

Solch eine kreative Immersion haben Filme bisher noch nicht geliefert. Die Geschichte, die dahinter steht, ist zwar mit der Frage nach dem freien Willen recht klischeebehaftet, überrascht aber ein ums andere Mal. Die Darstellung eines LSD-Trips ist visuell überragend. Wenn Stefan plötzlich die Präsenz des Zuschauers bemerkt und sich seinen Entscheidungen widersetzt, ist das genial. Als der Zuschauer Stefan dann auch noch sagen kann, dass er ihn sich gerade bei Netflix anschaut, wird Bandersnatch komplett meta. So etwas wäre ohne die Interaktivität des Films nicht möglich. Black Mirror innoviert das Genre des interaktiven Filmes aber schon, bevor es weitere Einträge gibt.

Hinter Bandersnatch steckt mehr als die gewöhnliches Netflix-Erfahrung

Nach bis zu drei Stunden hat der zur Filmfigur gewordene Zuschauer eine wahre Höllentour mit Stefan durchgemacht und sich selbst gefragt, was in der Welt von Bandersnatch noch real ist. Die Bedeutung des Titels passt - es steckt deutlich mehr dahinter, als zunächst vermutet. Dabei muss gesagt werden, dass der Film durch die zahlreichen nacheinander gesehenen Enden leider nie wirklich zufriedenstellend abschließt - hier ist der Spruch "der Weg ist das Ziel" wirklich passend. Dass dieser Weg 90 Minuten, aber auch 3 Stunden dauern kann und für jeden zumindest in der Reihenfolge anders aussieht, ist dabei so einzigartig wie erfrischend.

Der riesige Erfolg von Bandersnatch zeigt, dass Netflix genau auf das richtige Pferd gesetzt hat. Was jetzt in Sachen interaktiver Film noch kommen kann, macht Lust auf mehr. Denn während der Black Mirror-Film an sich ein Meta-Kommentar auf interaktive Filme ist, ist auch klassische Interaktivität möglich. Wie es richtig gemacht wird, haben die Videospiele der Firma Telltale Games gezeigt. Deren interaktive Serienadaption von The Walking Dead revolutionierte 2012 mal eben, wie Entscheidungsfreiheit in Unterhaltungsmedien ablaufen muss.

Interaktiver Film: Netflix und das Vorbild Telltale

Auch die Telltale-Spiele waren oft mehr Schein als Sein. Nur wenige Entscheidungen änderten den Verlauf der Geschichte wirklich gravierend. Wichtig war die Geschichte dahinter, und der Fakt, dass die Vortäuschung der Entscheidungsfreiheit genug war, um in das Spiel gezogen zu werden. Denn es können nicht für einen Spielfilm hunderte Stunden Material gefilmt werden, nur damit alle Entscheidungen in komplett unterschiedliche Richtungen führen. Auch so lieferte das The Walking Dead-Spiel eine der besten Erzählungen in einem Videospiel überhaupt (ich würde sogar behaupten, die beste).

Auch Netflix arbeitete, wie Polygon berichtete, mit Telltale zusammen, das Ergebnis Minecraft: Story Mode ist sogar bereits verfügbar, als Spiel wie als Netflix-Stream. Ende 2018 aber ging der Spieleentwickler pleite. Weil das jedoch an Mismanagement und nicht der Qualität der Spiele lag, sollte das Netflix nicht davon abhalten, weiterhin an solchen Ideen und Konzepten zu arbeiten. Bandersnatch macht es vor. Natürlich werden interaktive Filme und Serien nicht "normale" Unterhaltung ersetzen. Aber sie könnten als weitere große Säule daneben stehen - so wie Netflix und andere Streaming-Dienste sich neben Kino und TV gesetzt haben. Netflix zeigt mit Black Mirror: Bandersnatch und ihren interaktiven Inhalten auf jeden Fall, dass sie allen anderen einen Schritt voraus sind.

Lest hier die Gegenmeinung: Warum Black Mirror: Bandersnatch als Experiment gnadenlos scheitert

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