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Warum kein Zombiefilm, sondern "Into the Wild" DER Quarantäne-Film ist!

23.04.2020 - 09:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Bild zu Warum kein Zombiefilm, sondern "Into the Wild" DER Quarantäne-Film ist!
© Tobis
Bild zu Warum kein Zombiefilm, sondern "Into the Wild" DER Quarantäne-Film ist!
Der Held des Aussteigerdramas "Into the Wild" - Christopher McCandless - galt lange als mutiger Kapitalismusgegner und diente einer Generation junger Studentinnen und Studenten als Vorbild für ihre Selbstfindungsromantik. Unter der Oberfläche handelt "Into the Wild" jedoch nicht von der großen Freiheit wie viele glauben, sondern von einem radikalen Irrtum. Warum wir Millenials den gescheiterten Christopher McCandless brauchen, besonders während der Corona-Krise.

In den nunmehr sechs Wochen seitdem Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmals energisch für "social distancing" warb, schossen von Beginn an auf allen einschlägigen Internetportalen rund um Film, Fernsehen und Streaming die idealen To-Watch-Listen für die Corona-Zeit wie das Frühlingskraut aus dem Boden. Stephen Soderberghs Pandemie-Thriller "Contagion" von 2011, der damals schon überraschend mit 137 Mio. US-Dollar (Quelle: TheNumbers) das doppelte seines Budgets einspielte, erlebte eine unverhoffte zweite Erfolgswelle auf dem Download- und Heimkinomarkt, der als einer der wenigen Wirtschaftszweige eher floriert als kriselt. Schnell wimmelte es überall von Top-Tens: die besten Zombieapokalypsen, die besten Endzeitszenarien etc. Bei allem Respekt, man darf sich über alles vieles lustig machen und gewiss empfielt sich gerade in Krisenzeiten eine gesunde Portion Gelassenheit, aber dass solche Empfehlungen auch zynisch und pietätlos wirken können, hörte man nur selten.

Warum die Apokalypse eine allseits beliebte Umgebung von filmischen Geschichten abgibt, soll hier nicht im Fokus stehen. Warum sie angesichts der grassierenden Corona-Pandemie allein schon assoziativ in den Sinn kommt, ist wohl offenkundig. Und sicherlich haben Filme immer schon menschliche Ausnahmesituation zum Thema gehabt. Sie tragen damit ungemein zur kulturellen Bildung bei und bieten den Zuschauerinnen und Zuschauen ein Reservoir an Deutungsmustern und Identitätsstiftung, wie es besonders Kunst und Religion so kraftvoll können (nicht zuletzt erfreute sich die grandiose Mini-Serie "Chernobyl" großer weltweiter Beliebtheit).

Von einer ganz anderen Ausnahmesituation, die weniger akut scheint als ein blutspuckender Zombie im Garten (Shoutout an einen meiner Lieblingsfilme "Shaun of the Dead"), erzählt das Meisterwerk "Into the Wild" von 2007. Nach der Buchvorlage des US-amerikanischen Journalisten und Autoren Jon Krakauer verfilmte Sean Penn die Lebensgeschichte des Ausreißers Christopher McCandless. Nach einer theatralisch inszenierten Emanzipation von seinen Eltern ruft McCandless Work-And-Travel zu seinem Lebensstil aus, pilgert nomadisch durch Nordamerika und predigt dabei mit prophetischem Sendungsbewusstsein das Gericht über Kapitalismus und Selbstsucht.

Handwerklich zwar tadellos gemacht, steckte "Into the Wild" doch - wie mein Freund Benjamin einmal vor Jahren meinte - lange Zeit in einer Rezeptionskrise. Christopher McCandless (fantastisch gespielt von Emile Hirsch) wurde 15 Jahre nach seinem Tod zu einer Ikone der Minimalismus- und Achtsamkeitskultur. Er selbst stilisierte seinen Lebensabschnitt nach dem College als Neugeburt, nahm mit "Alexander Supertramp" einen neuen Namen an, verbrannte sein Geld, verschrottete sein Auto und zog umher, um Menschen wachzurütteln. Von der jungen Frau in einer Hippie-Kommune (gespielt von Kristen Steward), bis hin zum Greis (oscarnominiert: Hal Holbrook) – für alle spielte McCandless oder "Supertramp" den Guru. Jenseits der Leinwand wurden Into-the-Wild-Poster zum Flaggenzeichen der aus Neuseeland heimkehrenden Rich-Kids, die nachdem sie im Überfluss aufgewachsen waren, sich eine letzte Sache noch leisten wollten: nämlich den Standpunkt, dass man so viel Konsum ja gar nicht für ein glückliches Leben brauche. Passend dazu wurde McCandless zur Gallionsfigur der Selbstverwirklicher. Wie er da auf einem Stein an einem verlassenen Strand hockt und David Thoreaus "Walden" liest, wirbt er für ein müßiges Leben. Dass auch dieser Standpunkt äußerst privilegiert ist, blieb unbeachtet. Natürlich konnte der Collegeabsolvent mit Bestnote und behütet aufgewachsene junge Mann ohne Probleme in vielen gesellschaftlichen Milieus Anklang finden. Er hatte vielleicht eine radikale Aura um sich, eckte doch aber trotzdem kaum an, sondern entwickelt eine charismatische Anziehungskraft, wirkte charmant, verstand sich aufs Flirten: alles Dinge, die er sich dank seiner Intelligenz und seiner Geschichte in sein soziales Register einsortiert hatte. Als Adressaten von "Into the Wild" fühlten sich verwöhnte Millenials, die in einer Wolke aus Zeugen mit ebenjenen schwebten, die seit den Philosophen der alten Zeit denkend durch ihre Säulenhallen wandelten, während Sklaven ihre geerbten Acker pflügten.

Was aber, wenn die Corona-Krise, die - wie die meisten Krisen -, die Unprivilegierten und Marginalisierten am härtesten trifft und den Gutgestellten Zeit und Raum für "das Besinnen auf das Wesentliche" lässt, erweisen würde, dass "Into the Wild" missverstanden wurde?

Ist McCandless der Held, für den ihn viele gerne halten möchten? Ihr Vorbild? Wohl kaum. Er ist inspirierend, keine Frage. Er zeigt grundlegende Strukturmomente jeder heilsamen Veränderung auf: den Blick von außen, das Risiko des Ungewissen, den Aufbruch zu neuen Ufern, die Reinigung des eigenen Blickwinkels von allem unnötigen, trüben Ballast. Aber trotzdem endet sein Leben ganz anders. SPOILER: Seine Geschichte ist nämlich auch die Geschichte einer radikalen Selbstüberschätzung. Die Geschichte von einer Selbstsucht ganz eigener Art. Sie führt zu seinem tragischen Tod in den Weiten Alaskas, wo er abgemagert und von Wildpflanzen vergiftet einsam sterben musste. Des Schicksals Ironie will es, dass ein rettender Wanderpfad nur unweit von seinem Magic-Bus, in dem er hauste, entfernt lag.

Das hier ist kein Nachtreten an die Adresse eines 1992 verunglückten Mannes. Ich kannte weder Christopher McCandless, noch habe ich Jon Krakauers Buch gelesen oder weitere Nachforschungen angestellt. Ich weiß also gar nicht, ob die Verfilmung seines Lebens überhaupt akkurat ist. Ich beziehe mich hier nur auf die filmische Darbietung einer Kunstfigur, die uns Zuschauerinnen und Zuschauern ein Beispiel zu geben vermag. McCandless begibt sich im Film freiwillig in die Isolation, er nimmt sich in Alaska selbst in Quarantäne, aber nicht um andere zu schützen, wie es heute Menschen in der Corona-Zeit tun, sondern weil er sich vor ihnen schützen will. Er ist die Menschen Leid. Menschen wie seine Eltern. Die Enttäuschung darüber, dass sie genauso wie alle anderen Leute auf dieser Welt den Hang zu Unehrlichkeit und Verdrängungsmechanismen haben, treibt ihn von den Eltern weg und sich selbst in die Arme. Er ist sich selbst nun der Nächtse, beantwortet keine Briefe seiner Schwester mehr, lässt seine Eltern im Ungewissen darüber, ob er überhaupt noch lebt, pflegt nur flüchtige Tramper-Bekanntschaften, denen er zwar immer ungefragt mit einem oberlehrerhaften Philosophenspruch zur Seite steht, für die er aber keineswegs die Anstrengung einer wirklichen Bindung aufzubringen bereit ist - sei es nun amouröser oder platonischer Art. Und dann, als er dem Tode nahe, wortwörtlich mutterseelenallein ist, kommt ihm die eigentliche Erkenntnis des Films, die sprichwörtliche Moral von der Geschicht. Er kritzelt kraftloser denn je "Happiness only real when shared" (Glück ist nur echt, wenn man es teilt) in eines seiner Bücher. Was zunächst auch wie eine Binsenweisheit klingen mag, ist im Zusammenspiel mit der tragischen Geschichte des jungen McCandless, der seinen Alias "Supertramp" kurz vor dem Tod wieder ablegt, eine kraftvolle Offenbarung.

Allein sein zu können, sich selbst zu verwirklichen, sich Muße zu gönnen, Achtsamkeit zu üben, minimalistisch zu leben - all das steht immer in der Gefahr, selbst ein Egoismus der perfiden Art zu werden, ohne dass man es bemerkt.

Viele entdecken in der Zeit des Corona-Lockdowns wieder oder zum ersten Mal, was man mit freier Zeit alles anfangen kann; dass einen der regelmäßige Spaziergang vielleicht mehr gibt als das Binge-Watching am Abend. Neue und alte Hobbys werden wieder zutage gefördert, man darf erleben, dass Konsum einem nur eine kurze Zeit fehlt. Aber viele andere Menschen haben dafür keine finanziellen oder psychologischen Ressourcen. Sie haben Angst um das, was ohnehin bereits brüchig war in ihrem Leben; sie konnten schon vor Corona in der Schule oder am Arbeitsplatz kaum Schritt halten und sind nun von dem Digitalisierungsschub restlos überfordert; sie erleben körperliche und psychische Gewalt; sie bemerken, dass sie nicht wissen, was sie Erfüllendes mit ihrer Zeit anfangen sollen, weil sie das nie gelernt haben und nun niemand da ist, der es ihnen zeigt. Sie können sich nicht beruhigen, weil reflektierte Informationsbeschaffung nicht zu ihrem Kompetenzprofil gehört.

Für diese Menschen ist der Lebensstil des Christopher McCandless ein Schlag ins Gesicht. Für sie ist in dieser Ideologie kein Platz. Sie wurden übersehen.

Doch McCandless begreift das am Ende seines Lebens selbst. Seine Kritzelei ist fundamentalistisch … heilsam fundamentalistisch. "Happiness only real when shared" ist ein apodiktischer Satz. Da gibt es keine Relativierungen nach dem postmodernen Motto: "Du definierst selbst, was für dich Glück ist." Nein! Glück ist kein Glück, wenn man es allein hat! McCandless hat am Rande des Todes keine Zeit mehr für Tagträumerei. Tatsächlich hat er damit etwas gefunden, das er sich nicht leisten kann. Er wünscht sich keine ideale Familie zurück. Er will seine reale Familie wieder um jeden Preis, mit all den Macken. Jetzt will er sein problembehaftetes Leben zurück, weil es das Potential birgt, ihn glücklicher zu machen als ein vereinsamtes. Er will nun plötzlich an den Macken arbeiten, wo er sich doch erst aus der Affäre zog. Seine Schwester ließ er zurück mit den familiären Problemen, um seiner Passion nachzugehen. Doch darin erwies sich sein Trugschluss. Das geistliche und spirituelle Wachstum der Achtsamkeitsbewegung ist an mancher Stelle nur ein scheinbares. Es übersieht die Notwendigkeit mit anderen Menschen aneinander zu geraten, sich zu reiben und trotz aller Unterschiedlichkeit miteinander zu leben und nicht jeder für sich, sondern jeder. Den Konsens immer wieder zu wollen und idealistisch im Anderen bei all seiner Verkehrtheit immer wieder sich selbst zu erkennen. Als Gleichen unter Gleichen, in dunklen Momenten als Falschen und Falschen.

Es ist keine revolutionäre Meinung, wenn man in Corona-Zeiten sagt: "Ich vermisse meine Freunde, meine Familie, meine netten Kollegen." Aber durch Corona droht eine neue Privatisierungswelle im zwischenmenschlichen Bereich, die viele Menschen noch einsamer und marginalisierter machen könnte als zuvor. Daher lasst uns die revolutionäre Lehre des späten Christopher McCandless für die Zeit nach Corona nicht vergessen: "Ich vermisse die Menschen per se, ich vermisse den Streit, ich vermisse die Fehler der Anderen, aus denen ich lernen kann; ich vermisse das Unbequeme an den Leuten, die mich hinterfragen; ich fühle die Verantwortung als Mensch, dem es gut geht, den Blick in die finsteren Ecken um mich herum zu wenden und dort zu helfen; denn was ist mein Glück, wenn es nicht andere Menschen teilen? Was ist mein Glück, wenn es für andere Unglück heißt?"

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