Nach Cannes-Ausschluss:

Warum Netflix-Filme eine Chance bei Festivals verdienen

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Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Shows, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.

Der Streaming-Gigant Netflix setzt auf ein gewitztes Geschäftsmodell, das zwar viele mittelgroße Filme aus den Kinos fernhält, dafür aber Regisseuren regelmäßig kreative Freiheiten garantiert. Dabei ist der Anbieter nicht nur mit Eigenproduktionen auf dem Markt vertreten, sondern kauft daneben auch bereits fertiggestellte Filme auf und tritt somit in Konkurrenz zu klassischen Verleihern. Auf einen (limitierten) Kinostart dürfen einzig solche Werke hoffen, von denen Netflix sich gewisse Einspielzahlen erwartet, und das bislang lediglich in Ländern wie Nordamerika, Südkorea oder China, während wir hierzulande in die Röhre schauen. Nachdem im vergangenen Jahr die Netflix Originals Okja und The Meyerowitz Stories im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes gezeigt wurden, entschieden nun die Verantwortlichen des Festivals, Filme des VoD-Anbieters künftig nicht mehr in dieser Sektion antreten zu lassen. Eine denkbar fragwürdige Maßnahme, die insbesondere jene benachteiligt, die es am wenigsten verdient haben: die kreativen Kräfte hinter einem Film.

Hierbei müssen wir uns zunächst bewusst machen, dass Netflix für kaum einen Filmschaffenden die erste Anlaufstelle sein dürfte, denn nach wie vor betonen viele Regisseure den Wert des Kinos - speziell für ihre eigenen Filme. So auch Alex Garland, dessen ambitionierter Science-Fictioner Auslöschung in weiten Teilen der Welt zu Netflix wanderte, weil David Ellison - seines Zeichens Chef der Produktionsfirma Skydance Media - das bereits abgedrehte Werk für "zu intellektuell und zu kompliziert" befand, um es dem Publikum auf der großen Leinwand vorzusetzen. Regisseur Garland zeigte sich in einem Interview mit Collider über die erst nach Produktionsabschluss verhandelte Vermarktung enttäuscht und betonte, Auslöschung sei fürs Kino gemacht worden.

Doch nicht nur die ausbleibende beziehungsweise mangelhafte Kinosauswertung ist ein Problem, das die (nachträgliche ebenso wie "originäre") Kooperation mit dem Streaming-Dienst aus Sicht von Künstlern mit sich bringt. So entwarf beispielsweise Duncan Jones wehmütig ein DVD-Cover zu seinem Netflix-Film Mute, der wiederum voraussichtlich nie auf DVD und Blu-ray erscheinen wird. Wenn aber Regisseure - wie im Fall Garlands - sich mitunter gar nicht dagegen wehren können, dass ihr Film irgendwann auf Netflix landet, dann ist es eine zusätzliche Strafe, sie obendrein von prestigeträchtigen Preisverleihungen auszuschließen. Und eine unnötige dazu. Selbiges muss für Filmschaffende wie Jones gelten, die sich an Netflix wenden, weil sie offenbar nur hier die Möglichkeit erhalten, ein von langer Hand geplantes Herzensprojekt überhaupt nach ihrer Vorstellung umzusetzen und etwaige Nebenwirkungen zähneknirschend in Kauf nehmen.

Cannes schießt sich selbst ins Bein

Das Angebot an Netflix Originals ist kunterbunt. Viele Eigenproduktionen des Unternehmens muten eigenwilllig an, was zugleich der Preis und der Lohn dafür ist, Regisseuren freie Hand bei der Umsetzung ihrer jeweiligen Vision zu lassen. Tatsächlich scheinen von vorneherein nur wenige Filme des VoD-Riesen dafür prädestiniert, im traditionell kunstsinnigen Wettbewerb von Cannes ein ernsthaftes Wörtchen mitzureden, doch auch solche Kandidaten gibt es. Dabei ist mit Blick in die nahe Zukunft vor allem an The Irishman zu denken, den Martin Scorsese für Netflix abdreht und der seit Monaten mit dem französischen Festival in Verbindung gebracht wird. Das kommende Mafia-Epos mit Robert De Niro wird der eventuell teuerste Film in der Karriere der Regie-Legende und Cannes kann es sich eigentlich nicht leisten, dem 75-Jährigen die rote Karte zu zeigen. Genau das aber müsste bei konsequenter Anwendung der eigenen Regel jetzt passieren. Zwar gilt die Netflix-Sperre nur für den eigentlichen Wettbewerb des renommierten Festivals, doch The Irishman etwa außer Konkurrenz zu präsentieren, wäre sicherlich für alle Beteiligten hochgradig unbefriedigend.

Eine neue Herausforderung

Nicht zuletzt unterstreicht der Beschluss der Cannes-Verantwortlichen, dass wir für Netflix und Co. dringend eine faire Handhabe finden müssen. Steven Spielberg vertritt die Meinung, Originals sollten von den Oscars ausgeschlossen sein, denn "wenn man einem Film dem Fernsehformat verpflichtet, hat man einen Fernsehfilm." Allerdings scheint es zunehmend fragwürdig, den sich mit rasender Geschwindigkeit entwickelnden VoD-Markt im Allgemeinen und Netflix im Besonderen mit klassischem Fernsehen gleichzusetzen. Vieles spricht dafür, dass wir es hier mit einem neuen Big Player eigener Art zu tun haben, dem es erst noch gerecht zu werden gilt. Ob Ablehnung der richtige Weg ist, darf in jedem Fall bezweifelt werden, zumal ein Film am Ende des Tages immer noch ein Film bleibt - egal, ob wir ihn auf der großen Leinwand oder dem heimischen Bildschirm sehen. Ein Werk nach seiner Vertriebsart zu bewerten, mutet demgegenüber kunstfeindlich und geradezu grotesk an, zumal das Problem ein hausgemachtes der Industrie ist. Denn brächten die Studios und Verleiher mehr Mut auf, kreative Risiken einzugehen, würden von vorneherein weniger Regisseure mit ihren Ideen bei Netflix stranden.

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