Kinostart von Captain Phillips

Wie Paul Greengrass Traumata aufarbeitet

Captain Phillips
© Sony Pictures Releasing
Captain Phillips

Die Kritiker überschlagen sich mit Lobeshymnen. Schon zum dritten Mal hat der britische Regisseur Paul Greengrass es nun geschafft ein höchst politisches und traumatisches Thema aufzugreifen und nicht nur einen immens spannenden, sondern auch intelligenten Film darüber zu drehen. Diese Woche startete Captain Phillips mit einem unglaublichen Tom Hanks in unseren Kinos und erzählt die Geschichte vom internationalen Verbrechen auf hoher See. Der Film adaptiert die Memoiren von Richard Phillips, der diese Entführung von ihm und seinem Containerschiff durch somalische Piraten 2009 erlebte.

Authentisches Thema finden
Während sich laut dem Engländer Paul Greengrass in Amerika die meisten Leute an das Ereignis erinnern können, hätte er das Drehbuch gelesen, als würde er zum ersten Mal davon hören, ist in der ZDF Mediathek zu hören. Die vielen Twists machten die Story für ihn zu einem spannenden Erlebnis. Es stellt sich hier die Frage, warum dieser begabte Regisseur so sehr daran interessiert ist, sich mit schwierigen und schwerwiegenden realen Ereignissen zu beschäftigen, um einen Thriller daraus zu drehen. Die Frage, wie er es bereits zum dritten Mal schafft, einen so hochgelobten Film zu liefern, geht damit einher. Doch für Paul Greengrass steht beim Filmemachen nicht die Ratio, sondern das authentische Gefühl fürs Thema im Vordergrund: “Beim Filmemachen geht darum, eine Ansicht zu haben. Und diese muss authentisch sein für dich. Wenn du Geschichten oder Charaktere finden kannst, die es dir ermöglichen auszudrücken, was du tief in dir spürst, dann kannst die Filme danach formen.“

Die Kinogänger belohnen
Und wenn Leute ins Kino gehen, um sich seine Filme anzusehen, dann will Paul Gereengrass sie dafür auch belohnen. Entweder ist dies mit eskapistischen Fantasie-Balladen möglich oder eben mit einem Fenster in unsere reale Welt, das dazu einlädt, einen Blick auf die Mechanismen unserer Gesellschaft zu werfen und unser Bild der Realität zu überdenken. Bereits in Flug 93 aus dem Jahr 2006 griff er ein US-Thema auf, dass Captain Phillips an Trauma-Potenzial noch weit übersteigt. Hier zwang er uns dazu, den Überlebenskampf und die bedrückende Lage der Flugzeugpassagiere im dritten 9/11-Flieger mitanzusehen. Jenes Flugzeug, das vermutlich fürs Pentagon vorgesehen war, jedoch aufgrund eines Passagier-Aufstandes gegen die Terroristen in einem unbesiedelten Gebiet abstürzte, steht hier im Zentrum. Der schreckliche Ausgang ist allen bekannt. Ein heikles Thema später ist Paul Greengrass wieder für die Brisanz zur Stelle, um mit Taktgefühl ein aufwühlendes Ereignis aufzuarbeiten.

Beide Parteien beleuchten
Doch nicht nur dem 9/11-Trauma verpasste Paul Greengrass mit Flug 93 einen Beitrag, auch den tief im britischen Bewusstsein sitzenden Bloody Sunday arbeitete er im gleichnamigen Thriller von 2002 nach 30 Jahren auf. Die Ermordung unbewaffneter Menschen durch das Militär steht hier im Mittelpunkt der Kontroverse, welche zur Eskalation des Nordirland-Konfliktes führte. Wie immer bezieht Paul Greengrass in seinem Film klar eine Stellung, ohne jedoch eine Seite zu glorifizieren und die andere zu verdammen. So beschäftigt sich Paul Greengrass auch bei Captain Phillips für beide Parteien, sowohl für die Piraten, als auch für die Crew. Am meisten interessiert den Filmemacher an diesem Thema der Machtkampf der beiden Hauptcharaktere – zwei Kapitäne, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Piraten, die nur das Ende einer langen Verbrecher-Kette sind, steht ebenso im Vordergrund, wie die Ratlosigkeit des entführten Captain Phillips.

Herz & Hirn beanspruchen
Die journalistische und gut recherchierte Herangehensweise von Paul Greengrass steht nur auf den ersten Blick im Gegensatz zu den tief emotionalen Themen, die er aufgreift. Gerade sein semi-dokumentarischer Stil mit Handkamera und Fachsprache ermöglicht es uns, in diese Welt einzutauchen, weil wir sie als unsere eigene erkennen und fasziniert sind von ihr. Bloody Sunday, Flug 93 und Captain Philipps sind Balanceakte zwischen journalistischer Treue zu den wahren Begebenheiten und den eigenen Gefühlen zur Sache. Paul Greengrass ist einer von wenigen Regisseuren, die es schaffen, in ihren hochkarätigen Thrillern sowohl den Puls hochzutreiben, als auch das Gehirn in Gang zu setzen. Nachdem er nach Green Zone nun mit Captain Phillips endlich über die Post-9/11-Ära hinweg sein dürfte, können wir uns schon auf die nächste Aufarbeitung spannender Themen von Paul Greengrass freuen.

Gegenüber Independent verrät er: “Letzten Endes findest du immer Geschichten und Filme, die nur du machen kannst. Du weißt es, wenn du sie siehst.” Wir können also gespannt sein, welches Thema dem Das Bourne Ultimatum -Regisseur als nächstes ins Auge springt.

Welcher Film von Paul Greengrass hat euch am meisten beeindruckt?

moviepilot Team
sciencefiction Andrea Wöger
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