Mother's Mercy

Wir schauen Game of Thrones - Staffel 5, Folge 10

"Hey, das Drehbuch für Pompeii 2: The Reckoning sieht gar nicht übel aus."
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moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

In gewisser Weise bildete die 5. Staffel von Game of Thrones eine Probe aufs Exempel. David Benioff und D.B. Weiss vermochten es lange Zeit, ihre ausufernde Geschichte von einem Medium ins andere zu übersetzen, sie auszuarbeiten, zu kürzen und zu visualisieren. Sie präsentierten bei HBO ihre Version von George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer, aber es war immer noch "George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer". In Staffel 5 wurden sie unter anderem durch Martins Vorlage(n) gezwungen, deren Handlung zu stauchen, zu überspringen oder ganz umzuschreiben. Benioff und Weiss, darin bestand das Risiko, mussten sich eine Staffel lang freischwimmen und trotzdem auf selber Höhe ankommen wie Martin. Deswegen entspricht das Staffelfinale Mother's Mercy dem letzten Sprint zur Zielgeraden: müde, arhythmisch und vom Schmerz angetrieben. Denn was muss, das muss.

Cersei Lannister sieht auf ihrem Walk of Shame durch die Hauptstadt die vermeintlich sichere Red Keep in der Ferne. Doch eben diese Ferne scheint unerreichbar, als die Ehrfurcht der Umstehenden vor der entblößten Königinmutter den Beleidigungen Platz macht. Zum gewaltgeilen Publikum aus den Fighting Pits von Meereen gesellt sich in dieser Folge von Game of Thrones das enthemmte Volk von King's Landing, das seine ganze ungefilterte Wut am nackten Körper einer vom Sockel gezerrten Mächtigen auslebt. Man möchte meinen, die White Walker könnten nicht schnell genug gen Süden ziehen. So ungezügelt sind die Reaktionen, dass es eigentlich gar keine Rolle spielt, was Cersei genau vorgeworfen wird. Wie in den Karikaturen und Schmähschriften über Marie Antoinette findet sich in den Gassen King's Landings ein krankhaftes Aufgeilen am schutzlosen Körper des Sündenbocks. Natürlich lässt sich über den voyeuristischen Aspekt einer Sequenz streiten, für welche die schwangere Lena Headey per Computer mit einem Body Double verschmolzen werden musste, um die gewünschten Nacktheitsquote zu erfüllen. Ging gar das Budget von Stannis' letzter Schlacht für diese Effekte drauf? Cerseis 15-minütiger seelischer Kampf um ihre Würde schindet jedenfalls gerade auch dank Lena Headey Eindruck. Er schmerzt, er stößt ab und zwingt einen gleichzeitig zum Hinsehen, was nach Zombieschlachten und Kinderverbrennungen durchaus nicht als selbstverständlich bezeichnet werden kann.

In The Wars to Come, der ersten Folge von Staffel 5, wurde Cersei die Flashback-Premiere der Serie zuteil. Sie werde alles verlieren, was eine Frau wie sie in dieser Welt zu erwarten habe, hieß es in ihrer Prophezeiung. Nach dem Tod ihres Vaters verstieg sich die Königinmutter in der Machterhaltung. Regelrecht besessen schien sie von dem Wunsch, ihrer vorhergesagten Zukunft zu entgehen, also näherte sie sich dieser umso schneller an [1]. Blind gegenüber den Konsequenzen ihrer Taten, fiel ihr der Schnitt ins eigene Fleisch gar nicht mehr auf. Damit strapazierten die Autoren gelegentlich die Glaubwürdigkeit. Wahn und pure Dummheit sind nun einmal nicht dasselbe. Nichtsdestotrotz ordnet sich der erniedrigende Sühnegang Cerseis zwingend in ihre Entwicklung ein. Ihre Entblößung vor den Augen des Mobs wirkt unvermittelt und brutal, unter anderem weil sich die Erzählung in King's Landing in den vergangenen Folgen auf ihre einsame dunkle Zelle beschränkt hatte. Ihre "Abbitte" führt indes weiter, was seit Tywins Ende unvermeidlich war: der Niedergang der Lannisters in King's Landing. Und sie vermag nur in zwei Entwicklungen zu gipfeln: einer gebrochenen Cersei oder einer, die in ihrem Wahn bestärkt wird.

Die letzten Folgen der 5. Staffel von Game of Thrones fühlten sich stellenweise an, als würde die Serie durch Mel Gibsons Version von Cerseis "Kreuzweg" sprinten. Nur wartet am Ende der Via Dolorosa kein zombiefizierter Berg von einem Mann, der die Zuschauer in seinen sanften, leicht vermoderten Armen empfängt. Manche Fans und Kritiker bemängelten, die Serie sei zu deprimierend, bettelten gar um wenigstens einen glücklichen Moment zwischen den vielen Qualen. Schließlich folgte auf weitere umstrittene (Beinahe-)Vergewaltigungsszenen die einigermaßen bedrückende Aussicht einer Zombieapokalypse und die Verbrennung von Shireen Baratheon bei lebendigem Leib. Nach einer Staffel, in der die Schwierigkeit ausgelotet wurde, sich in Gnade zu üben, wähnt man bei Mother's Mercy Frank Castle im Writer's Room. Stannis wird von Brienne hingerichtet [2]. Arya erblindet nach ihrer Rache an Meryn Trant im House of Black and White, als hätte sie sich in einen Klassiker von Lucio Fulci verlaufen. Myrcella gesteht gegenüber dem sichtlich bewegten Jaime den Stolz auf ihren wahren Vater, nur um im nächsten Moment einer Vergiftung anheim zu fallen [3]. Cersei wird nackt vor aller Welt erniedrigt und die Night's Watch inszeniert ihre Impro-Fassung von Julius Caesars Ermordung, mit Jon in der Titelrolle und Olly als mimisch begrenztem Brutus.

[1] Cersei als Laios und Ödipus in einer Person?
[2] ... hoffe ich.
[3] ... hoffentlich nicht mit tödlichem Ausgang für eine bisher kaum ausgearbeitete Figur. So schlimm kann selbst der miserable Dorne-Plot nicht sein. Bitte!?

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