Woody Allen und die Grenzen der #MeToo-Bewegung

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Woody Allen, der nihilistische Intellektuelle des US-amerikanischen Kinos, dreht seit knapp 50 Jahren Filme. Ziemlich regelmäßig und oft auch ziemlich erfolgreich. Klassiker wie Der Stadtneurotiker, Manhattan und Hannah und ihre Schwestern sind aus der Geschichte des Kinos praktisch nicht wegzudenken und bescherten dem mittlerweile 82-Jährigen bis vor kurzem einen beachtlichen Darstellerzulauf. Ob mit Cate Blanchett, Larry David, Scarlett Johansson oder Kate Winslet: Lange konnte sich der Regisseur den Cast seiner Werke scheinbar nach Belieben zusammenstellen. Nun aber holen Woody Allen alte Vorwürfe gegen ihn ein, nachdem Dylan O'Sullivan Farrow neulich im Fernsehen wiederholt aussagte, er habe sie sexuell missbraucht, als sie noch ein Kind war. Dieses Mal allerdings findet sie stärkeres Gehör, was ein Verdienst der #MeToo-Bewegung ist, die sich als Reaktion auf die zahlreichen Anschuldigungen gegen den ehemaligen Produzenten-Mogul Harvey Weinstein wegen sexuellem Missbrauch und Fehlverhalten formte.

Bereits 1993 äußerte Mia Farrow, Woody Allens Ex-Frau, der Regisseur habe sich der gemeinsamen Adoptivtochter Dylan auf unangemessene Weise genähert. Anfang 2014 war es schließlich das mutmaßliche Opfer selbst, das in einem offenen Brief den Wahrheitsgehalt jener Aussage bestätigte. Auf Woody Allens Karriere hatte all das bislang allerdings keine spürbar negativen Auswirkungen. Weder distanzierten sich künstlerische Weggefährten von ihm, noch wurde es schwieriger, namhafte Schauspieler für neue Filme zu gewinnen.

Die Macht von #MeToo

Nun aber, im Lichte der #MeToo-Debatte, wendet sich das Blatt gegen Woody Allen, gleichwohl die Vorwürfe die alten bleiben. Ellen Page bereut es jetzt, mit ihm gedreht zu haben. Ebenso Greta Gerwig, Colin Firth, Rachel Brosnahan und einige andere. Timothée Chalamet und Rebecca Hall, die Stars aus Allens kommender Tragikomödie A Rainy Day in New York, kündigten überdies an, ihre Gage aus dem Film an TimesUp zu spenden. Dabei handelt es sich um die neu ins Leben gerufene Kampagne gegen sexuelle Belästigung. Wie und sogar ob Amazon A Rainy Day in New York veröffentlicht, scheint parallel dazu nicht mehr sicher. David Ehrlich, Kritiker für IndieWire, vermutet, Woody Allens Laufbahn als Filmemacher ist am Ende angekommen.

Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll das Potenzial der #MeToo-Bewegung, bei der es - nicht mehr und nicht weniger - darum geht, Opfern sexueller Gewalt Aufmerksamkeit zu schenken, ihnen zuzuhören und sich mit ihren Ausführungen auseinanderzusetzen. Eben das nämlich ist gerade dort keineswegs selbstverständlich, wo sich die Anklage gegen eine Kino-Ikone richtet, mit deren Filmen viele Menschen viele Abende verbracht haben. Die oft beschworene Atmosphäre einer Hexenjagd, vor der übrigens (mit anschließendem Versuch einer Klarstellung) auch Allen warnte, entbrannte daraus bis jetzt gerade nicht - vielmehr zeigte beispielsweise der Fall Aziz Ansari, dass Öffentlichkeit und Medien das Verhalten der beteiligten Parteien immer individuell prüfen. Nicht nur, aber speziell beim Thema Woody Allen jedoch sind dieser Abtastung nach der Wahrheit Grenzen gesetzt und genau das macht es so schwierig. Denn Tatsache ist: Wir wissen immer noch nicht zweifelsfrei, ob er, der mehrmals seine Unschuld beteuerte, ein Kind missbraucht hat. Weiter steht Wort gegen Wort - und Woody Allen dennoch im Abseits.

Wenn genau hinsehen nicht weiterhilft

Besonders undurchsichtig erscheint der Fall durch seine familiäre Einbettung, schließlich führten Allen und Mia Farrow einen erbitterten Sorgerechtsstreit um die drei gemeinsamen Adoptivkinder, in dessen Rahmen erstmals auch die Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen den gebürtigen New Yorker laut wurden. Laut Allen habe Mia Farrow die damals 7-jährige Dylan instrumentalisiert, um seinem Ruf zu schaden, doch nicht zuletzt Ronan Farrow positioniert sich mittlerweile deutlich gegen seinen Adoptivvater. Als Journalist war der heute 30-Jährige sogar einer der Wegbereiter von #MeToo. Allerdings ist Woody Allen nicht ganz ohne Beistand: Sohn Moses Farrow und Schauspieler Alec Baldwin ergriffen ebenso Partei für ihn wie seine ehemalige Lebensgefährtin und noch immer gute Freundin Diane Keaton. Behördliche Ermittlungen wurden in den 1990er Jahren zwar durchgeführt, brachten aber keine Beweise hervor, die es wiederum speziell bei Sexualdelikten häufig einfach nicht gibt.

In Anbetracht dieser Tragödie durch die Brille von #MeToo werden nicht nur mögliche Verdienste, sondern auch Grenzen der Debatte sichtbar. Zunehmende Empathie für die Opfer sexueller Gewalt zeigt in Verbindung mit der damit einher gehenden Bereitschaft, sich von Idolen zu verabschieden, dass wir auf einem guten Weg sind. Nicht ersetzen kann die Bewegung indes ein faires Gerichtsverfahren und noch weniger ist sie eine imaginäre Glaskugel, die uns jene stichhaltigen Nachweise aus der Vergangenheit liefert, die es eigentlich braucht, um überhaupt erst zu der Überlegung zu gelangen, ob wir zwischen Künstler und Privatperson trennen können/möchten/wollen. Uns bleibt vielmehr nur die Frage danach, wem wir glauben und das ist eine verdammt große Verantwortung für ein Kollektiv.

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