Zertifikat witzig: Die Känguru-Chroniken überzeugen auch im Kino

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© Warner Bros./X-Verleih
Die Känguru-Chroniken
07.03.2020 - 08:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Mit Die Känguru-Chroniken wird Marc-Uwe Klings Geschichte des kommunistischen Beuteltiers verfilmt. Doch kann die Adaption an den Humor der Vorlage anschließen?

Was haben Kängurus und Schnapspralinen gemeinsam? Wer diese Frage ohne Umschweife beantworten kann, kennt wahrscheinlich Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling.

Doch kann die Existenz eines kommunistischen Kängurus, das bei einem Kleinkünstler in Berlin einzieht, auch in Filmform punkten? Die Känguru-Chroniken versuchen diese Frage mit Humor zu beantworten und dabei vor allem Fans, aber auch Nicht-Kenner anzusprechen. Denn:

  • Die Känguru-Chroniken halten den besonderen Humor der Vorlage mit einem Mix aus Altem und Neuem am Leben.
  • Das Känguru und der Schauspieler Dimitrij Schaad funktionieren als zu Späßen aufgelegtes überzeugendes Duo.
  • Die übergestülpte Handlung ist für einen Film wohl notwendig, aber eigentlich zu vernachlässigen.

Egal ob Fan oder nicht: Trefft das Känguru und seinen Leinwand-Humor

Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe nahmen in den 2000er Jahren als kurze humoristische Erzählungen zur ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem kommunistischen Känguru und einem Berliner Kleinkünstler ihren Anfang, wurden als Radioclips gesendet und schließlich auch als Bücher verlegt (1. Die Känguru-Chroniken, 2. Das Känguru-Manifest, 3. Die Känguru-Offenbarung, 4. Die Känguru-Apokryphen).

Die Känguru-Chroniken

Der Siegeszug des Beuteltiers (das, obwohl es ein Männchen ist, einen Beutel hat) mit großer Klappe, philosophischem Anarcho-Humor und Nazi-Abscheu zeigte sich als etwas ganz eigenes. Mit der Verfilmung stellt sich also die Frage: Lässt sich diese Art von Witz auch auf die Leinwand bringen? Die kurze Antwortet lautet: Ja. Das Känguru darf hier ruhig den "Nicht Witzig"-Stempel bei Seite legen und sich selbst als "Witzig" abstempeln.

Tatsächlich schwingt im Film Die Känguru-Chroniken stark der Geist der Vorlage mit, was nicht zuletzt daran liegt, dass Marc-Uwe Kling selbst das Drehbuch geschrieben hat. Viele bekannte Witze mag der Fan dabei wiedererkennen. Aber da die (Hör-)Bücher und Geschichten des Kängurus ohnehin viel von Wiederholungen leben und auf diese Weise markante, gut zitierbare Sprüche ("Ach 'mein', 'dein' - das sind doch bürgerliche Kategorien") prägten, tut das dem Vergnügen keinen Abbruch.

Die Känguru-Chroniken

Känguru-Neulinge können so zum ersten mal über absurde Situationen wie dümmliche Diskussionen von Nazis und Türken mit ultra-deutschen Vornamen lachen, während Kenner zusätzlich über unauffällig eingeflochtene Insider wie "Halt mal kurz" lächeln und die E-Gitarren-Musik im Soundtrack wiedererkennen.

Doch natürlich bringen Die Känguru-Chroniken auch neue Späße mit, die sich mit Hasenpfoten und Porsches gut ins ursprüngliche Humorschema einordnen. Und weil Marc-Uwe und das Känguru von jeher Filmliebhaber sind, bekommen berühmten Streifen wie die von Terence Hill und Bud Spencer ebenso ihr Fett weg wie Marvel, Forrest Gump und Pulp Fiction (nur, dass die Uhr jetzt eine Hasenpfote ist).

Die Känguru-Chroniken: Die Balance von Verändern und Festhalten

Das kommunistische Känguru wurde für seine Verfilmung nicht zum gemäßigt sozialdemokratischen Koalabären umgeschrieben, wie es Marc-Uwe Klings Bücher noch spaßhaft für eine Hollywood-Version prophezeiten. Trotzdem gibt es Unterschiede, die betont statt geleugnet werden.

Die Känguru-Chroniken: Marc-Uwe, das Känguru und Maria

Indem Marc-Uwe Kling gleich zu Beginn darauf hinweist, dass er sich nicht selbst spielt, sondern das lieber einem professionellen Schauspieler überlässt, kann der Fan-Zuschauer das abhaken - mit Hilfe des simplen Tricks eines Meta-Kommentars zur Verfilmung, der zeigt, dass der Film sich bewusst ist, ein Film zu sein.

Außerdem macht Darsteller Dimitrij Schaad seinen Job als Marc-Uwe-Ersatz wirklich gut. Wenn er mit der lethargischen Sympathie des befangenen Kleinkünstlers im Bademantel durch Berlin schlurft, erschafft er eine ähnliche und doch auf eigene Weise zündende Kunstfigur.

Marc-Uwe Kling als Stimme des Kängurus zu behalten, ist trotzdem die beste Entscheidung, die der Film treffen konnte, denn wer die Hörbücher kennt oder den Kabarettisten schon mal live oder im Radio erlebt hat, weiß, dass alles andere nicht funktioniert hätte. Zu markant ist der forsch-nörgelnd-laute Tonfall des Beuteltiers, um dafür jemand anderen einzuspannen.

Das Känguru: gesprochen von Marc-Uwe Kling

Doch auch äußerlich ist das Känguru (nicht nur für deutsche Verhältnisse) überraschend anständig animiert (bzw. teils gespielt? Schwer zu sagen). Wenn es mit seinem räudigen Fell und den großen Kulleraugen mit seinem unfreiwilligen neuen Mitbewohner interagiert, entsteht hier ein glaubhaftes Duo.

Die Känguru-Chroniken brauchen jetzt eine Handlung

Anders als eine Sammlung lustiger kurzer Geschichten benötigt ein Film natürlich eine Handlung. Die Känguru-Chroniken bekommen also einen rücksichtslosen Immobilienhai (Henry Hübchen) verabreicht, der plant, den halben Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg zuzubetonieren. Fertig ist die einfache Story.

Sicher: Mit aufgegriffenen Themen wie Gentrifizierung zeigt sich die Kängruru-Chroniken-Verfilmung dabei durchaus zeitgemäß. Dennoch ähnelt die grobe Handlung eher einem Kinderfilm, in dem eine Bande Halbstarker sich dem bösen Bauunternehmer entgegenstellen muss, um die eigene Heimat/den Spielplatz/ihr Zuhause zu retten. Nur eben mit erwachsenem Humor.

Die Känguru-Chroniken und ihre Gegner: Bauunternehmer und Nazis

Insgesamt wirkt die Verfilmung der Känguru-Chroniken durch dieses Zusteuern auf ein Ziel (statt dem anarchischen Hüpfen durch einzelne Episoden) etwas zahmer als ihre Vorlage. Aber eben doch nicht so zahm, dass nicht auch kleine Hunde im Park weggetreten werden könnten.

Und mal ehrlich: Der Plot ist doch ohnehin nur ein Vorwand, um mit kindlicher Freude dem über die Stränge schlagenden Treiben des Känguru genüsslich zuzusehen. Kind und Erwachsener reichen sich hier die Hand. Schokolade trifft Alkohol.

Am Ende ist der Film Die Känguru-Chroniken damit selbst ein bisschen wie eine Schnapspraline: als Leckerei für zwischendurch gut konsumierbar; ein kurzzeitig berauschendes Vergnügen, das nach der Leerung der Schachtel getrost auch wieder beiseite gelegt werden kann. Zumindest so lange, bis vielleicht das Verlangen groß genug wird, um die nächste Packung zu kaufen. Dann aber mit Pinguin-Aufdruck.

Ist der "Känguru-Chroniken"-Film so gut wie das Buch? Das sagen unsere Kollegen im Podcast

Die Kollegen von FILMSTARTS diskutieren in der neuen Folge ihres Podcasts Leinwandliebe , ob der subversive Witz der Känguru-Bücher auch im Kinofilm steckt.

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Außerdem in der neuen Leinwandliebe-Folge: Känguru-Chroniken-Hauptdarsteller Dimitrij Schaad im Interview und Star-Besuch von Annette Frier, die im neuen Pixar-Kinofilm Onward als Synchronsprecherin zu hören ist.

Wie hat euch als (Nicht-)Fans die Verfilmung der Känguru-Chroniken gefallen?

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