Zum Geburtstag von Jean-Pierre Jeunet: Eine Verteidigung von Alien 4

Alien - Die Wiedergeburt
© 20th Century Fox
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Die radikal unterschiedliche Ausrichtung der verschiedenen Filme und der stetige Wechsel der Kreativköpfe hinter den Kulissen macht die Alien-Reihe zu einem Kuriosum in der Filmwelt. Im Prinzip haben alle klassischen Filme, sprich Teil eins bis vier, dieselbe Geschichte. Sie wird nur von verschiedenen Filmemachern erzählt. Selbst wenn es nach dem meisterlichen ersten Teil zumindest für mich qualitativ stetig bergab ging, würde ich jeden einzelnen Film der Reihe aus den unterschiedlichsten Gründen empfehlen.

Zum Geburtstag seines Regisseurs Jean-Pierre Jeunet will ich mich auf Alien - Die Wiedergeburt konzentrieren, für viele Fans der verhasste Tiefpunkt der Reihe, und herausstellen, warum dieser für Fans durchaus einen zweiten Blick wert sein könnte.

Die chaotische Produktion von Alien - Die Wiedergeburt

Im Gegensatz zu Alien³, bei dem sich das Studio so heftig in die Produktion einmischte, dass sich Regisseur David Fincher am Ende selbst des Filmes enteignete, wurde Jean-Pierre Jeunet für die Inszenierung des Nachfolgers größtenteils wieder freie Hand gelassen. Eine lobenswerte Entscheidung, die sich schlussendlich jedoch als höchst kontraproduktiv herausstellte. Das liegt vor allem daran, dass Jeunet und Drehbuchautor Joss Whedon komplett unterschiedliche Ansichten davon hatten, welche Stimmung der Film eigentlich transportieren soll. Whedons Skript und insbesondere seine Dialoge strotzen nur so vor Ironie, die dem Franzosen, der der englischen Sprache zu Drehbeginn nicht mächtig war, allerdings entging.

Stattdessen drehte dieser einen geradlinigen B-Movie-Slasher-Film, der einer Mischung aus Die Höllenfahrt der Poseidon, Deep Blue Sea und Jason X gleicht. Selbst wenn Jeunet laut Whedons Aussage einen Großteil seines Drehbuchs verfilmte, würde sich seine eigene Handschrift überhaupt nicht im fertigen Produkt widerspiegeln. Das geht aus einem Interview mit Bullz-Eye.com hervor, in dem Joss Whedon deutlich Worte zur Entstehung von Alien - Die Wiedergeburt findet:

Es ging nicht darum, dass sie [Jeunet und Studio 20th Century Fox] alles anders gemacht haben, auch wenn sie das Ende abgeändert haben. Es war eher das Problem, dass sie alles falsch gemacht haben. Sie haben die Dialoge größtenteils aufgesagt, aber sie haben sie falsch gesagt. Und sie haben [den Film] falsch besetzt. Und falsch designt. Und die Filmmusik falsch komponiert. Sie haben alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie Joss Whedons Version der Geschichte wohl ausgesehen hätte. Immerhin schuf er 2002 mit Firefly - Aufbruch der Serenity ein Science-Fiction-Abenteuer, das ähnliche Figuren und ein ähnliches Setting vorweisen kann und darüber hinaus mit seinem unverwechselbaren Charme punktet. Die Charaktere in Alien - Die Wiedergeburt wirken fast wie Prototypen der Serenity-Besatzung, die dann erst in Whedons Weltraumwestern vollkommen ausformuliert werden sollten. Vor allem Ron Perlmans grobschlächtiger Johner erinnert stark an einen gewissen Macho-Söldner aus der zu früh abgesetzten Kultserie.

Alien - Die Wiedergeburt: Ein typisches B-Movie aus den 1990ern

Was Jeunet uns am Ende mit Alien - Die Wiedergeburt serviert hat, ist ein Flickenteppich aus den unterschiedlichsten Ideen, den ich trotzdem nicht als einen Fehlschlag bezeichnen würde. Klar, der Gelbstich, der über dem kompletten Film liegt, ist ziemlich hässlich. Auch das neue, konstant triefende Alien hat nicht mehr ansatzweise die Eleganz, geschweige denn die Wirkung von Hansruedi Gigers Original-Design. Dazu kommt der eigenartige Alien-Hybrid im Finale des Films, während der wunderbare Brad Dourif (Herr der Ringe, Chucky - Die Mörderpuppe) vollkommen verheizt wird. Ansonsten ist Alien - Die Wiedergeburt aber eigentlich ganz unterhaltsam.

Besonders in der zweiten Hälfte inszeniert Jeunet einige spannende Action-Sequenzen (z.B. die Szene auf der Leiter, diverse Kills) und die Beziehung zwischen Ripley Nr. 8 (Sigourney Weaver) und der selbst für diesen Film äußerst sonderbar agierenden Winona Ryder ist zumindest durchwegs interessant. Außerdem hat Ron Perlman wie immer sichtlich Spaß daran, seine Ron-Perlman-Rolle zu spielen.

Als flotter B-Movie im Alien-Gewand funktioniert Die Wiedergeburt aufgrund einiger wirklich effektiver Momente sehr gut. Die Szene, in der Ripley die Klonbabies 1-7 ins Jenseits befördert, ist exzellent geschauspielert und hätte in einem besseren Film durchaus emotionales Gewicht haben können. Jeunets visuelle Verspieltheit und der genüssliche 90er-Jahre-Camp-Faktor sind ebenfalls positiv hervorzuheben. Ein eigener Stil kann dem Film zumindest nicht abgesprochen werden. Zudem profitiert er von der Entwicklung seiner zentralen Figur Ellen Ripley.

Sigourney Weaver ist ein absoluter Boss

David Fincher ließ Ripley am Ende von Alien³ den Heldentod sterben. Mit dem letzten Xenomorph im Bauch stürzte sie sich in einen gigantischen Schmelzofen und verhinderte so ein Fortbestehen der Rasse. Daher folgen wir in Alien - Die Wiedergeburt 200 Jahre in der Zukunft Ripleys Klon, der samt Alien im Abdomen von den Wissenschaftlern der USM Auriga erschaffen wurde. Letzteres wurde bereits chirurgisch entfernt und in Quarantäne verlegt. Weil Ripleys DNS beim Klonungsprozess mit der des Aliens vermischt wurde (David Cronenberg lässt grüßen), verfügt die toughe Offizierin plötzlich über Superkräfte, die sie am Anfang des Films in einer bekloppt-befremdlichen Basketballszene unter Beweis stellt.

Auch wenn Teil 3 ihrer Figur einen passablen, wenn auch höchst deprimierenden Abschluss bot, kam Sigourney Weaver für die Fortsetzung zurück und fungierte sogar als Co-Produzentin. Man mag von dem Film halten, was man will, ihr dabei zuzusehen, wie sie Ron Perlman und Tuco aus Breaking Bad anblafft, Aliens links und rechts über den Haufen schießt und ein verwegener Badass ist, macht einfach Spaß. Weaver bereitet ihrer berühmtesten Figur auch in Alien - Die Wiedergeburt keine Schande und spielt Ripley Nr. 8 routiniert und engagiert als (bio-)logische Weiterentwicklung der Heldin, die wir bereits aus den Vorgängern kennen. Was auch immer Jean-Pierre Jeunet der Alien-Reihe angeblich angetan haben soll, im Gegensatz zu Ridley Scott interessiert er sich zumindest noch ernsthaft für ihre Figuren und versteht es, diese in den Mittelpunkt zu stellen, statt sich nur auf die Beziehung von Android zu Android zu konzentrieren.

So ist es auch Weavers Performance, die den Film trägt und dafür sorgt, dass er sich selbst in den überzeichneten Momenten anfühlt wie eine legitime Fortsetzung und nicht wie ein Fanfilm mit Budget. Ellen Ripley ist und bleibt eine Naturgewalt und selbst pseudo-ambivalente Szenen, in denen sie mit einem grässlich designten Alien-Homunkulus kuschelt, schaffen es nicht, ihr filmisches Vermächtnis zu beflecken.

Ist Alien - Die Wiedergeburt so schlecht, wie alle sagen?

Jeunet sollte sein berühmter Flop nicht nachgetragen werden. Unterm Strich ist Alien - Die Wiedergeburt zwar deutlich schlechter als seine Vorgänger, aber deswegen noch lange nicht unterirdisch. Es gibt hier definitiv genügend Sachen zum Liebhaben, auch wenn sie einem nicht gerade wie ein Chestburster ins Gesicht springen.

In diesem Sinne alles Gute zum Geburtstag an Jean-Pierre Jeunet! Möge er weiterhin das machen, auf was er gerade Lust hat.

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