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Zwischenmenschliche Spannungen in Der letzte Frühling

Der letzte Frühling
© TS Productions
Der letzte Frühling

In einem Interview bezeichnete der französische Regisseur Stéphane Brizé einst seine Kamera als Lupe, mit der er "bestimmte Momente und Gesten in voller Größe zeige und überhöhe. Bis die Kleinigkeiten, die man im Alltag nicht einmal bemerken würde, so zur Explosion gelangen." Diese Analogie lässt sich zweifelsohne auch auf sein 2012 erschienenes Werk Der letzte Frühling anwenden, bei dem Brizé wieder einmal heikle zwischenmenschliche Thematiken aufgreift und den Ausschnitt einer Mutter-Sohn-Beziehung porträtiert - mit toll aufspielenden Hauptdarstellern, die alltägliche Spannungen im Haushalt geradezu greifbar werden lassen.

Die Handlung:

Alain Evrard (Vincent Lindon) zieht nach 18 Monaten Haft – der Fernfahrer hatte sich überreden lassen, Rauschgift zu schmuggeln – wieder zu seiner Mutter Yvette (Hélène Vincent). Die Stille zwischen ihnen erfüllt das Einfamilienhaus mit entsetzlicher Leere. Beim Jobcenter wird Alain mit der schwierigen Arbeitsmarktsituation konfrontiert. Doch er will arbeiten und beginnt zunächst bei der Mülltrennung. Yvette geht währenddessen weiter penibel ihren häuslichen Verpflichtungen nach: Putzen, Kochen, Puzzle-Spiele mit dem Nachbarn. Zum Abendessen läuft der Fernseher und jeder Versuch eines verbalen Austauschs zwischen Mutter und Sohn wird unterdrückt. Erst als Alain Yvette Tabletten nehmen sieht, fragt er nach dem Gesundheitszustand seiner krebskranken Mutter. Aber Yvette spielt ihre Krankheit herunter. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn eskaliert, als Alain die für ihn entwürdigende Arbeit kündigt. Immer häufiger kommt es zu Streitigkeiten, aggressiven Ausbrüchen und Sticheleien. Als Alain in einer Schublade eine Broschüre zum Thema Sterbehilfe und eine unterschriebene Einverständniserklärung seiner Mutter findet, ist er zutiefst erschüttert. Er sucht die Auseinandersetzung mit Yvette und angesichts ihrer Entscheidung bewegen sie sich langsam wieder aufeinander zu.

Michael Lang von Cineman schreibt in seiner Kritik:

Wie schon Michael Haneke im Film Liebe verdeutlicht Brizé, wie man ein breites Publikum auch für unbequeme, schwierige Themen wie Altern, Krankheit und Tod sensibilisieren und abholen kann: Mit erzählerischer Präzision, ohne aufgesetzten Voyeurismus und mit einer würdevoll hinterfragenden Haltung dem Leben gegenüber.
  • Was? Der letzte Frühling
  • Wann? 20:15 Uhr
  • Wo? Arte
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Ex-Unterwäschemodel und 08/15-Pessimist
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