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Conrad schreibt aus München

Arabian Nights - Fantastisches Politkino aus Portugal

Arabian Nights - Trailer (English) HD
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© Box Productions
Szene aus Arabian Nights
05.07.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Das Filmfest München ist vorbei und die zehn Tage exzessiven Filmgenusses haben ihre Spuren hinterlassen. Zuletzt schwelgte ich in schwülen, arabischen Nächten, umgeben von klirrenden Samurai-Schwertern blutrünstiger Rapper.

Ein beliebtes Festivalklischee besagt, dass es schwer fällt, die gesehenen Filme aufgrund der schieren Menge auseinanderzuhalten. Bei insgesamt 33 Filmen, die zum Schluss meine Netzhäute auf dem Filmfest München passiert hatten, mag das ein naheliegender Gedanke sein, doch habe ich mich bisher noch nicht dabei ertappen können. Wobei ich die Idee geradezu fantastisch finde. Allein die Vorstellung, Figuren und Situationen, Bilder und Töne der gesehenen Filme miteinander zu vermischen, bringt mein Kopfkino zum Strahlen. So wie ich und andere Zuschauer_innen uns immer wieder in neuen Kombinationen im Kinosaal zusammen finden, so verschmelzen auch die Filme allein aufgrund ihrer Dichte bei so einem Filmfestival. Arme Bauern aus lateinamerikanischen Arthouse-Filmen, die es noch nicht in die moviepilot-Datenbank geschafft haben, landen im dänischen Sanatorium aus Men & Chicken und tanzen zum 90s-Hip-Hop aus Dope, inszeniert von Miguel Gomes und gedreht auf 16mm-Film aus den Achtzigern? Mein Cineasten-Herz flimmert jetzt schon.

Ungefähr so muss auch das Martial-Arts-Gangster-Rap-Musical Tokyo Tribe von Japans Enfant Terrible Shion Sono entstanden sein. Der Film, der alle Klappentext-Autor_innen zur Verzweiflung treibt, spielt innerhalb einer Nacht in den Eingeweiden des Tokioer Verbrechermolochs. Brutale Gangs, die alle aussehen wie Cosplayer mit US-Hip-Hop-Fimmel, kämpfen um die Vorherrschaft in Japans Hauptstadt. Zwischen die Fronten dieses blutigen und in Neonfarben getränkten Krieges geraten zwei Geschwister, die glücklicherweise ziemliche Martial-Arts-Pros sind. Irgendwann während der 116 Minuten Laufzeit kamen all meine Sexismus- und Cultural-Appropriation -Sensoren wegen Überlastung zum Erliegen. Rauch stieg aus meinen Ohren auf. Zuschauer_innen verließen das Kino. Ich habe wahrscheinlich noch nie so oft während eines Films gleichzeitig gefesselt, angeekelt und verstört die Leinwand angestarrt. Das von Sono selbst per Videobotschaft empfohlene Bier zum Film hatte ich nicht zur Hand, und so musste ich diese in allen Belangen radikale Verfilmung von Santa Inoues gleichnamigem Manga völlig nüchtern erleben. Die sich jeglichen Bewertungskriterien entziehende Inszenierung übersteigt sowieso in ihrem Exzess alle mir bekannten westlichen Produktionen um zig Neonlichtjahre. Unterm Strich bleibt doch nur Respekt für diesen Regisseur übrig, der immer noch nicht müde ist, wirklich alles in die Waagschale zu schmeißen. Spätestens beim großen Finale erreicht Sonos subversive Parodie auf bis zur Unmenschlichkeit degenerierte Männlichkeitsbilder ihre genialischen Höhen. Kurioserweise kommt Tokyo Tribe am 16. Juli in unsere Kinos, in einem Land, in dem solche Filme schon lange undenkbar scheinen. Prädikat: Besonders WTF-voll!

Alle erdenklichen Relationen sprengte auch der Film, dem meine größte Vorfreude gewidmet war und der in seiner ganzen Pracht natürlich nur gestern, am letzten Filmfesttag, bewundert werden konnte. Miguel Gomes' Opus Magnum Arabian Nights war mit seinen über sechs Stunden Laufzeit, aufgeteilt auf drei Teile, die cinephile Mutprobe des Festivals. Der portugiesische Autorenfilmer bediente sich weitaus freier bei der bekannten Märchensammlung, als es vor ihm z.B. Pier Paolo Pasolini mit Erotische Geschichten aus 1001 Nacht tat. Zwar muss auch hier die wunderschöne Scheherazade (Cristina Alfaiate) dem König Schahriyâr Nacht für Nacht Geschichten erzählen, um ihre eigene Hinrichtung hinauszuzögern, doch kommen ihre Märchen hier ganz ohne Aladin, Ali Baba und Sindbad aus. Gomes füllte seine arabischen Nächte nämlich mit fiktionalisierten Zeitungsartikeln, die er über Jahre zusammen trug und die den Zustand des gegenwärtigen Portugals widerspiegeln, das sich zwar nicht in den Fängen eines grausamen Königs, dafür aber in der Gewalt der rigiden EU-Sparpolitik der Troika befindet. Zwar ist Griechenland aktuell wieder in aller Munde, doch sind andere Krisenländer wie Portugal entgegen der verbreiteten Berichterstattung noch lange nicht aus dem Schlimmsten raus.

Die Aufteilung in drei sogenannte Volumes macht insoweit künstlerisch Sinn, als dass jeder Teil formal und inhaltlich andere Wege geht. Zyniker_innen könnten dem Regisseur mühelos Beliebigkeit vorwerfen, doch stellt Gomes im essayistischen Prolog von Volume One klar, dass er selbst nicht weiß, wie er einen politisch militanten Film machen soll, der gleichzeitig Kinomagie atmet und das Publikum dem Alltag entfliehen lässt. Während Volume One also noch äußerst ernsthaft und mit vielen Voice-Overn arbeitsloser Portugies_innen ein deutliches Bild der Krise zeichnet, politisiert der zweite Teil weitaus abstrakter anhand von drei Geschichten, die sich mehr oder weniger so in Portugal abgespielt haben. Da wären ein Mörder auf der Flucht vor der Polizei und deren Kameradrohnen, eine Buñuel-eske Gerichtsverhandlung mit ungeklärter Schuldfrage sowie eine Matrushka-artige Erzählung über die Bewohner_innen eines Wohnblocks aus der Sicht eines süßen Hundes, der nebenbei dieses Jahr in Cannes für seine Leistung den Palm Dog Award  nach Hause nehmen konnte. Ja, ich weiß. Wer braucht da noch die Goldene Palme?

Die Meisterschaft des zweiten Teils kann Gomes mit Volume Three leider nicht aufrecht erhalten. Zwar beeindruckt die erste Hälfte mit einem Abstecher in Scheherazades Rahmenhandlung, wo die Todgeweihte durch das mit unzähligen Anachronismen verzierte Bagdad driftet, tanzt und singt, doch geht dem Film spätestens bei der letzten Geschichte die Luft aus, die überwiegend dokumentarisch und sehr, wenn nicht zu ausführlich Finkenzüchter bei der Vorbereitung auf ein Vogelgesangsturnier beobachtet, dass sich völlig absurderweise neben einem ohrenbetäubenden Flughafen abspielt. Wenn ein Film so vielfältig mit Formen und Narrationen spielt, kann es natürlich vorkommen, dass er mal scheitert. Dass sich dieser überwiegend brillante Film aber so dermaßen auf den letzten Metern ausbremst, ist allerdings ärgerlich.

Nichtsdestotrotz war Arabian Nights einer der ungewöhnlichsten Filme des Festivals, das mich nicht nur um 33 Filmerfahrungen reicher, sondern auch um viel Schlaf ärmer gemacht hat. Der Bus nach Berlin fühlt sich nach zehn Tagen Filmfest wie der Himmel auf Erden an. Die stickige Luft und die fehlende Beinfreiheit werden zur bloßen Nebensache. Doch je mehr München hinter mir am Horizont verschwindet, desto stärker wird die Gewissheit, nächstes Jahr wieder zurückzukehren, bei sengender Hitze, mit vollem Programm und offenen Augen.

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