Zürich Film Festival 2015

Black Mass und die toten Augen des Gangsterfilms

Black Mass (Scott Cooper, 2015)
© Warner Bros. Pictures Germany
Black Mass (Scott Cooper, 2015)
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Erst vor wenigen Tagen feierte GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia sein 25-jähriges Jubiläum; ein Gangsterfilm wie er im Buche steht und womöglich einer der wichtigsten seiner Gattung überhaupt. In zweieinhalb Stunden entfesselt Regisseur Martin Scorsese ein gewaltiges Mobster-Epos, das trotz seines Alters auch heute noch die Nase unter den eigenen Filmkollegen ganz vorne hat. Dennoch kann sich in einem Vierteljahrhundert einiges verändern und gerade die Filmwelt befindet sich im ständigen Wandel. Genres verschwinden von der Bildoberfläche und tauchen irgendwann wieder auf - dazwischen werden sie gemischt, variiert, manchmal sogar komplett neu erfunden.

Wenn Johnny Depp in Black Mass das erste Mal als James "Whitey" Bulgar auf der großen Leinwand zu sehen ist, scheint die Zeit jedoch stehengeblieben zu sein. Denn Scott Cooper, der in seiner Eigenschaft als Regisseur die Adaption von Dick Lehrs und Gerard O'Neills Literaturvorlage Black Mass: The True Story of an Unholy Alliance Between the FBI and the Irish Mob verantwortet, ist keineswegs daran interessiert, den Status quo des genannten Genres auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Stattdessen geht es ihm ausschließlich um die Konservierung des Gangster-Mythos im US-amerikanischen Kino - im Guten wie im Schlechten.

Von gebrochenen Prinzipien und dem Selbstbetrug

Angesiedelt im Boston der 1970er und 1980er Jahre erzählt Black Mass die Geschichte von James Bulgar (Johnny Depp), gerne auch einfach Whitey genannt. Er ist ein einfacher Mann, der im Süden genannter Metropole großgeworden ist und nun dort sein Revier als Kleinkrimineller aufgeschlagen hat. Und er ist ein Mann der Straße, der sowohl ihre Regeln kennt als auch weiß, wie er diese zu seinem Vorteil ausnutzen oder anpassen kann. Darüber hinaus genießt Whitey die Tatsache, der Bruder von Senator William M. Bulger (Benedict Cumberbatch) zu sein. Ein Umstand, der ihm zweifelsohne einige Vorteile verschafft, wenngleich im familiären Rahmen Whiteys tatsächliche Machenschaften schlicht als "Work" ignoriert werden.

Abseits davon gibt es noch John Connolly (Joel Edgerton), der Whitey und William schon seit seinen Kindheitstagen in "Southie" kennt und es mittlerweile zum FBI-Agenten geschafft hat. Jetzt will er alte Beziehungen auffrischen, um potentiellen Problemen vorzubeugen: John bietet Whitey einen Deal an, bei dem es in erster Linie darum geht, die La Cosa Nostra - so der Name des nordamerikanischen Ablegers der sizilianischen Mafia - in ihre Schranken zu weisen. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr: John hofft, durch diesen Pakt niemals seinen Jugendfreund festnehmen zu müssen und bekommt im Idealfall hochwertiges Material, um andere Kriminelle zur Strecke zu bringen. Gleichzeitig gibt er Whitey einen verhängnisvollen Freipass, ganz unbemerkt zu einem der größten Gangster zu werden, die Boston je gesehen hat.

Das Einzige, was sich Whitey vorhalten muss, ist der Kompromiss, dass er den Schutz des FBIs auf dem Papier bloß als Spitzel - sprich: Verräter - genießt. Und Whitey hasst nichts mehr als Verräter, wie er gleich zu Beginn des Films in einer harten Sequenz demonstriert. Nun kann er selbst seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden, muss sein Image allerdings aufrechterhalten, um sein stetig wachsendes Imperium vor dem Untergang zu bewahren. Mit diesem Image verhält es sich wie mit einer Maske und folglich macht es Sinn, dass Johnny Depp eine solche trägt. Die körperliche Transformation bestätigt auf den ersten Blick jedes Vorurteil gegen die in den letzten Jahren zugegebenermaßen ziemlich eintönige Rollenauswahl des Superstars. Selten hat sie jedoch so viel Sinn gemacht wie in Black Mass.

Eine Seele hinter Make-up en masse

Im Film wirkt Whitey wie ein Fremder, ein Außerirdischer. Egal, ob er sich mit Menschen auf der Straße oder zum feinen Dinner trifft: Niemals kann er sich in die Menge integrieren - völlig unabhängig, ob er es überhaupt versucht oder nicht. Seine Haut gleich der einer Leiche, sein Grinsen dem des Teufels und von den toten, blauen Augen will ich gar nicht erst anzufangen. Ein Äußeres, das zum Erschrecken ist, und dank Johnny Depps einnehmender Präsenz torkelt hier nicht ausschließlich ein Godfather-Verschnitt von Captain Jack Sparrow durch Boston, sondern eine ernst zunehmende Figur, die hinter Schminke, Kontaktlinsen und Perücke eine echte Seele besitzt, wenngleich Whitey in persona vermutlich der letzte Mensch auf Erden ist, dem der Zuschauer in Anbetracht seiner Taten eine solche eingestehen möchte.

Aber genau das ist eine der Stärken, die Johnny Depps Darbietungen schon immer ausgezeichnet haben: Das Balancieren auf dem Schmalen Grat zwischen offensichtlicher Maskerade und subtilen Schauspiel, das jene Passagen überbrückt (oder besser: erst recht zur Geltung kommt), in denen sich das Make-up abzunutzen beginnt. Gerade im Zusammenspiel mit Joel Edgerton, der in Johns unverbesserlichem Missgeschick regelrecht aufgeht, ergibt sich ein spannendes Bild: Beide Figuren könnten äußerlich nicht unterschiedlicher sein, kommen im Kern der Geschichte aber exakt auf den gleichen Nenner, denn beide verstecken ein Prinzip, das sie über den Haufen geworfen haben. Und jetzt wollen sie sich jenen unverzeihlichen Fehler um nichts in der Welt eingestehen.

Deutlich stiefmütterlich wird dagegen Whiteys Beziehung zu seinem Bruder behandelt, was letztendlich auch dazu führt, das Benedict Cumerbatch überwiegend passiv bleibt und den Film - wie der Rest des durchaus großartigen Ensembles - einfach nur absitzt. Scott Cooper bietet den meisten Nebenfiguren erst gar keinen Raum, um sich wirklich zu entfalten, da sie schlicht Abziehbilder ihrer Archetypen sind, die mal mehr, mal weniger engagiert vermeintlich wichtige Diskussionen führen. Was sich bei einem Kaliber wie Martin Scorsese nach relevantem Gesprächsstoff anhört, mag auf den Seiten des Drehbuchs von Black Mass gar nicht so anders sein. In seiner endgültigen Inszenierung klammert Scott Cooper jedoch jegliche Bedeutsamkeit der Geschichte aus und verlässt sich auf die bedeutungsschwangere Rückversicherung "based on a true story".

Egal wie rau die Straße wirkt, wie laut ein Schuss knallt oder wie durchdringend Whitey sein Gegenüber mustert: Black Mass selbst besitzt keine eigene Identität, geschweige denn ein Anliegen, sondern fungiert viel mehr als umfangreiche Nummernrevue seines Genres. Immer wieder holt Scott Cooper einen tiefen Atem, um im Anschluss dem Drive einer lässigen Montage zu frönen. Tatsächlich zeichnet er allerdings bloß ein Gemälde ab, ohne wirklich zu verstehen, welche Farben er genau verwendet. Das Merkwürdige daran ist, dass Black Mass trotzdem im Gewand eines einwandfreien Gangster-Films erscheint und in Einzelmomenten großen Spaß macht, in puncto Nachhaltigkeit allerdings fast so blass wie Whiteys Haut und so tot wie seine Augen ist.

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Vielen Dank an das Zürich Film Festival, das 25hours Hotel und Zürich Tourismus für die Einladung.

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