Auf der Flucht

Cusack - Der Schweigsame & das Kino des Andrew Davis

21.07.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Cusack - Der Schweigsame
© 20th Century Fox/MGM
Cusack - Der Schweigsame
Andrew Davis schaffte es nie in die erste Liga der Blockbuster-Regisseure und die Aufmerksamkeit manch anderer Actionregisseure der 80er kommt ihm ebenfalls nicht zu. Dabei schuf er einige Genre-Klassiker.

Er drehte den besten Film von Chuck Norris, verhalf Steven Seagal zum Durchbruch und Tommy Lee Jones zu einem Oscar. Andrew Davis wird heute trotzdem nicht zu den ganz Großen gezählt, was sicher am qualitativen Auf und Ab seiner Filmografie liegt. Doch unter den 13 Spielfilmen des 1946 geborenen Regisseurs finden sich einige Schmankerl des Actionkinos, die sich von der muskulös überdrehten Genre-Ware ihrer Zeit abheben. Da Davis’ 80er Jahre-Klassiker Cusack – Der Schweigsame in Deutschland nun auf Blu-ray zu haben ist, blicken wir auf das Werk des politisch engagierten Regisseurs.

Geboren und aufgewachsen in Chicago, bildet die Stadt am Lake Michigan das verbindende Element zwischen vielen Filmen von Andrew Davis. Er studierte Journalismus in seiner Heimatstadt und entdeckte sein Interesse für Bürgerrechte und die Antikriegsbewegung in dieser Zeit. Ausgerechnet über sein politisches Engagement kam der spätere Actionregisseur in den Film. Mit seinem Mentor Haskell Wexler drehte er den Politkino-Klassiker Medium Cool, der während des Parteitags der Demokraten 1968 in Chicago spielt, bei dem es zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Obwohl der Cinema Vérité-Stil Wexlers wenig mit Filmen wie Auf der Flucht oder Alarmstufe: Rot gemein hat, ist Davis besten Arbeiten ein Gespür für das Milieu seiner Helden zu eigen, das Konkurrenzprodukte aus derselben Zeit künstlich wirken lässt. In seiner rauen Inszenierung von Chicago erinnert Cusack – Der Schweigsame beispielsweise an French Connection – Brennpunkt Brooklyn von William Friedkin und fällt damit aus der Reihe von Chuck Norris-Filmen wie Missing in Action oder Delta Force, die ihre Dynamik aus völlig überzeichneten Situationen ziehen.

Die Arbeit an Medium Cool führte Andrew Davis in eine professionelle Laufbahn als Kameramann, die er vor allem an Sets von Blaxploitation-Filmen zubrachte. Erst 1978 drehte Andrew Davis sein Regiedebüt, den Musikfilm Stony Island, der den Rhythm and Blues-Bands in Chicago huldigt und von seiner eigenen Biografie beeinflusst war. Nach einem Abstecher in den Slasher-Film (Angst – Das Camp des Schreckens) widmete sich Andrew Davis dem Genre, mit dem er bis heute am häufigsten assoziiert wird. Im Star-Vehikel Cusack – Der Schweigsame aus dem Jahr 1985 kämpft Chuck Norris zwar Seite an Seite mit einem Polizeiroboter, doch Davis scheint sich vielmehr für die Korruption unter den Gesetzeshütern zu interessieren. Auch sonst fällt der Film vor allem durch seine Anreicherung mit Charakter-Details auf, etwa dem Gangster, der mit seiner Familie in einem Vorstadthäuschen residiert und dessen Tochter naturgemäß gegen ihn rebelliert. In Cusack scheut sich Andrew Davis nicht vor Brutalität, doch sie gerät nie zum Selbstzweck. Auch damit distanziert sich das Werk vom Modus operandi der Filmografie seines Stars.

Einer anderen Actionikone lieferte Andrew Davis in Nico das Sprungbrett zur mal mehr, mal weniger großen Karriere. Der erste Film von Steven Seagal lockte mit Blaxploitation-Legende Pam Grier in der zweiten Hauptrolle und verhalf dem Aikido-Meister zum Durchbruch. Vier Jahre später sollte Alarmstufe – Rot Davis und Seagal wieder zusammenführen und einer ihrer jeweils größten Erfolge werden. Diesen sollte der Regisseur allerdings noch steigern. Auf der Flucht, wieder einmal angesiedelt in Chicago, war Davis’ dritter Film mit Tommy Lee Jones und brachte diesem einen Oscar als Bester Nebendarsteller ein. Richard Kimble (Harrison Ford) mag auf der Flucht sein, doch der echte Davis-Held ist Deputy U.S. Marshal Samuel Gerard (Jones), ein No-Nonsense-Cop, der sich von der Straße hochgearbeitet, aber seine Wurzeln nicht vergessen hat. Mit seinem markigen Gesicht, dem barschen, aber ehrlichem Auftreten wirkt Gerard wie die Antithese all der gelackten Upper-Class-Freunde (und -Feinde) Richard Kimbles. Mehr noch als bei den Stahlgesichtern Chuck Norris oder Steven Seagal findet sich im Spiel von Tommy Lee Jones die angenehme Bodenständigkeit des Actionkinos von Andrew Davis wieder.

Seit Auf der Flucht versuchte sich Andrew Davis in vielen verschiedenen Genres, was bei der Hitchcock-Hommage Ein perfekter Mord und der Literaturverfilmung Das Geheimnis von Green Lake zu überraschend gelungenen Resultaten führte. Dazwischen warten solide inszenierte, aber zweifelhafte Vergnügungen wie Außer Kontrolle und Jede Sekunde zählt – The Guardian, die zudem nicht gerade von einer idealen Besetzungspolitik profitieren. In einer Zeit, in der das Actiongenre mit Special Effects übersättigt ist, bleibt trotzdem zu hoffen, dass Andrew Davis mal wieder ein paar filmische Kugeln abfeuert.

Cusack – Der Schweigsame sowie die Filme Missing in Action, Delta Force, McQuade, der Wolf, Bloodsport – Eine wahre Geschichte und Over the Top sind am 28. Juni bei MGM/20th Century Fox auf Blu-ray erschienen.

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