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Das Dschungelcamp – eine kulturelle Sensation

Das Dschungelcamp – eine kulturelle Sensation
© RTL
Das Dschungelcamp – eine kulturelle Sensation

In den ersten Wochen des Jahres erlebt das deutsche Fernsehen regelmäßig eine seiner ganz seltenen Sternstunden. Als Zuschauer ließ sich im Januar 2004 bestenfalls erahnen, welch fassungslos machender Qualitätszug da in den kommenden Jahren über das Publikum rollen würde, als RTL sich mit Ich bin ein Star – Holt mich hier raus an einer deutschsprachigen Version der ursprünglich britischen Erfolgshow versuchte. Es ließ sich nur erhoffen, welch überraschende Ultrakunst sich einem dort noch offenbaren, welch erstklassig gemachtes und in dieser Form hierzulande nie zuvor gesehenes Fernsehen da auf ein Publikum warten würde, das von Privatsendern in der Regel geistig wahrlich nicht verwöhnt wird. Die mittlerweile siebte Staffel vom Ich bin ein Star – Holt mich hier raus, dieser gleichermaßen erfolgreichen wie aufgrund des hohen Produktionsniveaus und der immensen Kosten in ihrem Fortgang auch stets ungewissen TV-Sensation, soll hier Anlass geben, dem konkurrenzlos besten Format der deutschen Flimmerlandschaft uneingeschränkt zu huldigen.

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Intellektuell stimulierendes Fernsehen
Zunächst einmal lässt sich das Dschungelcamp auf ganz vielfältige Art genießen. Es ist natürlich jedem freigestellt, es als bloße Unterhaltung, als Spaß machende Voyeursschau oder auch nur als vergnügliches Ekel-Entertainment zu sehen. Fakt ist aber, dass das Dschungelcamp mehr ist als nur eine semiprominente Weiterführung des Prinzips Big Brother. Es ist durch kluge Montagetechniken, überlegten Musikeinsatz und unbestechlich intelligente Moderationstexte zum einen Fernsehen in einer hochprofessionellen, kompetenten und auf weiter Flur nahezu allein stehenden Art. Zum anderen aber ist es auch eine intellektuell stimulierende Meta-Fläche jener Form des Müllfernsehens, die hier genüsslich ausgebreitet und (weiter-)verwertet wird. Keine deutsche TV-Show thematisiert sich so sehr selbst wie das Dschungelcamp, keine entsteht so sehr im Bewusstsein um sich selbst und in der Hemmungslosigkeit einer eigenen kritischen Aufhebung.

Das Kandidatenschema
Schon in der ersten Staffel kristallisierte sich aus der reizvollen Mischung von Reality TV und Boulevardsendung eines der doppelbödigen Phänomene des Formats heraus. Daniel Küblböck, der während der ersten Ausgabe im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit stand, der in einem Meer von Schaben baden und vor den Augen der Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit seiner Medienpersönlichkeit gezwungen wurde, erlangte als hauseigenes RTL-Produkt durch Deutschland sucht den Superstar einen gewissen Ruhm. Nadja Abd el Farrag, die Boulevardmagazine gezielt mit Informationen über sich versorgt und Fernsehkameras selbst dann regelmäßig zu sich bestellt, wenn sie sich lediglich einen Backenzahn ziehen lässt, geriet in der zweiten Staffel wiederum in die Futterfalle einer delikaten Dschungelprüfung und musste unter starken Würgereflexen Känguruhoden verspeisen. Der exaltierte Sänger Ross Antony erlangte im dritten Jahr der Show hingegen durch körperlichen und emotionalen Dauereinsatz den Zuschauersieg und startete mit Dschungelkrone auf dem Kopf eine anhaltende TV-Karriere als Spaßvogel und Moderator.

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Brutal-selbstreflexives Promi-Recycling
Indem das Dschungelcamp hier also alljährlich abgehalfterte Einviertel-Stars zur Lagerfeuer-Psychoshow im fernen Australien versammelt, betreibt es auf brutal-selbstreflexive Art ein Promi-Recycling, an dem der Sender, das ganze System, schon immer beteiligt war. Die Verpflichtung ehemaliger Castingshow-Teilnehmer, vorrangig von DSDS und Germany’s Next Topmodel, sowie gern gesehener Dauergäste aus dem Klatsch und Tratsch der vorabendlichen Gossip-Formate führt direkt zur Selbstexekution (oder eben auch zum erfolgreichen Neustart). Aus Sendersicht mag dies möglicherweise als beinharte Fortführung des Ausschlachtens verstanden werden, es ist aber zweifellos auch ein Baden in der eigenen Promisuppe, die nun noch einmal neu angerührt und 26 teure Flugzeugstunden entfernt zubereitet werden muss. Das geographische Aussondern der längst nicht mehr so lichten Mediensternchen ist für sie so gesehen gleichermaßen Befreiungsakt wie nötige Konsequenz eines Lebens, das eben selbst dann noch vor Fernsehkameras geführt werden will, wenn dafür alle moralischen Hüllen fallen gelassen werden müssen.

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