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Fear the Walking Dead - Wir schauen Staffel 3, Folgen 7 & 8

Fear The Raging Madison: Ofelia fucked up.
© AMC
Fear The Raging Madison: Ofelia fucked up.
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Nach kurzen fünf Wochen ist bereits alles vorbei. Die 3. Staffel von Fear the Walking Dead geht mit einem zweistündigen Midseason-Finale vorläufig in Sommerpause und kehrt erst in einigen Monaten wieder zurück. Und doch ist in dieser kurzen Zeit einiges passiert, was die Serie qualitativ um Längen nach vorne bringt und das Spin-off stärker von der Mutterserie abgrenzt.

Zunächst einmal wäre da erneut die gute Arbeit der Regisseure zu erwähnen, respektive Jeremy Webb und Andrew Bernstein. Fear The Walking Dead setzte sich visuell bereits in der Vergangenheit stark von anderen Geschichten innerhalb des Walking Dead-Universums ab, doch in der 3. Staffel legte man noch einmal eine Schippe drauf. Man nimmt sich dem Setting vollkommen an, arbeitet oft mit Kamerafahrten und Totalen der Natur, die die Weite der Ländereien unterstreichen, über die hier in den Folgen ganz besonders gestritten wird. Gleichzeitig versinken die Figuren oft in der Landschaft, werden von der Natur quasi verschlungen oder teilweise bedeckt. All dies betont den Sieg der Natur, eine Rückkehr zu einem Zustand, der vor einigen Jahrhunderten noch hier an diesen Plätzen herrschte. Der Kampf um Gerechtigkeit der Natives rückt somit direkt ins Zentrum des visuellen Storytellings, doch der blutige Ausgang wird von der Weite des Landes untergraben. In einem so großen Land wird am Ende um eine kleine Ranch und das umliegende Land gekämpft und getötet? Es tut sich die Frage auf: Wieso muss es so weit kommen?

Darüber hinaus spinnt sich Fear The Walking Dead keinen bedeutungsschwangeren Konflikt wie die Mutterserie zusammen, sondern arbeitet mit realitätsnahen Szenarios. Nicht umsonst zieht sich die Frage nach der Wasserversorgung durch die gesamte Staffel. Der trockene Südwesten der USA an der Grenze zu Mexiko vermag vielleicht in der Border-Story in der 2. Staffel als Handlungsort enttäuscht haben, hier blüht das Szenario jedoch tatsächlich auf. Nicht zuletzt dank der interessanten Natives, die leider etwas zu kurz gekommen sind und bisher hauptsächlich durch grimm guckende Clan-Mitglieder und den sympathischen, wenn auch ruchlosen Anführer Qaletaqa Walker (Michael Greyeyes) verkörpert werden. Die Gefahr einer klischeehaften Darstellungen mit dem sensiblen Thema des Konflikts der Ureinwohner Amerikas wurde bis auf wenige Ausnahmen gut umschifft, auch wenn bisher das Individuum repräsentativ für das Kollektiv herhalten muss. In der zweiten Staffelhälfte jedoch wird man dies hoffentlich noch nuancierter gestalten.

Im Midseason-Finale erhalten wir einen Einblick in die lange Konfliktgeschichte zwischen Jeremiah Otto und der Walker-Familie des Black Hat Clans. Es ist zu begrüßen, dass der Anlass des jetzigen Konflikts durch die Wassernot in der Apokalypse pragmatischer Art ist, die Austragung jedoch basierend auf älteren Missetaten eskaliert. So vermeidet man die zu blanke Darstellung von Rassismus, wobei dieser schon recht früh in der Finalfolge gegenüber Ofelia (hello again!) und "braunen Menschen" Ausdruck findet. Trotzdem bleiben der Patriarch auf der Ranch sowie sein Gegenspieler niemals langweilige Stereotypen. Unschuldige starben in beiden Lagern, beide Seiten haben ihre nachvollziehbaren Gründe und jeder hat ein bisschen Recht. In der Mitte befinden sich unsere Hauptfiguren, die sich nun für eine Seite entscheiden müssen. Ihre Entscheidung, Troys Taten zu decken und Jake (Sam Underwood) bei diplomatischen Versuchen zu unterstützen, stellt sich am Ende als erfolgreich heraus.

Das Interessanteste an diesem Ende der Halbstaffel ist jedoch der überraschende Ausgang des Konflikts. So aufrichtig und nuanciert die Serie die Spannungen zwischen weißen Amerikanern und den jahrhundertelang diskriminierten und unterdrückten Natives auch auf den Bildschirm bannen will, Fear The Walking Dead bleibt eine Zombieserie. Als solche ist sie getrieben von wiederkehrenden Plots, Archetypen und Situationen. Während Madisons (Kim Dickens) Charakterisierung etwas holprig erscheint, ist ihre schlussendliche Entscheidung jedoch spannend und fast schon revolutionär. Sie entscheidet sich zwar für die Ranch, da diese ihrer Familie – deren Schutz nach wie vor das einzige und oberste Ziel ist (und somit erhält Travis‘ Tod rückwirkend doch eine Bedeutung) – bessere Ressourcen bietet. Gleichzeitig baut sie jedoch einen Friedensvertrag auf einer Lüge auf, die sie mit Walker fast schon auf freundschaftliche Art verbindet. Madison kann vielleicht nicht die Missetaten von Jeremiah aus der Welt schaffen, doch sie kann zumindest für etwas Genugtuung sorgen.

In der andauernden Feindschaft der Männer kann die "weiße Frau" womöglich Abhilfe schaffen. Madison und Ofelia erleben nicht umsonst Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, Alicia wird in der Folge sogar quasi als Ware angeboten. Selbst Walker missbraucht Ofelias Vertrauen. Dabei sind es aber trotz aller Feindseligkeiten insbesondere die unterdrückten Frauen, die in der Staffel das Ruder an sich reißen. Madison entscheidet sich endlich für eine härtere Gangart, Alicia weiß Jake um den Finger zu wickeln, während Nick grübelt, Jeremiah sich in den Alkohol flüchtet und Troy Freunde ermordet, um Kontrolle zu wahren. Besonders die beiden Otto-Brüder sind trotz ihrer Anlehnung an Kain und Abel doch die interessantesten Neuzugänge der Staffel und sie bleiben – ebenso wie der schwelende Konflikt – Gott sei Dank erhalten. Diese geschundenen Männer müssen nun mit einer Welt klarkommen, in der eine Frau herrscht, die einen geheimen Vertrag mit dem Erzfeind ihres toten Vaters hat. Ein toller Nährboden für Konflikte! The Walking Dead liebt es, Männlichkeit zu propagieren. Wer will schon Eugene sein, wenn er Abraham, Rick oder Negan sein könnte? Fear The Walking Dead hingegen hinterfragt nicht nur diese toxische Männlichkeit auf einer persönlichen Ebene, sondern deckt auch die strukturellen Gräueltaten auf. Nicht umsonst werden in den finalen Momenten der Folge zwei Väter (Madisons Vater in der Erzählung) und Otto einige Minuten später (durch den Ziehsohn gleichwohl!) getötet.

Dazu endet endlich ein Midseason-Finale nicht in einem großen Shootout, bei dem unsere Helden fliehen und in alle Winde verstreut werden. Auch die Zombies werden im Zaum gehalten. Stattdessen übernehmen die Clarks Kontrolle über ihr Schicksal und das bedeutet in diesem Szenario auch Verantwortung gegenüber der Vergangenheit Amerikas und dem Boden, auf dem sie jetzt Zuflucht finden.

Zuletzt sei noch Strand erwähnt, dessen Geschichte nicht so wirklich in das Finale passen will. Daniel bleibt bis auf eine Vision ganz dem Finale fern, doch Victor erhält einen ganzen Handlungsstrang. Er findet nämlich auf der Suche nach Proviant sein verschollenes Schiff Abigail, das auf Grund gelaufen ist. Er entledigt sich der Zombiecrew und feiert ein letztes Mal auf dem Schiff. Er scheint dem Ende nahe, doch dann empfängt er einen russischen Kosmonauten von der ISS auf seinem Funkgerät (über den sich bitte(!) die nächste Webserie drehen muss). Ein kleines Gespräch folgt und er schöpft neuen Mut. Er fackelt sein Schiff ab und betritt wie Phoenix aus der Asche den Strand (Ha!) als neuer Mann.

Fear The Walking Dead hatte sich in der ersten Staffelhälfte viel vorgenommen und mehr erreicht. So richtig passen all die Puzzlestücke noch nicht zusammen, doch nach der katastrophalen letzten Hälfte der 2. Staffel besteht nun wieder die Hoffnung, dass das Spin-off tatsächlich zu wahrer Größe heranwachsen kann. Die ersten Anzeichen waren in der 1. Staffel zu sehen, die 3. Staffel wartet nun wieder mit großen Ambitionen auf. Insbesondere, auch das sei wieder hervorgehoben, durch die Regie und die Kameraarbeit, aber auch durch das Szenenbild, die Kostüme und die Schauspieler lohnt es sich wieder der Serie eine Chance zu geben.

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