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Es ist schwer, ein Gott zu sein - eine Filmkritik von MurmelTV

Odyssee im Mittelalter

Der "Held": Don Rumata
© Bildstörung
Der "Held": Don Rumata
„Lasst uns versuchen, einen Film zu drehen, den man riechen kann. Lasst uns versuchen, das Mittelalter durch ein Schlüsselloch zu filmen, als hätten wir dort gelebt.“

Schlamm, Spucke, Scheiße und noch mehr Schlamm. Dazu eine Prise Dreck, Rotze und strömender Regen und zu guter Letzt noch Blut und Gedärme. Regisseur Aleksey German ließ seinen Worten Taten folgen. Noch nie zuvor wurde eine mittelalterliche Welt so konsequent in all ihrer unhygienischen und abartigen Art dargestellt. Mit Schweiß bedeckte Bewohner schmieren sich gegenseitig Dreck in ihre meist entstellten Visagen, spucken sich einander an; schlagen und demütigen sich. Der russische Visionär hat an nichts gespart und des Öfteren kommt die Frage auf, wo er die vielen Gestalten bloß aufgetrieben hat, die stets stolz ihre abstoßenden Gesichter in die Kamera halten. Dieses Werk ist wahrlich eine Tour de Force und eine Zumutung für den Zuschauer. Doch das zum Glück im positivsten Sinne; denn es ist ein Film, der einen für den Rest des Lebens begleiten wird, und dessen Bilder man nicht mehr vergessen kann und sogar will. Die Detailverliebtheit bei der Ausstattung in Kostümen, sowie Szenenbild ist schier unglaublich. Jede Einstellung kommt einem Gemälde gleich und wenn auch nur der kleinste Statist im Hintergrund auftaucht, so kann sich der Zuschauer sicher sein, dass auch er seine eigene Geschichte hat und jedes noch so kleine Detail seines Auftrittes bewusst gewählt wurde. Bei solch einem unnatürlich hohen Grad an Perfektionismus wird schnell klar, warum Aleksei Germans finales Opus Magnum eine Entstehungszeit von gut 45 Jahren auf dem Buckel hat.

„Wen kümmert es, dass der Maler Iwanow sein ganzes Leben lang an seinem Gemälde ‚Die Erscheinung Christi vor dem Volke‘ gearbeitet hat? Am Ende hat er ein Meisterwerk geschaffen. Der Maler Ioganson hingegen hat viele Bilder gemalt – und alle sind sie schlecht. Da schaffe ich doch lieber nur ein einzelnes Werk, dafür aber ein gutes.“

Richtig gelesen. Fast ein halbes Jahrhundert Arbeit steckt in diesem Mythos von Film und für viele gleicht es einem Wunder, dass er überhaupt noch das Licht der Welt erblickt hat. Dieses monumentale Werk kann im wahrsten Sinne des Wortes als ein heiliger Gral des russischen Kinos bezeichnet werden und gilt jetzt schon als der wichtigste, russische Film des 21. Jahrhunderts. Dafür arbeitete der russische Filmemacher auch sein ganzes Erwachsenenleben an diesem Projekt. Bereits in den späten 60er Jahren begann er damit, daran zu schreiben und es bekam dann auch schnell zum ersten Mal grünes Licht. Aus Kriegs- und politischen Gründen musste er seine Arbeit jedoch wieder einstellen, da der Film als zu gefährlich eingestuft wurde. Später ging er dann ein zweites Mal in Produktion, doch German gab es auf, da eine Umsetzung der Romanvorlage der Strugatzki-Brüder zu dem Zeitpunkt bereits vom deutschen Regisseur Peter Fleischmann gedreht wurde (, auf die noch später eingegangen wird). Erst zehn Jahre danach startete der Russe mit seiner bereits dritten Drehbuchfassung erneut durch und weitere fünfzehn Jahre sollten zwischen der Drehortsuche und der Weltpremiere auf dem Filmfestival in Rom 2013 vergehen. Diese durfte German leider schon nicht mehr miterleben, da er kurz vor der Fertigstellung des Films im Alter von 74 Jahren verstarb. Seine Erben – die Witwe, Koautorin Svetlana Karmalita, sowie sein Sohn Regisseur Aleksey German Jr. – arbeiteten anschließend noch einmal sechs Monate an der finalen Fassung. Ein weiterer Grund für die extrem lange Produktionszeit, ist die besondere Art, wie German den Film bearbeitet hat. Die Postproduktion war hierbei von enormer Bedeutung, denn sämtliche Geräusche, die zur Atmosphäre und dem Ambiente beitragen, sowie alle Stimmen, die man im Film hört, wurden nachträglich aufgenommen und hinzugefügt. Für German war die Sprache schon immer nur ein weiteres Bauelement des Tons. Musik sucht man ebenfalls vergebens; lediglich das Spielen eines Saxophons, dessen Melodie stark an den Blues eines Duke Ellington erinnert, darf man als Zuschauer bestaunen. Ansonsten gibt es nur noch einen Erzähler, eine kleine Pfeifmelodie, das gesprochene Wort, den ständigen Regen und unzählige, andere Geräusche aus der Umgebung, die dabei helfen, ein extrem authentisches und immersives Erlebnis zu erschaffen.

Dabei herausgekommen ist nun ein knapp dreistündiger Historienfilm, der komplett in Schwarzweiß gehalten ist und dem das Wort „Konventionen“ fremd zu sein scheint. Dem unwissenden Zuschauer, der nicht kurz vor der Sichtung den Roman der Strugatzkis gelesen hat, ist es fast unmöglich, der Handlung zu folgen. Das liegt vor allem daran, dass German die Geschichte eher im Hintergrund durch Dialogfetzen erzählt und im Vordergrund die Charaktere stehen. Jede Nebenrolle bekommt hier Zeit, um einmal vor die Kamera zu treten und sich in den Mittelpunkt zu stellen, während der Zuschauer den Protagonisten des Films – Don Rumata – auf seinen Reisen durch die Stadt Arkanar begleitet. Dabei wird meist mit einer extrem obsessiven Kamera gearbeitet, sodass es einem stellenweise leicht fällt, die Fiktion mit einer Dokumentation zu verwechseln. Das gehört jedoch zur Prämisse des Films, da diese Einstellungen, die oft an Found-Footage erinnern, die Aufnahmen von Kameras der Historiker darstellen sollen, welche auf diesen fremden Planeten geschickt wurden, um dessen Entwicklung zu beobachten, ohne aber selbst gewaltsam einzugreifen. Denn obwohl er der Erde ähnelt, steckt er im Mittelalter fest, da es nie zur Renaissance kam. Teilweise zeigt die Kamera jedoch auch Aufnahmen, die nicht von Rumata stammen und dennoch schauen Zivilisten direkt ins Objektiv, sodass es nicht immer eindeutig ist, wer denn nun eigentlich auf wen schaut und es beinahe den Anschein hat, als machten sich die Bewohner über den Zuschauer lustig. German geht hierbei nicht so sehr auf die Science-Fiction Elemente der Vorlage ein, sondern erklärt die Rahmenhandlung nur grob am Anfang mit einer Stimme aus dem Off, aber er bleibt der Geschichte über weite Strecken dennoch treu. Viele mag es nach der ersten Sichtung vielleicht verwundern, doch unter Strugatzki-Kennern gilt diese Verfilmung als äußerst originalgetreu. Immerhin werden sämtliche Handlungsentwicklungen der Vorlage beibehalten: die Freundschaft zum Baron Pampa, die Intrige, angeführt von Minister Don Reba, Rumatas Liebesbeziehung und dessen Identität, die er in dieser Welt angenommen hat, sowie seine Begegnung mit dem Rebellenführer Arata dem Buckligen. Lediglich am Ende weicht er vom Stoff der Brüder ab, was jedoch lobenswert ist, da eben jenes die größte Schwäche des Romans darstellt. Um das alles jedoch eigens bestätigen zu können, bedarf es mehrerer Sichtungen, denn selbst der aufmerksamste Zuschauer wird garantiert nicht das gesamte Bild auf Anhieb erkennen können. Denn trotz der vielen, langen und wundervoll inszenierten Plansequenzen, die German hier präsentiert, lässt er seinen Zuschauern keine Sekunde zu Atem kommen. Die Kamera ist ununterbrochen in Bewegung und ständig tauchen für nur kurze Augenblicke in feinster German-Manier Gesichter vor der Linse auf, die mal eben ihre Nase rümpfen oder Objekte, die die Sicht leicht versperren. Durch dieses präzise Chaos und die Unüberschaubarkeit in vielen Szenen entsteht ein Rausch, der fast schon überfordert. Hinzu kommt noch, dass German stets seinen Nebenfiguren sehr viel Aufmerksamkeit schenkt und dabei die in seinen Augen banalen Erzählkonventionen des sowjetischen Kinos bricht. Doch genau diese unkonventionelle Erzählweise, die lieber auf die Umgebung, als auf die eigentliche Handlung eingeht, ist German hier so wichtig. Es geht ihm nicht um das Erzählen eines fantastischen Abenteuers, sondern viel eher um das Erschaffen einer authentischen Welt, bei der es dem Zuschauer leicht fällt, sich in ihr zu verlieren. Es wird das starke Gefühl geweckt, als existiere dieser Ort auch in der Realität. Als sei er gar nicht fern und erfunden, sondern könnte jeder Zeit besucht werden. Dieser fast schon heimische Funken stößt jedoch immer wieder bitter auf, denn eigentlich ist Arkanar keine Stadt, mit der heutige Metropolen vergleicht werden wollen. Zu schmutzig und widerwärtig sind die mit Schlamm bedeckten Straßen und zu abschreckend dessen dreckig und minderbemittelten Bewohner, als dass man dort gerne Zeit verbringen möchte oder es gar glauben, dass solch eine Welt tatsächlich existiert.

German selbst meint dazu, dass sich Arkanar kein bisschen von der heutigen Lage in Russland unterscheide. Er hatte auch sein ganzes Leben als Filmemacher damit zu kämpfen, dass seine Arbeiten veröffentlicht werden und das trotz seines enorm hohen Ansehens. Immerhin ist er der Sohn des berühmten, sowjetischen Autors Yuri German, welcher von Stalin persönlich hoch geschätzt wurde und Aleksei selbst gilt er als der größte Regisseur nach Andrei Tarkowski in seinem Vaterland. Dennoch wurde keiner seiner Filme auf Anhieb mit der Masse geteilt. Immer wieder gab es Komplikationen, die eine Publikation verhinderten und Faschisten, die ihn und seine Mitarbeiter zusammenschlugen oder gar umbrachten. Sein erster Film Strassensperre feierte seine Premiere beispielsweise erst fünfzehn Jahre nach der ursprünglichen Fertigstellung, da man ihn kurzerhand als anti-sowjetisch abstempelte. Kein Wunder also, dass German so darüber denkt, denn die Verhältnisse während der Erschaffung des Films und die Lage in Arkanar, wo ebenfalls Intellektuelle, sowie Künstler jeder Art verfolgt und ermordet werden, unterscheiden sich wahrlich nicht so sehr, wie es anfänglich zu vermuten ist.

„Wir haben einen Film über uns alle gemacht. Arkanar unterscheidet sich kein bisschen von hier. Hier wie da gibt es dieselben Denunziationen, dieselbe Niedertracht, dieselben Gefängnisse, dieselben Schwarzen, dieselben Grauen. Wir haben gar nichts erreicht. Was wir jetzt im 21. Jahrhundert haben, hatten wir auch schon im 16. Jahrhundert. Und die Erdlinge sind weit entfernt davon, die Krone der Schöpfung zu sein.“

Teilweise wirkt der Film auch, als würde German selbst durch die Straßen von Arkanar ziehen; angewidert von seinen Mitmenschen und dem Land, das er liebt, aber gleichzeitig auch hasst. So wandert er ziellos von hier nach dort und versucht dabei einen kühlen Kopf zu bewahren und das Beste aus seiner beklemmenden Situation zu machen. Er versucht, etwas zu verändern. Er möchte durch sein Wirken seine Landsleute wachrütteln; ihnen vor Augen führen, dass der Faschismus in Russland ein gigantisches Problem darstellt. Er möchte einen Fortschritt im System bewirken, doch es scheint, als wolle ihm keiner zuhören. Das Volk versteht seine Visionen nicht. Es gibt sich sogar zufrieden mit der aktuellen Lage. Es bleibt lieber dumm und stur, als intellektuell und weltoffen. Eben diese Stagnation macht German schwer zu schaffen und den Protagonisten seines letzten Filmes geht das genauso. Sie beide können es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, die fehlende Kultivierung tatenlos hinzunehmen und bemühen sich aus diesem Grund das Problem auf ihre Art zu attackieren: Rumata greift letzten Endes zur gnadenlosen Gewalt und German zum schonungslosen Film – für manch einen Zuschauer womöglich kein großer Unterschied.

Der Vergleich Don Rumatas mit dem russischen Präsidenten Wladimir W. Putin ist jedoch noch naheliegender, so erzählte German selbst in einem Interview mit Anton Dolin:

„Putin überreichte mir einen Preis und ich sagte ihm, dass ich gerade einen Film namens ‚Es ist schwer, ein Gott zu sein‘ drehe und dass er wohl der Zuschauer ist, der ihn am interessantesten finden dürfte. Mit einem Mal machte sich eine absolute Totenstille im Raum breit – bis er sich bewegte.“

Unser Protagonist ist jemand, der sich von allen anderen, die ihn umgeben, abhebt. Er ist als einziger besessen darauf, stets sauber zu sein und gut zu riechen, was bereits ein krasser Kontrast zu seiner Umwelt ist. Darüber hinaus scheut er sich nicht davor, auf seinem selbstgebauten Saxophon laut vor sich hinzuspielen und niemand wagt es, ihn davon abzuhalten, obwohl doch sonst jeder, der auch nur den Hauch von etwas kreativ kunstvollem unternimmt, als gefährlich gilt und ohne zu zögern weggesperrt wird. Don Rumata ist – wie auch der russische Präsident – eine Autoritätsperson. Er wird von der Bevölkerung als unverwundbarer Gott angesehen und gefürchtet. Selbst der König von Arkanar hat keine Macht über ihn. Er ist die mächtigste Person des Landes. Sogar als er vom Verräter Don Reba gefangen genommen wird, traut sich dieser nicht, ihm zu schaden, da auch er die Macht dieses mystischen Rumatas fürchtet. Mit dieser Macht versucht er, die Intellektuellen vor dem Untergang zu bewahren, was sich jedoch als äußerst problematisch herausstellt, da er ja nicht gewaltsam in das Geschehen in Arkanar eingreifen darf. Dadurch scheint der Don zum Scheitern verurteilt und beim Zuschauer stellt sich zwanghaft die Frage, ob eine Entwicklung in Russland ohne Gewalt überhaupt möglich sei oder ob es dieser entscheidenden Konsequenz bedarf, um eine Änderung herbeizuzwingen. Eine Frage, die der Film bewusst offen lässt und die letztendlich jeder für sich selbst beantworten muss. German lässt hier viel Raum für Interpretationsmöglichkeiten, da er das finale Blutvergießen – das als Metapher für den Krieg in Tschetschenien gedeutet werden kann – lediglich im Off zeigt. Dennoch ist es möglich, seine eigene Haltung zu dieser strittigen Frage herauszulesen, welcher er ebenfalls in einem Interview mit Dolin verkündete:

„Soll man zuschlagen oder sanftmütig sein, beobachten, helfen – was soll man tun? Es gibt keine Lösung; alles endet in Blutvergießen, egal, was der Held auch versucht. Weigert sich jemand, zu töten, weil er gütig sein will, was passiert dann? Fast nichts. Ist jemand aber bereit, zu töten, dann werden Reformen vorankommen, aber man selbst wird zu einem schrecklichen und grausamen Menschen.“

Jene Zwiespältigkeit fängt German am Ende hervorragend ein. Zum einen sitzt Don Rumata sichtlich mitgenommen von seinen Gräueltaten in einem Tümpel, zerfressen vom eigenen Gewissen; zum anderen wird aber auch ein Fortschritt bemerkbar, wenn unser Held in der nächsten Szene mit Brille in die Kamera schaut. Die Brille dient dabei als klares Zeichen der Besserung, da im Laufe des Films oft in Dialogen zu hören ist, wie sich Bewohner über ihre Augen beschweren und nicht mehr richtig sehen können.

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