Victoria, der meistüberschätzte Film 2015

Maßgeschneiderte Motivation: Victoria auf dem Weg ins Verderben.
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Maßgeschneiderte Motivation: Victoria auf dem Weg ins Verderben.
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Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.

Bald ein Jahr ist vergangen, seit Victoria auf der 65. Berlinale Premiere feierte. Geschlossen lag die deutsche Filmkritik Regisseur Sebastian Schipper damals zu Füßen. Von einer Kino-Revolution etwa sprach Wenke Husmann auf Zeit Online. Noch lange werde man über diesen Film reden, prophezeite Hanns-Georg Rodek in der Welt. Er selbst hält sich tatsächlich eifrig an diese Prognose, erst kürzlich nannte er Victoria noch einmal des Weltkinos "großes Objekt der Begierde". Nach derartigen Lobeshymnen reagierten hiesige Feuilletons entsprechend betreten, als der exhilarating heist thriller (Variety) im letzten Jahr weder den Goldenen Bären noch den Europäischen Filmpreis gewann. Es schien für sie eine große Rolle zu spielen, ob Kunstgewerbe A gegen Kunstgewerbe B siegt, ebenso wie die Frage, welcher Film Deutschland bei der kommenden Oscarverleihung zu vertreten habe. Dass Victoria aufgrund des Fremdsprachreglements der Academy nicht für den wichtigsten US-Filmpreis vorgeschlagen werden konnte, sorgte jedenfalls obendrein für einigen Unmut. Darüber wird man noch lange reden!

Reden muss man über den ja nichtsdestotrotz mit sechs Lolas prämierten, in zahlreiche Länder verkauften und sogar an den nordamerikanischen Kinokassen erfolgreichen Film offenbar vor allem deshalb, weil er in einer einzigen langen Einstellung gedreht, also ganz ohne Schnitte hergestellt wurde. Das ist zwar nicht neu, aber dennoch sensationell genug, um darauf in jeder Besprechung mit einer absurden Versessenheit aufmerksam zu machen. Wie eine Gebrauchsanweisung ist dieses Detail allen Kommentaren zum Film beigefügt. Victoria soll man demnach bewundern dafür, dass er das Publikum in 140 pulsierenden Echtzeitminuten kein einziges Mal erlöst durch einen klassischen Schuss-Gegenschuss, eine Überblende oder plötzliche Zeitwechsel. Bewundern, als sei das allein bereits ein Gütesiegel. Wer nicht umgehend entzückt ist von der formalen Idee, derentwegen es den Film vielleicht überhaupt nur gibt, dem macht es Victoria ziemlich schwer. Selbst Skeptiker zwingt Sebastian Schipper zu einer Beschäftigung mit seiner ohnehin allzu vordergründigen Regie-Entscheidung.

Nicht vorbei kommt man also an der Kameraarbeit von Sturla Brandth Grøvlen, der seinen Schauspielern pausenlos hinterherhetzen und sie zugleich ins rechte Bild setzen muss. Von einem rein technizistischen Standpunkt aus gesehen ist das zweifellos eindrucksvoll, auch wenn es sich ästhetisch nicht von der Authentizität suggerierenden visuellen Unruhe des jüngeren Actionfilms abhebt – logistisch eine Meisterleistung, künstlerisch allenfalls aktueller Genrestandard. Interessanter ist hingegen, was die Unmöglichkeit einer Trennung dieser Bilder mit dem Zeitempfinden des Zuschauers anstellt. Die unmittelbare Vergegenwärtigung von Zeit könnte eine große Stärke des Films sein, würde er nicht aus der offenkundigen Angst, das Publikum zu langweilen, geradezu zwanghaft in Bewegung bleiben. Unentwegt produziert er Reize, statt die vom Plot evozierte Zeitlichkeit auf angemessen unangenehme Art zu kippen. Wenn es für die Figuren am Ende darum geht, in Häusereingängen, Wohnungen und Hotelzimmern auszuharren, scheut der Film das quälende Verbleiben im Moment.

Anderseits sind, zugegeben, sämtliche Momente mit ebenjenen Figuren sowieso eine Qual. Blinker, Boxer, Sonne und Fuß nennen sich die vier debilen Typen, denen die in Berlin wohnende Spanierin Victoria (Laia Costa) nach einem Clubbesuch erst auf Hochhausdächer und dann ins Verderben folgt. Obschon ein vernünftiger Mensch solchen Jungs nicht einmal am Tage begegnen wollen würde, fühlt sich Victoria vor allem zu Sonne romantisch hingezogen. Passenderweise entlockt er, der von Frederick Lau wie üblich mit Berliner Schnauze gespielt wird, der Titelfigur in einem Moment lautstark raschelnder Drehbuchseiten auch eine Erklärung ihres irrationalen Verhaltens. Während des nächtlichen Klavierspielens nämlich – so viel Zeit muss wiederum sein – berichtet sie ihm vom Leid eines gescheiterten Musikstudiums, verunmöglichten Träumen und sogar einer gewissen Todessehnsucht. Angesichts dieser maßgeschneiderten Motivation wird daher niemand mehr rätseln müssen, warum eine nette junge Frau wie sie gemeinsame Sache mit brandgefährlichen Idioten macht.

Schnitte hätten einer derart unerträglichen Szene gut getan, doch Brüche und Akzente, die diese am Reißbrett entworfenen Knallchargen zu glaubwürdigen Figuren verdichten würden, gestattet sich Victoria seines wichtigtuerischen formalen Konzepts zuliebe nicht. Was eben auch heißt, dass man das zappelige Schauspiel eines Frederick Lau hilflos aussitzen muss. Geradewegs widersprüchlich wirkt das Nicht-Schneidenkönnen (beziehungsweise Nicht-Schneidenwollen) vor allem bei Improvisationen. Einerseits soll der filmische Raum offen gehalten werden für Bewegungen und Dialoge, die zu unterbrechen oder korrigieren er sich selbst verbietet. Andererseits unterbinden Plot-, Kamera- und Schauspielchoreographie aber auch jeden Anflug von Spontaneität. Der Verzicht auf einen Regulierung verschaffenden Schnitt macht den Film insofern nicht freier, sondern schränkt ihn ein. Sein Bauerntheater wird gnadenlos sichtbar gemacht in der räuberpistolenartigen Tiefgaragensequenz, die an ein schlechtes Tarantino-Ripoff erinnert, und dem mit minutenlangen Kreischanfällen der Hauptdarstellerin kredenzten Overacting-Schlussakt.

"Der deutsche Film ist seit den 60er Jahren geprägt von der ewigen Sehnsucht nach Weltruhm", klagte Dominik Graf auf einer Sonderveranstaltung der Cologne Conference im September 2015 (zitiert nach Meedia). Nun kann man dem überwiegend englischsprachigen Victoria sicherlich nicht vorwerfen, krampfhaft auf internationale Vermarktung hin produziert worden zu sein. Sein identitätsloser High-Concept-Anspruch leistet aber dennoch einem ohnehin marginalisierten hiesigen Genrekino Vorschub, das vorwiegend an konsumerabler Exporttauglichkeit interessiert scheint. Die Spielorte von Victoria zumindest sind allesamt austauschbar, die Friedrichstraße bleibt eine ungenutzte Großstadtkulisse im Hintergrund. Regionalspezifisch-atmosphärische Eigenheiten, wie sie sich zuletzt Rammbock oder Der Samurai, insbesondere aber die eigensinnigen Arbeiten von Dominik Graf und jüngst auch Axel Ranisch zueigen machten, sucht man in dieser angeblichen Rettung des deutschen Kinos vergeblich. Ein dicker Hype zu einem dünnen Film, über den man hoffentlich nicht mehr allzu lange wird reden müssen.

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