Black Blotter

Wir schauen Fringe – Staffel 5, Folge 9

Fringe
© Fox
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Was passiert: Gäbe es Fringe – Grenzfälle des FBI als Roulette-Edition, würden die Spieler in den meisten Coups auf die Zahl 19 setzen, denn mit dieser Zahl waren bisher wichtige Schlüsselfolgen etikettiert. In der 3. Staffel machte das Fringe-Team beispielsweise einen LSD-Trip in Olivias (Anna Torv) Unterbewusstsein. Die darauffolgende Raffinesse stellte Letters of Transit in der 4. Staffel dar, die uns auf das aktuelle Zukunftsszenario vorbereitete. Angesichts von nur 13 Episoden in der 5. Staffel müssten wir befürchten, dass die kreative Truppe um J.J. Abrams auf ein derartiges Highlight verzichtet. Doch die Fringe-Fortsetzung ist in erster Linie auch eine Fortsetzung für die Fans, weshalb die 1 vor der 9 kurzum gestrichen wurde. Somit bildet Black Blotter das eindrucksvolle Äquivalent zu allen bisherigen 19. Folgen.

Was passiert: Suchscheinwerfer mustern die Harvard University, als Astrid (Jasika Nicole) aus dem Schlaf gerissen wird. Im Hintergrund vernehmen wir verzerrte Töne, womöglich hätten wir ebenfalls zur Waffe unter dem Bett gegriffen. Die Geräuschquelle ist schnell ausgemacht: Das kleine Radio aus Folge 6 ist funktionstüchtig und sendet Nachrichten, die nur darauf warten, decodiert zu werden. Spätestens als Walter (John Noble) zum zweiten Mal betont, wie wunderschön Astrids Frisur ist, freuen wir uns alle: Er ist high!

Auch Peter (Joshua Jackson) und Olivia schlagen sich die Nacht um die Ohren, Fringe-typisch in getrennten Betten. Damit es am Wiederaufleben der Beziehung keine Zweifel gibt, schmachtet Peter: „I got everything I need right here.“ Das freut nicht nur Olivias Herz. Im Labor beginnen wir die lange Reise durch Walters Psyche und gewöhnen uns sofort daran, dass Feen und imaginäre Personen zum Bild dieser Episode gehören werden. So taucht Carla Warren auf, die sicherlich nicht nur ihrer mentalen Fähigkeiten wegen Angestellte von Walter gewesen ist – rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da. Dass mit Walter momentan nicht gearbeitet werden kann, bemerken auch die anderen. Wenigstens erklärt er sich: Das LSD, Black Blotter, sollte ihm dabei helfen, die Erinnerung an den mysteriösen Defeat-the-Observer-Plan wiederherzustellen. Im Gegenzug würde Aushilfs-Dschinni Nina Sharp (Blair Brown) den ungeliebten Teil seines Gehirns wieder entfernen.

Der Glanzpunkt dieser Episode ist die Projektion von Walters Psyche nach außen hin. Fringe braucht keine depressiven, inneren Monologe oder komplexe Handlungsschemen, die den Habitus eines Charakters erst nach mehreren Folgen entfalten und dabei in Logiklöcher tapsen lassen. Fringe gondelt kontinuierlich auf der Alles-ist-möglich-Strecke zwischen Realität und Irrrealität und verschmelzt beide Welten. Strukturell ist die 5. Staffel trilogisch aufgebaut. Nachdem in den ersten vier Folgen die Mutter-Tochter-Beziehung im Vordergrund stand, galt in den darauffolgenden vier Folgen Peters Ambitionen höchste Aufmerksamkeit. Nun aber ist Walter es, der die Nebenhandlung vorantreibt. Die Angst vor seinem alten Ich ist weiterhin präsent. Die reizende Dr. Warren erscheint als personifiziertes Gewissen seines Unterbewusstseins, und dort schlummert so einiges: Skrupellose Forschungen, Gott-Syndrom und das Kollabieren der Universen sind die Schandtaten größten Ausmaßes aus seiner Vergangenheit, mit denen er sich nunmehr auseinander setzen muss, denn, so muss der Wissenschaftler lernen, vergrabene Erinnerungen können stets geborgen werden. Es dauert nicht lange, da hat Walter im Labor die Schlüsselszene, auf der die gesamte Geschichte von Fringe fußt, vor Augen: Der tragische Übertritt ins Paralleluniversum.

Inzwischen ist Widerständler Anil anwesend, der dem Team die entscheidenden Hinweise zur Ortung des Radio-Signals gibt. Die Aufgabe besteht jedoch nicht in der Decodierung einer Botschaft, sondern in der Suche nach ihrer eigentlichen Quelle. Peters und Olivias Ausflug in den Wald steht analog zu den Ereignissen aus Folge 3, in der Mutter und Tochter sich während eines Waldgesprächs zaghaft annäherten. Was besonders hervorsticht, ist die makellose Kulisse. Egal, wo sich das Fringe-Team befindet, jede Landschaft, jeder Grenzfall, jede Maske sieht erstklassig aus. Wenn wir bedenken, dass FOX die Serie angesichts der selbstverschuldeten mauen Quoten nur noch als Kostenfaktor wahrnehmen dürfte, können wir uns die hohe optische Qualität freuen.

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