The Gift

Wir schauen Game of Thrones - Staffel 5, Folge 7

Emilia Clarke als Daenerys
© HBO
Emilia Clarke als Daenerys
moviepilot Team
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Warum schreiben wir Recaps? Das frage ich mich zwar jedes Mal, wenn ich vor einem 50-bis-60-Minuten-Block mit zig Figuren auf zwei Kontinenten sitze und die Wand anstarre auf der Suche nach einer brauchbaren Zusammenfassung. Aber die inhaltliche Zusammenfassung ist nicht alles, zumindest nicht bei Game of Thrones. Dass wir heute vom Goldenen Serienzeitalter sprechen, ist auch auf die Entwicklung der Recap-Kultur zurückzuführen, die wiederum durch den Siegeszug des Internets befördert wurde. Recaps können Inhaltsangaben sein, sie können unterhaltsame Inhaltsangaben sein und sie können in Overnight Reviews übergehen. Die begriffliche Trennschärfe wurde anderswo besser erklärt und soll hier nicht ausgebreitet werden. Egal, ob der Autor Story-Entwicklungen wiedergibt oder sie kontextualisiert und bewertet, solche Textformen sind Ausdruck des Respekts für eine Serie. Sie blicken auf Serien nicht als flüchtige Unterhaltung, die sich anhand von drei gesehenen Episoden über einen Kamm scheren lässt, wie es klassische TV-Kritiken tun. Sie begreifen eine Serie nicht nur von ihrem Staffelende und -anfang her. Jeder Episode wird stattdessen die gleiche Bedeutung beigemessen, jede Episode besitzt das Potenzial, ein integraler Bestandteil zu sein oder herauszuragen, ob sie nun am Anfang, in der Mitte oder am Ende steht.

Vergangene Woche sorgte die Vergewaltigung von Sansa Stark durch Ramsay Bolton in der Game of Thrones-Episode Unbowed, Unbent, Unbroken für einen weiteren Aufruhr über die Darstellung und dramaturgische Ausbeutung sexueller Gewalt in der Serie. Natürlich schwebt diese Szene nicht kontextlos durch den Serienäther und Plädoyers für ein gemeinschaftliches Abwarten sind nachvollziehbar. Abwarten! Es wird schon Sinn ergeben. Abwarten! Sansa wird ihre klischeetriefende Rape & Revenge-Story zu einem befriedigenden Ende führen. Und so weiter. Die Tugend der Recap-Kultur findet sich nicht in der Geduld, sondern der Genauigkeit. Sie findet sich im Lob der Inszenierung einer Folge ebenso wie in der Kritik ihrer Dramaturgie, weil Recaps und Episoden-Kritiken davon ausgehen, dass Serien dieses Maß an Aufmerksamkeit verdienen. Wo wir wieder beim Goldenen Serienzeitalter sind.

Nun stehen, sitzen oder lümmeln wir also vor The Gift, der 7. Episode dieser 5. Staffel von Game of Thrones. Hinsichtlich der Kontextualisierung von Sansas Vergewaltigung offenbaren die Macher diesmal allerhöchstens ihre eigene billige Finte. Denn dass die Szene mit einer Großaufnahme des gequälten Theon kulminierte, diente im Nachhinein dazu, beim Zuschauer aus einem sadistischen Moment des Spektakels heraus falsche Hoffnungen zu schüren, er werde Sansa später helfen. Weil wir anscheinend nach viereinhalb Staffeln immer noch nicht verstanden haben, wie allein Sansa in dieser brutalen, frauenfeindlichen Welt ist. Wenn Theon Sansas Kerze nimmt und Reek sie Ramsay überreicht, wird die Vergewaltigung als Spannungsmoment und Plot-Werkzeug zum zweiten Mal ausgeschlachtet. The Gift verstärkt im Folgenden den Eindruck der Spiegelung von Sansas Schicksal, als ihr gewalttätiger Ehemann ihr den gehäuteten Körper ihrer Verbündeten vorführt, wie es Joffrey mit dem Kopf ihres Vaters und ihrer Septa getan hatte. Das bereitet auf lange Sicht wohl Sansas Aufbegehren vor und ihre verbalen Sticheleien begleiten dies. Sie greift sich beim Spaziergang durch Winterfell schließlich ein Werkzeug mit "a pointy end". Redundant wirkt Sansas Erzählstrang bislang trotzdem, egal wie vielversprechend die Parallelen zu Cersei zu wirken. The Gift führt im Kleinen vor, wie die Autoren David Benioff und D.B. Weiss diese immergleichen Erzählmechanismen einsetzen.

I dreamed I was old.

Mit dem für die Serie ungewöhnlichen, weil natürlichen Tod von Maester Aemon stehen Sam und Gilly zunehmend auf verlorenem Posten in Castle Black. Es gäbe die verschiedensten Möglichkeiten, die beiden (Stief-)Eltern über der Pflege eines Kindes hinaus zum Paar werden zu lassen. Doch es muss die Androhung einer Vergewaltigung sein, damit diese Game of Thrones-Folge ein Spannungsmoment, Sam einen Männlichkeitsbeweis, Ghost etwas Bewegung und Gilly eine gesunde sexuelle Beziehung erhält. Die Jungfrau in Nöten wird vor Übergriffen bewahrt und gibt ihren Körper als Belohnung dem Helden hin. Bei einer Figur wie Gilly, die eine Geschichte sexuellen Missbrauchs in Craster's Keep hinter sich hat, zeugt diese Logik auf Seiten der Autoren von Scheuklappen so groß wie die Wall. Die drohende Wiederholung des Missbrauchs treibt nämlich nicht Gillys Entwicklung voran [1], sondern Sams. Seine Fürsorglichkeit und Zuneigung sowie sein wachsendes Selbstbewusstsein haben diese unglückliche, weil grob und unsensibel gehandhabte Drehbuch-Abkürzung allerdings kaum nötig.

A girl who was almost raped doesn't invite another man into her bed two hours later.

[1] Wie erhellend wäre wohl eine Konzentration auf ihre Erfahrung eines einvernehmlichen Liebesspiels gewesen?

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