Ab sofort auf Amazon Prime: Die bisher beste Serie des Jahres erfordert eure ganze Kraft

The Underground Railroad
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The Underground Railroad
15.05.2021 - 10:00 UhrVor 29 Tagen aktualisiert
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Nach Moonlight und Beale Street hat sich Barry Jenkins für Amazon an die Verfilmung von The Underground Railroad gewagt. Es ist die intensivste Serienerfahrung des Jahres.

Bei The Underground Railroad, der neuen Serie aus dem Hause Amazon, handelt es sich um ein extrem spannendes und ambitioniertes Projekt über die Flucht einer jungen Frau vor den Schrecken der Sklaverei. Moonlight-Regisseur und Oscar-Preisträger Barry Jenkins, der zuletzt die herausragende James Baldwin-Adaption Beale Street ins Kino brachte, verfilmt eine aufregendsten Stimmen der amerikanischen Literatur: Colson Whitehead.

Barry Jenkins liefert ein Serienmeisterwerk auf Amazon ab

Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman, der The Underground Railroad zugrunde liegt, entführt ins Amerika des 19. Jahrhunderts, denkt sich aber eine alternative Version der Geschichte aus. Diese Geschichte beginnt in Georgia, wo wir Cora Randall (Thuso Mbedu) kennenlernen. Sie lebt und arbeitet als Sklavin auf einer Plantage, bis sie sich dazu entschließt, die Flucht zu ergreifen - und zwar mit Hilfe der Underground Railroad.

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In Wirklichkeit handelt es sich bei hierbei um ein Schleusennetzwerk, das es Sklav:innen ermöglichte, dank geheimer Routen und Schutzhäusern aus den Südstaaten in die Nordstaaten zu gelangen, wo die Sklaverei bereits abgeschafft wurde. Whitehead interpretiert den Begriff der Underground Railroad in seinem Roman wörtlich und stellt sich ein Schienennetzwerk vor, auf dem Züge unter der Erde durch Amerika fahren.

Hier könnt ihr den Trailer zu The Underground Railroad schauen:

The Underground Railroad - S01 Trailer (Deutsch) HD
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Barry Jenkins greift diese Fantasie eindrucksvoll auf, wenn wir am Ende der Pilotepisode von The Underground Railroad mit Cora in die Tiefe eines Schachts steigen. Zuerst herrscht wenig Hoffnung an diesem dunklen Ort, doch dann beginnen die Gleise zu vibrieren und ein Pfeifen kündigt eine Lokomotive an, die dank ihrer strahlenden Scheinwerfer Licht ins Dunkel bringt. Es ist ein absolut erstaunlicher, erlösender Moment.

Die schweigenden Blicke in The Underground Railroad

Vorbei ist die Serie an diesem Punkt allerdings nicht, im Gegenteil: Mit Coras erstem Schritt in die Freiheit beginnt eine lange Reise, die uns immer wieder zurückbringt zu dem Grauen, vor dem die Protagonistin flieht. In The Underground Railroad entfalten sich Bilder entsetzlicher Grausamkeit, die uns als Zuschauende herausfordern. In den nachfolgenden Episoden schildert Jenkins aber viel mehr als eine Geschichte des Leidens.

Seine Inszenierung zeichnet sich vor allem durch Ruhe aus. The Underground Railroad umfasst zehn Kapitel unterschiedlicher Länge (von 20 bis 80 Minuten ist alles dabei) und fühlt sich niemals gehetzt oder gestreckt an. Jenkins nimmt sich die Zeit, die er braucht, um sich durch Stimmungen den Figuren anzunähern. Diese Herangehensweise zeichnete schon seine sorgfältige Arbeit an Moonlight und Beale Street aus.

The Underground Railroad

Meistens sind es verschlossene Figuren, die Jenkins erforscht. Figuren, die Schmerz erlebt haben und deswegen hadern, ihre eigene Stimme in einer Welt zu erheben, die sie an den Rand drängt. Chiron in Moonlight, Tish in Beale Street - und jetzt Cora in The Underground Railroad. Sie alle werden durch ihre schweigenden Blicke vereint, die es mitunter unmöglich machen, zu verstehen, welche Gefühle ihre Herzen zerreißen.

The Underground Railroad ist verblüffend gestaltet

Dank Bildern und Musik findet Jenkins trotzdem einen Weg, zu ihnen vorzudringen - und noch wichtiger: Ihnen einen Raum zu geben, in dem sie ihre Geschichte erzählen können, auch wenn sie nicht reden. Die Behutsamkeit, mit der Jenkins The Underground Railroad in Szene setzt, schafft selbst in der düstersten Stunde Vertrauen. Es gibt keine einzige unüberlegte Einstellung in diesem zehnstündigen Epos.

Zwei wichtige Verbündete in der Gestaltung der Serie sind Kameramann James Laxton und Komponist Nicholas Britell. Mit beiden hat Jenkins an seinen letzten zwei Filmen zusammengearbeitet. Gemeinsam haben sie eine verblüffende Filmsprache entwickelt. Lichtdurchflutete Bilder vereinen sich mit schwebenden Kompositionen: Entgegen aller abscheulichen Ereignisse entsteht hier eine zärtliche Schönheit.

The Underground Railroad

Dennoch ist es nicht leicht, The Underground Railroad zu schauen. Jenkins macht keine Kompromisse mit dem, was er zeigt. Die Unmenschlichkeit der Sklaverei kommt in erschreckenden Passagen zum Ausdruck, angefangen bei verbalen Demütigungen bis hin zur kompletten Zerstörung von Körpern. Das Bewusstsein für die psychischen und physischen Qualen strotzt aus jeder Faser der Serie.

The Underground Railroad ist bewusst als Serie konzipiert

Besonders mit der Figur des Kopfgeldjägers Ridgeway (Joel Edgerton) existiert eine furchteinflößende, unberechenbare Macht, die Cora von den Plantagen in Georgia bis in den vermeintlich sicheren Norden verfolgt. Ridgeway tritt als bestialischer Bösewicht in Erscheinung, jedoch nie als einseitige Figur. Jenkins sucht nach weiteren Ebenen und ermöglicht dadurch feine Nuancen, die unseren Blick erweitern.

Für Ridgeway unterbricht er die Haupthandlung, um seine Hintergründe in einer alleinstehenden Episode (deutlich getrennt durch ein anderes Seitenverhältnis) zu beleuchten. Ridgeway ist gezeichnet von seiner eigenen Geschichte, insbesondere die entfremdete Beziehung zu seinem Vater. The Underground Railroad dringt zu den Wurzeln vor, um zu verstehen, was die Menschen prägt und formt.

The Underground Railroad

Noch stärker ist in dieser Hinsicht das gesonderte Kapitel, das sich mit dem Schicksal von Coras Mutter, Mabel (Sheila Atim), beschäftigt. Lange Zeit taucht diese nur in Erzählungen auf, ehe wir bildlich vor uns sehen, was ihr widerfahren ist. Jenkins nutzt die episodische Struktur geschickt, um zusätzlichen Kontext zu schaffen und das Gezeigte durch überlegte Abstecher in die Vergangenheit oder an einen Nebenschauplatz zu vertiefen.

Barry Jenkins ergründet das Wesen seiner Figuren

The Underground Railroad findet eine deutlich größere Dimension als den Schock, um sich mit seiner Thematik auseinanderzusetzen. Bevor Jenkins dem Leid Ausdruck verleiht, sucht er nach dem Wesen der Figuren, die dieses erfahren oder anrichten. Noch mehr als auf Ridgeway und Mabel liegt sein Fokus auf Cora, die im Zuge ihrer Flucht Unfassbares erlebt. In atemberaubenden Aufnahmen beobachtet er jede Regung in ihrem Gesicht.

Da ist sie wieder, die zärtliche Schönheit, die The Underground Railroad über alle Episoden hinweg begleitet. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein Widerspruch. In Wahrheit gibt Jenkins mit seinen Bildern den unterdrückten Menschen seiner Geschichte zumindest einen Teil der Würde zurück, die ihnen genommen wurde. Bei all dem Horror ist es überwältigend, wie viel Menschlichkeit Jenkins einfängt.

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Vor wenigen Tagen veröffentlicht der Filmemacher unter dem Titel The Gaze eine 52-minütige Montage auf Vimeo, die jene Figuren in den Vordergrund rückt, die im Hintergrund der Serie zu sehen sind. Die Kamera lässt ihren Blick auf jedem einzelnen Gesicht für mehrere Minuten ruhen, während die anschwellende Musik ein zerreißendes Gefühl für die Tragweite der eindringlichen, aber nicht aufdringlichen Bilder schafft.

The Underground Railroad wendet seinen Blick nicht ab

Obwohl Jenkins diese Montage nicht als eine Episode von The Underground Railroad betrachtet, fängt sie die Essenz der Serie perfekt ein. Oft sind es die falschen oder gar völlig verklärende Perspektiven, denen wir folgen, wenn es im Kino oder im Fernsehen um die Schrecken der Sklaverei geht. Es wird verharmlost und zur Schau gestellt, ohne dass wir erfahren und verstehen, was das Erzählte bedeutet.

Der White Savior - ein weißer Mann, der Schwarze Figuren rettet - gehört zu den ärgerlichsten Klischees. Das liegt daran, weil er einmal mehr die Aufmerksamkeit auf sich und sein Handeln lenkt, anstelle die Menschen, um die es wirklich geht. Auch Jenkins zeigt uns vereinzelt weiße Perspektiven in The Underground Railroad, doch die Sichtbarkeit, die er darüber hinaus für alle sonst Vergessenen schafft, ist bemerkenswert.

Jenkins observiert das Grausame und die verheerenden Konsequenzen, die es nach sich zieht. Noch mehr gilt seine Aufmerksamkeit aber dem Erhabenen, das er trotz des unfassbaren Schmerzes in den Gesichtern von Cora, Mabel und den anderen Menschen entdeckt. Jenkins wendet seinen Blick nicht ab, sondern mustert hingebungsvoll mit einer Geduld, wie sie in diesen Geschichten viel zu selten zu finden ist.

Alle Episoden von The Underground Railroad stehen ab sofort bei Amazon Prime als Stream zur Verfügung. Als Grundlage für diesen Seriencheck diente die gesamte Miniserie.

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Werdet ihr euch The Underground Railroad anschauen?

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