Nach Mega-Flop: Wie China die Karriere des Stirb Langsam-Machers rettete

Bodies at Rest
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Einer der raren Gedanken an Hollywood, der einem bei Ansicht von Bodies at Rest in den Kopf schießen könnte, hat mit Stirb langsam zu tun. Der Actionthriller aus China versetzt Stirb langsam ins Leichenhaus. John McClane ist diesmal ein verwitweter Pathologe, der Beweismittel vor Gangstern verstecken muss.

Abgesehen von den Credits gibt es jedoch keinen auffälligen Hinweis, dass der Regisseur früher Sylvester Stallone über Berge und Bruce Willis durch einen Flughafen gescheucht hat. Mit einer chinesischen Besetzung und für ein chinesisches Publikum hat Hollywood-Veteran Renny Harlin den Film gedreht. Das Ergebnis ist einer der unterhaltsamsten Beiträge beim Festival des phantastischen Films in Sitges.

Bodies at Rest ist ein kurzweiliger Actionthriller mit morbiden Setting, in dem vom Skalpell bis zur Leiche alles eingesetzt wird, um sich zu verteidigen. Dass man für Stirb langsam-Verschnitte mittlerweile chinesisches Geld braucht, zeigt wie sich die Filmindustrie in den letzten Jahren gewandelt hat.

Von Filmen mit Sylvester Stallone und Bruce Willis nach China

In den frühen 1990ern saß Renny Harlin auf dem Hollywood-Olymp. Mit seiner blonden Mähne und Schauspiel-Star Geena Davis als Ehefrau war der Finne da angekommen, wovon andere europäische Regisseure träumen. Seinen Durchbruch hatte er 1988 mit Nightmare on Elm Street 4 gefeiert und durch den Erfolg des Sequels Stirb langsam 2 zementiert. 1993 drehte er mit Cliffhanger seinen "Stirb langsam auf einem Berg". Sylvester Stallone spielt darin in den muskulösen McClane-Ersatz.

Zwei Jahre später folgte jedoch eines der legendären Desaster der 90er. Gemeinsam mit Geena Davis ging Harlin in Die Piratenbraut unter, dessen 98 Millionen Dollar Budget 10 Millionen Einspielergebnis gegenübersteht.

Harlin legte noch Kult (Tödliche Weihnachten) und Hai-Schlock (Deep Blue Sea) nach, doch der finanzielle Erfolg blieb ihm weitgehend verwehrt. Seine letzte US-Produktion, The Legend of Hercules mit Kellan Lutz, spielte in den USA nur 18 Millionen ein. Das war 2014.

Renny Harlins nächster Film hingegen nahm 133 Millionen Dollar ein und markierte sein Comeback. Die internationale Koproduktion Skiptrace - Auf der Jagd nach Matador jagte Jackie Chan und Johnny Knoxville durch eine Buddy-Actionkomödie. Am Starttag in China spielte der Film in etwa so viel ein, wie Harlins Hercules-Abenteuer weltweit in seiner gesamten Auswertung. Mittlerweile wohnt Renny Harlin in Beijing, hat eine chinesische Produktionsfirma gegründet und ist wieder ein gefragter Regisseur.

Stirb langsam im Leichenhaus: Bodies at Rest

Anders als Skiptrace kommt Bodies at Rest ohne englischsprachige Darsteller aus. Im Grunde ist es eine klassische chinesische Filmproduktion. Im Cast stehen Stars aus Hongkong (Nick Cheung als Pathologe), China (Yang Zi als Assistentin) und Taiwan (Richie Ren als Schurke). Das pathologische Institut, das am Weihnachtsabend von drei Gangstern heimgesucht wird, soll in Hongkong stehen. Der Film wurde aber in einem Studio in der Volksrepublik gedreht.

Den drei Gangstern mit ihren Masken von Santa, Rudolph und einem Elf geht es um ein winziges Stück Metall. Eine Kugel in einem Leichnam, die Chen (Nick Cheung) entfernen soll. Der allerdings erkennt, dass es sich um ein wichtiges Beweisstück handeln muss, und leistet mit seiner angenehm wehrhaften Assistentin Lin Gegenwehr.

Das Leichenhaus in Bodies at Rest hat wenig mit der Horror-Umgebung aus anderen Filmen gemein. Es ist eine Hightech-Einrichtung aus Glas und Edelstahl, eine nigelnagelneue Küche (mit Leichen), in der sich der Action-Gourmet bedienen kann. Renny Harlin, seit jeher eher ein Mann fürs Grobe, weiß das zu nutzen.

Bodies at Rest besitzt Ansätze der Charakterisierung, die im furiosen Finale herrlich deppert visualisiert werden. Doch Harlin geht es, wie in Stirb langsam 2, Cliffhanger und anderen Filmen, in erster Linie um das Spektakel. Nicht von ungefähr ist in seinem McClane-Film das Privatleben des Helden nur eine Pflichtübung, während bei John McTiernans Vorgänger Action und Figuren einander bedingen.

Renny Harlin ist nicht der einzige Hollywood-Veteran in China

Fluchtversuche, Schießereien, clevere Fallen - das ist Renny Harlins Metier. Je begrenzter der Raum, desto besser. 94 Minuten nimmt sich der Film nach einem unproduzierten Hollywood-Drehbuch von David Lesser Zeit. Dann ist gut. Keine Sequel-Vorbereitung, keine Franchise-Einbindung, kein Schickschnack.

Filme wie Bodies at Rest waren in den 80ern und 90ern das täglich Brot in Hollywood. Heute werden sie immer seltener von großen Studios ins Kino gebracht, wenn es sich nicht um Remakes oder Sequels bekannter Marken handelt. Regisseure wie Harlin oder der Engländer Simon West finden in China willige Finanziers, um solche und größere Stoffe umzusetzen.

West, der wie Renny Harlin als Werberegisseur begann, gab 1997 sein Regiedebüt mit Con Air, in dem Nicolas Cage sein eigenes Stirb langsam in einem Flugzeug mit Sträflingen erhielt. In den 2010ern arbeitete West mit Jason Statham, drehte Expendables 2 und ging wieder nach Großbritannien. Während Statham sich mit Hilfe von Riesenhaien und The Rock auf Sicherheitsabstand vor dem DTV-Regal hält, führte auch Wests Weg nach China.

Sein Katastrophenfilm Skyfire soll 2020 ins Kino kommen. Laut Variety wurde er sogar zweimal gedreht, einmal in Chinesisch, einmal in Englisch, wie bei den Versionenfilmen in den frühen 1930er Jahren. Das Know-How von Simon West oder Renny Harlin wird bei Produzenten der Volksrepublik geschätzt, zumindest aktuell.

Harlins zweiter Film nach Skiptrace war das Effektespektakel Legend of the Ancient Sword, der vergangenen Oktober katastrophal an den Kinokassen unterging (via South China Morning Post). So weit hat Harlin die Piratenbraut nicht hinter sich gelassen.

Harlin trifft auf eine sich rasch wandelnde Markt in China

Auch Regisseure wie Renny Harlin und Simon West müssen sich erst einfinden in den rasch wandelnden Filmmarkt Chinas. In dem funktioniert Fantasy wie Legend of the Sword längst nicht mehr so verlässlich wie früher.

Die größten einheimischen Hits der letzten Jahre strotzten vor Militär-Action (Wolf Warrior 2, Operation Red Sea), versuchten sich an Sozialkritik (Dying to Survive), kamen aus dem Animationsfach (Nezha) oder aus der Science-Fiction (Die wandernde Erde).

Renny Harlin plant nun einen Militär-Actioner (Operation Somalia), ein Sci-Fi-Epos (Solara) und eine indisch-chinesische Koproduktion (Operation Wild), die auf die Beliebtheit indischer Filme in der Volksrepublik abzielt. Ein Hai-Film für die treuen Verehrer von Deep Blue Sea ist leider noch nicht dabei. Bodies at Rest zeigt Harlin derweil bei dem, was er am besten kann. Körper über Splitter von Sicherheitsglas kriechen lassen und Köpfe gegen Edelstahl schmettern. Von wegen Ruhe.

3 Dinge, die ihr über Renny Harlin und Bodies at Rest wissen solltet:

  • Harlin besaß mal ein Planet Hollywood-Restaurant in Helsinki und den Vergnügungspark Planet FunFun. Was hat das mit dem Thema zu tun? Keine Ahnung.
  • Vor Cliffhanger sollte Harlin eigentlich "Stirb langsam in einem Hurrikan" drehen.
  • Bodies at Rest erscheint in Deutschland am 7. November 2019 auf DVD und Blu-ray.

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