Brutal gut: Netflix schnappt sich mit The Platform ein Thriller-Highlight 2019

El Hoyo - The Platform, bald bei Netflix
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El Hoyo - The Platform, bald bei Netflix
Moviepilot Team
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

In einer Hölle aus Beton wacht unser Held aus The Platform auf, die unvorstellbare Schrecken in ihren Tiefen verbirgt. Unvorstellbar? Nicht lange, denn einige davon werden wir in dem klaustrophobischen Thriller mit Horror-Einschlag mit eigenen Augen sehen müssen.

Wem die Baby-Ess-Story aus Snowpiercer noch im Magen rumort, der sollte die erstklassige spanische Genre-Entdeckung am besten auslassen. Alle anderen können sich schon mal auf einen Netflix-Start freuen (via Deadline). Der Streaming-Dienst sicherte sich nach der Premiere in Toronto die Rechte an der straff erzählten Parabel über die blutigen Funktionsmechanismen einer kapitalistischen Gesellschaft.

The Platform (OT: EL Hoyo) verlegt das Konzept der eisigen Zug-Revolution aus Snowpiercer nämlich in die Höhe. Ein riesiges Gefängnis aus Beton, in der Mitte ein Schacht, durch den jeden Tag das Essen saust. Wer oben sitzt, darf zuerst ran. Aber wie viel bleibt in den unteren Levels übrig?

Netflix angelt sich eines der Sci-Fi-Highlights des Jahres

An wenigen Stellen springt die Geschichte heraus aus dem Gefängnis, das nur "The Pit", die Grube, genannt wird. Selbst dann ist die Welt in The Platform eine aus grauem Beton. Die Reduktion bestimmt die Sci-Fi-Vision. Sie scheint auf die Realität zu blicken, um dann mit grauer Farbe alles unnütze Beiwerk zu überdecken.

Übrig bleibt der Schacht, an dessen oberen Ende eine Gourmet-Küche steht. Sie eröffnet den künftigen Netflix-Film, bevor Goreng (Iván Massagué) in seiner Zelle aufwacht. Eine große "48" markiert sein Level, das er mit einem älteren Herrn teilt. Mit Goreng lernen wir die Regeln der Betongrube kennen. Zwei Erwachsene auf jeder Ebene, einmal am Tag gibt es Essen. Jeden Monat wird das Level nach dem Zufallsprinzip geändert. Je niedriger die Zahl, desto besser. Wer Essen hortet, wird bestraft.

Goreng ist zunächst schockiert. Könnte das Essen nicht für alle reichen mit ein bisschen Zurückhaltung? Schon bald isst auch er gierig von der Platte. Wer weiß, in welchem Level man als nächstes aufwacht!

Snowpiercer in einem Gefängnis: The Platform

Das Konzept von The Platform ist nicht weniger platt oder komplex als das in Snowpiercer oder Bong Joon-hos jüngstem Film Parasite. Sie alle arbeiten die ungerechte Fluktuation von Reichtum mit den Mitteln von Genrefilmen auf. Bei Snowpiercer äußert sich das in der Vorwärtsbewegung, sowohl des Zuges, der übers Eis rast, als auch der Revolution in seinem Bauch. Von Abteil zu Abteil kämpfen sich die Figuren nach vorne, während die Spitze um den Reichtum bangt.

In The Platform fällt die Bewegung schon schwerer. Oder, wie es einmal heißt: Man kann nicht nach oben scheißen. Statt der Aktion bzw. Action dominieren Klaustrophobie und Ohnmacht. Ohnmacht darüber, wo man als nächstes landet - und mit wem. Regiedebütant Galder Gaztelu-Urrutia formt daraus einen straff erzählten Thriller, der uns auf eine grausame Entdeckungsreise schickt.

Neue Regeln, Ebenen oder sonstige Erkenntnisse über die Welt schlagen Story-Haken, ziehen den Boden unter den Füßen weg und schaffen Abwechslung in dem Einerlei aus vier Wänden und der dunklen Tiefe in ihrer Mitte. Der Menschlichen und der des Schachts.

Netflix' The Platform ist viel komplexer als zunächst gedacht

Mit einem kleinen Ensemble spielt das Drehbuch von The Platform verschiedene Reaktionen auf das System des Schachts durch. Opportunismus oder Reform von innen; gewalttätige Revolution aller oder Aufstieg des Einzelnen. Mittendrin Goreng, der zwischen Ungläubigkeit, Schrecken und Zorn wechselt.

In The Platform zieht sich niemand Clowns-Masken über, um die "Reichen zu essen", wie es in Joker heißt. Auch wenn viel (Menschenfleisch) gegessen wird. Der DC-Film verleibt sich die Kluft zwischen Arm und Reich ein, um seine Hauptfigur zum Symbol des Volkszorns zu machen. Ein paar Schüsse und schon machen es ihm alle nach. So einfach geht das in Hollywood.

The Platform wirkt trotz aller Verfremdung um einiges realistischer im Umgang mit der Dynamik des modernen Kapitalismus. Eine brutale Vereinfachung wird in dem auf engstem Raum inszenierten Film entworfen, eine halbe Welt verkörpert durch Beton und wenige Menschen. So simpel das Konzept, so schwierig macht es das Drehbuch beim Ausweg, beim "Entgleisen" dieses Zuges.

Warum sollte nicht auch Goreng auf das Essen spucken, wenn er satt ist? Die da oben machen es doch auch.

Habt ihr Lust bekommen, euch The Platform bald auf Netflix anzuschauen?

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