Körperhorror pur: Nicolas Cage raubt uns den Verstand in Color Out of Space

Color Out of Space, Nicolas Cage in Mandy
© Spectrevision/Koch Media
Color Out of Space, Nicolas Cage in Mandy
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Wenn Nicolas Cage dem Wahnsinn verfällt, flattern kleine blutige Schmetterlinge durch die Bäuche von Horror-Fans. Nach der brutalen Rache in Mandy kehrt Cage in Color Out of Space ins Genre zurück. Diesmal wird seine Familie von der Strahlung eines Meteoriten terrorisiert, die Körper und Geist schmilzt.

Die Verfilmung einer Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft bereitet also das ideale Terrain für Nicolas Cages jazzige Improvisationen geistiger Eskalation. Kaum ein US-Schauspieler eignet sich so gut für den Lovecraft'schen Horror, der seinen Grusel aus dem schwer darstellbaren Grauen zieht.

Wenn sich der Film schwer tut mit der Suggestion unserer dunkelsten Vorstellungen, eilt Cage zu Hilfe, um sie mit Schreien auf die Leinwand zu schreiben. Was für ein Schauspieler!

3 Dinge, die ihr über Color Out of Space wissen müsst:

  • The Color Out of Space von H.P. Lovecraft erschien 1927.
  • Richard Stanley hat seit seiner Entlassung beim Flop D.N.A. - Experiment des Grauens vor über 20 Jahren keinen Spielfilm mehr gedreht.
  • Der Film wurde von SpectreVision produziert, hinter der u.a. Elijah Wood steht. Die Firma brachte auch Mandy, A Girl Walks Home Alone At Night und The Greasy Strangler raus.
  • Alle Artikel vom Festival des phantastischen Films in Sitges.

Nicolas Cage in Color Out of Space: Eine unbeschreibliche Invasion

Eine unbeschreibliche Farbe. Das ist die Grundidee von Color Out of Space. Keine humanoiden Aliens, keine riesigen Insekten in Untertassen, sondern etwas wahrlich Unvorstellbares jagt da aus den Sternen direkt in den Vorgarten der Familie Gardner, allen voran Vater Nathan (Nicolas Cage).

Die fünfköpfige Familie lebt in den Wäldern des fiktiven Arkham in Neuengland. Umgeben von Bäumen so hoch, dass ihre Stämme kaum vom Licht berührt werden, ist es ein beschauliches Leben. Mutter Theresa (Joely Richardson) hat gerade eine Krebsoperation hinter sich und skypt im Dachboden mit den Kunden. Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) übt sanft die Teenie-Rebellion mit Wicca-Ritualen.

Im Auftakt steht Lavinia neben einem weißen Hengst am Flussbett, rezitiert einen Spruch und man könnte die Szene im Mittelalter verorten. Wäre da nicht der auf Wasserwissenschaften spezialisierte Fremde im Bild. Ward (Elliot Knight) wird schon bald nach dem Einschlag des Meteoriten Schreckliches über das Grundwasser der Gegend vermuten. Die Gardners aber trinken unbesorgt weiter.

Das Ding aus einer anderen Welt trifft Auslöschung in Color Out of Space

H.P. Lovecraft wollte die Vorstellungskraft des Menschen überwinden und eine Gefahr erschaffen, die den unergründlichen Weiten des Alls gerecht wird. Das ist eine beträchtliche Herausforderung für einen Film, selbst wenn ein grenzüberschreitender Schauspieler wie Nicolas Cage am Set sitzt.

Richard Stanley und sein Team gehen die Aufgabe mit einem psychedelischen Bilderrausch an, der seine Umgebung gefangen nimmt, verstrahlt und in glitschige Horror-Geschöpfe verwandelt. Stellt euch Nicolas Cage in der Kurt Russell-Rolle in Das Ding aus einer anderen Welt vor, ersetzt das Eis durch den Wald und ihr nähert euch dem schauderhaften Geschehen in Color Out of Space an.

Spätestens wenn quälend hohe Schreie aus dem Alpaka-Stall schallen, ahnen selbst die Familienmitglieder Schlimmes. Da wird das vorher so kuschelig warm wirkende Haus bereits beleuchtet, als sei es selbst ein UFO.

Dabei erinnert die grauenhaft bunte Synthese unterschiedlicher Organismen nicht zufällig an Alex Garlands Auslöschung mit Natalie Portman. Dessen Auseinandersetzung mit Depression und Verlust wurde beträchtlich von Lovecraft beeinflusst. Color Out of Space sitzt nur näher an der Quelle. Stanley inszeniert die wachsende Kraft des Meteoriten, als seien Theresas Krebsgeschwüre aus dem All im Vorgarten aufgeprallt. Auch das Unvorstellbare muss in Bilder gefasst werden.

Nach Blitzschlägen strahlt das fremde Geschwulst ein giftig-schönes lila-rosa Licht aus. Im Garten wachsen glühende Pflanzen. Die Eiswürfel im Whiskey-Glas leuchten verführerisch und nach kurzer Zeit auch die Augen. Die Farbe treibt das Innere nach außen, nicht nur bei den Alpakas. Nach einer Weile wütet Nathan wie sein Vater durch das Haus, obwohl er nie so enden wollte.

Color Out of Space zeigt Nicolas Cage wahnsinnig und berührend

Der wahnsinnige Sog aus dem Vorgarten findet in Cages Darbietung einen willigen Partner. Frühe Szenen zwischen Cages Nathan und Joely Richardsons Theresa zeigen berührend, wie die beiden sich von der Krankheit nicht unterkriegen lassen. Man ahnt eine jahrelange Beziehung mit Höhen und Tiefen, die in den Wäldern zur gemeinsamen Ruhe kommen soll. Sie haben es sich verdient.

Die Kombo Richardson/Cage spielt das glaubhaft. Ohne Meta-Ironie, ohne Zwinkern darüber, was da gleich kommen möge, steht am Anfang von Color Out of Space ein Drama übers gemeinsame Altwerden trotz oder wegen der Wandlung des eigenen Körpers.

Umso bedauerlicher ist es, wenn sich der Film seines Hauptdarstellers bewusst wird. Schon Mandy lehnte sich hinein in den Kult um Nicolas Cage. Color Out of Space scheint sich darin zu gefallen, Cage beim Ausrasten zu zeigen, nicht Nathan. Bisweilen wird der Grusel mit Nathan durch das Lachen über Cage ersetzt, was der Horror-Atmosphäre schadet.

Andererseits ist es eine Freude, wie sehr sich Richard Stanley für seine Kino-Rückkehr in das Spektakel des Genres schmeißt, Lacher über das Melken von Alpakas inklusive. Nicolas Cage ist der ideale Schauspieler für solche Gefühlsschwankungen, kann er uns doch in einer Sekunde zum Kichern bringen und in der nächsten an der Tragik seiner Figuren teilhaben lassen. Dass er darunter nicht zerreißt, hält auch Color Out of Space beisammen. Was man von den knuddeligen Alpakas nicht behaupten kann.

Was haltet ihr von Nicolas Cage als Schauspieler?

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