Aidan Gillen - Zum 50. Geburtstag der irischen Allzweckwaffe

Aidan Gillen als Littlefinger in Game of Thrones
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Aidan Gillen als Littlefinger in Game of Thrones
Moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
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Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Shows, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.

Achtung, Spoiler zu Game of Thrones, Staffel 7: In Game of Thrones gibt es Figuren, die wir lieben und solche, die wir lieben zu hassen. Petyr "Littlefinger" Baelish, einstiger Bordellbesitzer und Meister der Münze, fiel für mich - vielleicht entgegen den Maßstäben von Logik und Vernunft - in erstgenannte Kategorie. Er mag Menschen wie Schachfiguren behandelt haben, doch er war auch derjenige, der sich in Westeros von ganz unten hocharbeitete und aus diversen, nicht unbedingt selbstverschuldeten Gründen trotzdem allein blieb. Tief unter seiner berechnenden Fassade schimmerte eine tragische Lebensgeschichte durch. Oft sind Außenseiter in der Kunst als Sympathieträger konzipiert, was Littlefinger im Gegensatz zu etwa Tyrion Lannister (Peter Dinklage) wahrlich nicht von sich behaupten kann. Gerade das aber machte ihn für mich neben Cersei (Lena Headey) zum aufregendsten Charakter der Serie. Über 7 Staffeln hinweg wurde er von Aidan Gillen verkörpert, dem die Game of Thrones-Autoren so manch denkwürdigen Monolog ("Chaos ist eine Leiter.") auf den Leib schrieben, bevor Baelish sich auf Winterfell an den Stark-Geschwistern die Finger verbrannte.

Wenn Aidan Gillen Interviews gibt, legt seine mitunter unbeholfene Körpersprache beziehungsweise sein generell etwas schüchternes Auftreten nicht unbedingt nahe, dass dieser Mann imstande sein könnte, vor der Kamera all das zu tun, was Littlefinger nun einmal tut. Immerhin der britische Telegraph war es, in dem es zutreffend hieß, er spiele die Figur mit "widerlicher Perfektion". Umso stärker drängt sich die Vermutung auf, dass wir mit ihm den wohl talentiertesten Durchschnittstyp Irlands vor uns haben. Gleichwohl Gillen insbesondere nach Game of Thrones viele Türen offen stehen dürften, fühlt er sich eigenen Angaben zufolge in Indie-Produktionen heimischer als in Blockbustern, welche er dennoch hin und wieder in Nebenrollen bereichert: Gastspiele absolvierte er unter anderem in The Dark Knight Rises von Christopher Nolan, Guy Ritchies Schwertsaga King Arthur: Legend of the Sword sowie den beiden neuesten Installationen der Maze Runner-Reihe.

Game of Thrones ist lange nicht alles

Als Charakterdarsteller trat Gillen erstmals 1996 in Mütter und Söhne in Erscheinung. Über die Grenzen seines Produktionslandes hinweg ist das Drama über zwei IRA-Sympathisanten im Hungerstreik zwar nicht sehr bekannt, in Irland indes genießt das eindringlich gespielte und schnörkellos inszenierte Moralstück große Beliebheit - ein geeignetes Double-Feature ergibt das Werk mit Steve McQueens geläufigerem Regie-Debüt Hunger. Ebenfalls zu nationalem Kulturgut (in diesem Fall englischem) avancierte die Serie Queer as Folk mit Gillen als sexuell umtriebigem Karrieremenschen. Im Mittelpunkt der in Manchester angesiedelten Geschichte stehen drei schwule Männer, wobei im Verlauf der Handlung der 29-Jährige Stuart Alan Jones (Gillen) und der 15-Jährige Nathan Maloney (Charlie Hunnam) miteinander anbandeln. Von jener Liaison erzählt die Serie vorurteilsfrei, frisch und authentisch. 2000 wurde sogar ein US-Remake auf den Weg gebracht, dessen Hauptcast bislang allerdings nicht derselbe Ruhm vergönnt ist wie heute Hunnam (Sons of Anarchy) oder eben Gillen.

Das komplexe Sozial- und Gesellschaftspanorama The Wire ging seinerzeit bei Preisverleihungen zwar häufig leer aus, gilt unter vielen Kritikern aber als bestes Drama des Goldenen Serienzeitalters - wenn nicht sogar als beste Serie überhaupt. Hierzu leistete Gillen seinen Anteil, spielt er doch ab Staffel 3 den idealistischen späteren Bürgermeister Tommy Carcetti, der zwar die Sympathien der Wähler auf seiner Seite hat, sich als Greenhorn im umkämpften Politzirkus Baltimores aber erst einmal zurecht finden und einen harten Wahlkampf bewältigen muss. Dass er dabei aussieht wie - und dies ist als Kompliment zu verstehen - einer Boygroup aus den 1990ern entwachsen, sollte bei der Gelegenheit nicht verschwiegen werden. Die Rolle bildet einen spannenden Kontrast zu Gillens späterer Darstellung Littlefingers in Game of Thrones, der seine ganz eigene Art hat, Geschäfte zu regeln.

Doch sind es nicht lediglich ernste Film- und Serienengagements, durch die Aidan Gillen sich profilieren kann. Hollywood machte er erstmals mit dem launigen Buddy-Actioner Shanghai Knights auf sich aufmerksam, in welchem er als intriganter Antagonist Jackie Chan und Owen Wilson das Leben schwer macht. Fast noch bemerkenswerter ist demgegenüber sein Auftritt in Blitz - Cop-Killer vs. Killer-Cop, wo wir Zeuge einer entfesselten Over the top-Darbietung Gillens werden, die im Angesicht Jason Stathams noch zusätzlich Feuer fängt. Erst vergangenes Jahr stand der Ire überdies für das Biopic Dave Allen at Peace über den kontroversen Komiker Dave Allen - ein Landsmann Gillens - vor der Kamera und einige Kritiken frohlocken, dass wir darin weitere Facetten des Schauspielchamäleons zu sehen bekommen.

Wenn es ein Beispiel dafür braucht, dass eine besonders markante, möglicherweise gar perfekt gespielte Rolle nicht automatisch in frustrierendem Typecasting münden muss, lohnt ein Blick auf die auch am Theater (Der Hausmeister, Glengarry Glen Ross) geschulte Allzweckwaffe Aidan Gillen. Mal erdet er eine Geschichte, mal sitzt ihm der Schalk im Mundwinkel - jede Serie und jeder Film aber gewinnt durch ihn unabhängig von der Qualität des Drehbuchs an Reiz dazu. Was ließe sich auch anderes erwarten von diesem verdammt genialen Durchschnittskerl?

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