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Zum 60. Geburtstag

Ang Lee - Rebellion gegen die Tradition

23.10.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Ang Lee am Set von Life of Pi
© 20th Century Fox
Ang Lee am Set von Life of Pi
Anlässlich des 60. Geburtstages von Ang Lee, dem zweifachen Academy-Award-Gewinner, werfen wir einen Blick auf sein Schaffen als Filmemacher in einer gut 20-jährigen Karriere.

Sechs Monate vor seinem Tod überredete Ang Lees Vater seinen Sohn, der nach dem Misserfolg von Hulk in einer tiefen Krise steckte und seine Karriere aufgeben wollte, noch einen letzten Film zu machen, um seinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Trotz heftigen Selbstzweifeln beschloss Ang Lee, auf seinen Vater zu hören und einen allerletzten Film fertig zu stellen. Dieser Film ging als Brokeback Mountain in die Geschichte ein und manifestierte Ang Lee mit seinem ersten Regie-Oscar endgültig als einen der besten Regisseure des Weltkinos. Spulen wir 30 Jahre zurück: Der 19-jährige Ang Lee fällt zwei Mal durch das Examen zur Aufnahme in die Nationaluniversität Taiwans - die Scham des strengen, konfuzianistischen Vaters, selbst Schuldirektor, wird nur noch dadurch gesteigert, dass sein Sohn sich anschließend dazu entschließt, eine Kunstuniversität zu besuchen. Filme machen? Das ist doch kein Beruf. Das ist eine Schande für die ganze Familie.

Es ist gewissermaßen das selbe Motiv, das sich seit jeher als roter Faden durch Ang Lees Filmographie zieht. Eine Filmographie, die auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von vollkommen willkürlich ausgewählten Werken anmutet: Hier treffen fliegende Kampfkünstler auf schwule Cowboys, grüne Comic-Helden auf kiffende Hippies und 3D-Tiger auf Meisterköche. Doch die Helden all dieser Geschichten teilen das selbe Leid. Sie sind Außenseiter und Aussätzige, die mit den Normen und Traditionen ihrer jeweiligen Gesellschaft nichts gemein haben und deren bloße Existenz eine Auflehnung gegen eben jenes System ist. Sie sind somit keine Rebellen der Rebellion wegen - sie sind Individuen, denen das Glück von Natur aus durch soziale Strukturen verwehrt wird, häufig in Verbindung mit sexueller Oppression.

Nun ist Ang Lee weder der erste noch der letzte Regisseur, der sich mit diesen Themen befasst und dennoch ragt er deutlich unter den Hollywood-Regisseuren hervor. Das liegt zum einen natürlich daran, dass er als Epitom der globalisierten Kinoindustrie mit beachtlichem Feingefühl die Balance zwischen der westlichen und östlichen Kultur hält. Ang Lee zog mit 23 Jahren in die USA, wo er bis heute lebt, aber aufgrund seiner Erziehung und Bildung in Taiwan immer bis zu einem gewissen Grad der Fremde bleiben wird, ebenso wie in seiner Heimat, in der er lediglich als amerikanisierter Erwachsener gelebt hat. Ang Lee selbst sieht sich als "Herumtreiber und Außenseiter. Es [gäbe] keine einzige Umgebung, der [er] vollständig [angehöre]." 

Vor diesem Hintergrund ist die Auswahl seiner Stoffe nicht besonders schwer nachzuvollziehen. In seinen ersten drei Filmen, der sogenannten Father Knows Best-Trilogie (bestehend aus Schiebende HändeDas Hochzeitsbankett und Eat Drink Man Woman) schildert Ang Lee das Leiden seiner ProtagonistInnen unter einem rigiden sozialen Code, in dem es keinen Platz für individuelle, natürliche Wünsche und Bedürfnisse geben kann. Er charakterisiert hier einen Konflikt zwischen zwei der Drei Lehren , die im asiatischen Raum sehr weit verbreitet sind: dem Konfuzianismus und dem Daoismus. Ersterer sieht, stark vereinfacht gesagt, die Selbsterfüllung des Menschen in seiner Einbindung in ein soziales System, dem es sich unterzuordnen gilt, während der Daoismus jene Selbsterfüllung in der Natur des Individuums Mensch - nicht in seiner Gesellschaft - sucht. Den selben Aufprall dieser Ideologien sezierte Ang Lee später unfassbar liebevoll in seinem Wuxia-Epos Tiger & Dragon.

Ang Lee wäre jedoch nicht Ang Lee, wenn er diesen ebenso intelligenten wie emotionalen Sozialstudien lediglich im Rahmen der östlichen Welt die nötige Kraft geben könnte. Stattdessen trägt er seine Fähigkeiten in die USA und zeigt uns in seinem Meisterwerk Der Eissturm eine US-amerikanische Gesellschaft, die vom Vietnam-Krieg und der Watergate-Affäre traumatisiert ist. Dabei stellt er sein Leitmotiv kurzerhand auf den Kopf: In Der Eissturm ist der sonst so essentielle moralische Kompass für die Figuren verloren gegangen. Litten die Figuren zuvor darunter, dass alles, was sich richtig anfühlt, unmöglich gemacht wird, so ist in dieser Welt alles möglich - aber nichts richtig.

Dass sich dieser sensible Auteur Anfang des neuen Jahrtausends einer großspurigen Comic-Verfilmung wie Hulk annimmt, ist nicht nur auf dem Papier ebenso genial wie wahnsinnig. Genial, weil die Vorlage durchaus genug Motive für einen guten Ang Lee-Film bietet; wahnsinnig, weil das Durchschnittsmitglied der Zielgruppe von Marvel-Verfilmungen nicht ins Kino geht, um einen guten Ang Lee-Film zu sehen. Es kam wie es kommen musste: Ang Lee liefert einen vielschichtigen, vergleichsweise zutiefst psychologischen Blockbuster ab (über die sträfliche Unterschätzung von Hulk wurde hier ja bereits an anderer Stelle diskutiert), die breite Masse hasst es. Ein derartiger Misserfolg - sowohl die Kritiker als auch das Publikum straften Hulk mit erschreckend negativer Resonanz - kann sich denkbar schlecht auf einen Regisseur von Ang Lees Format auswirken. Wir als Anhänger des Kinos können uns also wahrlich glücklich schätzen, dass es nicht sein letzter Film geworden ist, denn seine bis dato herausragendsten Arbeiten sollten erst noch folgen.

Mit Brokeback Mountain führt Ang Lee sein Lieblingsthema im westlichen Kontext auf die Spitze: Es sind bezeichnenderweise zwei Cowboys, das US-amerikanische Freiheitssymbol überhaupt, die hier alles andere als frei in ihrer Umgebung zurecht kommen müssen. Ang Lee geht den Strukturen der amerikanischen Gesellschaft auf den Grund und demaskiert sie als eine unverständlich hässliche, durch und durch intolerante Gemeinschaft, die nichts mit dem gemein hat, wofür die USA eigentlich stehen will. Dass es dem Filmemacher gelungen ist, ein für den Hollywoodapparat dermaßen fremdartiges Thema auf solch einfühlsame Weise umzusetzen und dieses Plädoyer für Toleranz gleichzeitig derart massentauglich - denn Brokeback Mountain ist sicherlich kein "Film für Schwule" - ausfallen zu lassen, kann nicht oft genug anerkannt werden.

"Manchmal sehe ich Illusionen als die Essenz des Lebens an. Ich kann ihnen mehr vertrauen als dem echten Leben, das voller Täuschung und Vertuschung ist." Ein möglicher Ausweg, oder besser gesagt Trostpflaster, das Ang Lee seinen Helden anbietet und auch gönnt, ist die vom sozialen Umfeld abgekoppelte Illusion. Ob es nun Bruce Banner ist, der sich eingesteht, dass er Gefallen an den Momenten des totalen Kontrollverlustes als Hulk findet, die Theaterstudentin in Gefahr und Begierde, die mit ihrem Spiel den Bösewicht des Stücks bezwingen möchte, oder eben Ennis und Jack, deren einzige Zuflucht die Höhen des paradiesischen Brokeback Mountain sind.

Deshalb wirkt Life of Pi in gewisser Hinsicht auch wie ein Rückblick auf das eigene Schaffen des Regisseurs. Es ist eine Liebeserklärung an die Illusion, ein demütiger Applaus für den Aussätzigen, der sich das Träumen bewahrt hat. Und wenn sich der Film dem Ende neigt und die Illusion gelüftet wurde, ist es, als würde uns Ang Lee gegenübersitzen, seine zwölf Langfilme ausbreiten und fragen: "So, which story do you prefer?"

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