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Lost-Review

Ich war Lostie - Bekenntnisse eines Abhängigen

05.09.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Lost - Everything you need to know about Lost Clip (Englisch)
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© ABC
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Es fällt mir schwer, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, aber meine Beratungsstelle hat mir nahegelegt, dass es ein wichtiger Schritt zu meiner Genesung ist. Auch wenn ich vermutlich nie vollständig geheilt werden kann. Ich war Lostie.

Obwohl ich mich hier offenbare und selbst bloßstelle, sehe ich mich in der Pflicht, diesen Erfahrungsbericht auch fünf Jahre nach der letzten ausgestrahlten Episode zu verfassen. Unter anderem deswegen, weil dieses Teufelszeug mittlerweile völlig legal und umsonst auf diversen Video-On-Demand-Plattformen angeboten wird und Ahnungslose dazu verleitet werden, es „nur mal auszuprobieren“. Ich hoffe, dass ich euch arme Seelen vor meinem Schicksal bewahren kann, woran ich bei einem Freund vollends gescheitert bin, der mittlerweile zu seinem vierten Run angesetzt hat, einsam in seinem Raum sitzt und endgültig im Sumpf versunken ist. Deshalb muss das jetzt raus: Ich war Lostie.

Von ca. 2004 bis 2010 hatte ich, wie viele andere auch, mit einer starken Abhängigkeit zu kämpfen. Jede Woche hangelte ich mich von Schuss zu Schuss, von Zug zu Zug, von Sniff zu Sniff, egal, ob ich es mir über das Fernsehen beschaffte oder einfach nur im Internet darüber las. Ich nahm alles, was ich von LOST kriegen konnte. Allein die Erwartung der nächsten Folge und das Rätseln, was die Zahlen bedeuten (4, 8, 15, 16, 23, 42) oder „was die Insel ist“, haben mich high gemacht. Die einzigen Downer waren die Monate zwischen den Staffeln, aber auch diese haben nicht bewirkt, dass ich davon loskam, sie haben mich noch mehr abhängig gemacht. Ich habe alles unternommen, um meine Sucht irgendwie zu befriedigen: Fan-Theorien lesen, Youtube-Zusammenschnitte anschauen, andere Serien verfolgen, ein eigenes Privatleben leben. Nichts half dabei, das ständige Verlangen nach dem nächsten Schuss zu bekämpfen. Ich wollte immer mehr. Ich bin sogar in die tiefsten Abgründe gekommen und habe LOST meinen Freunden empfohlen, um mich mit ihnen über die Erfahrungen, die sie mit dem Zeug machten, auszutauschen. Ich habe meine eigenen Freunde abhängig gemacht und schäme mich dafür.

Im Nachhinein kann man LOST gut und gerne als die größte Seifenblase bezeichnen, die die amerikanische Fernsehlandschaft jemals hervorgebracht hat. Creator J.J. Abrams sowie die Showrunner Carlton Cuse und Damon Lindelof kochten mit ihrer Geschichte das Serien-Crystal-Meth der 2000er-Jahre zusammen. Dieses erzählte zunächst lediglich, wie die Überlebenden des Flugzeugabsturzes der Linie „Oceanic 815“ auf einer tropischen Insel ein Robinson-Crusoe-Abenteuer erlebten. Durch Flashbacks, über die man immer mehr interessante Hintergründe über unsere so liebgewonnenen Charaktere Jack (Matthew Fox), Kate (Evangeline Lilly), Sawyer (Josh Holloway), Hurley (Jorge García), Locke (Terry O'Quinn) und wie sie alle hießen, erfuhr und dem Kniff, jede Folge mit einem Cliffhanger enden zu lassen, konnte „LOST“ schnell eine Vielzahl von Zuschauern oder sogenannte „LOSTies“ um sich scharen.

Denn neben dieser recht simplen, aber effektiven Ausgangslage existierten eine Menge Rätsel und Ungereimtheiten, die den Otto-Normal-LOSTie bei der Stange hielten. Zugegebenermaßen gab es auch viele Zuschauer, die aufgrund der immer größer werdenden Verstrickungen und immer mehr auftauchenden Rätsel und offenen Fragen schlichtweg die Lust verloren und abschalteten. Diese haben es vielleicht im Nachhinein genau richtig gemacht. Denn im Endergebnis kann man sagen, dass die Zuschauer, welche die Sendung vornehmlich wegen der Rätsel und ihrer Auflösung sahen und erhofften, es würde sich alles zu einem kohärenten Großen und Ganzen zusammenfügen, maßlos enttäuscht wurden. Zeitverschiebungne, Zeitreisen, Flashbacks, Flashforwards, Flashsideways, die Zahlen (4, 8, 15, 16, 23, 42), die Anderen, Eisbären, Walt, der so „special“ war, Elektromagnetismus, die Luke, Frauen, die ihre Kinder auf der Insel vor der Geburt verlieren, die Tawaret-Statue, Eisbären, Jacob oder die Dharma-Initiative: letztendlich waren all diese Dinge nur Mittel zum Zweck, um den Zuschauer bei der Stange zu halten.

Zugegebenermaßen wurden auch einige Dinge davon zumindest ansatzweise erklärt. Aber das ist dann schließlich nur sehr halbgar geschehen. Beteuerungen von Cuse und Lindeloff, sie hätten von Anfang an einen Plan gehabt, wozu das Ganze führt sowie auch Matthew Fox, der behauptete, er wusste schon zu Drehbeginn der ersten Staffel, was die allerletzte Einstellung der Serie werden würde, all das wirkt da für den geneigten Fan dann doch wie ein Schlag ins Gesicht. Was bei Fox auch wenig Sinn macht, da sein Charakter eigentlich in der Pilotfolge sterben sollte, was allerdings bei Testscreenings schlecht ankam. Und selbst wenn: Da „LOST“ soviel mit Symbolik arbeitet und die Serie mit der Einstellung beginnt, dass Jack die Augen öffnet, dann kann zur Not auch ein 10-Jähriger sagen, wie wohl die letzte Einstellung der Serie aussieht. Zumal auch das nichts darüber aussagt, ob irgendwelche Rätsel und Mysterien aufgeklärt werden.

Irgendwann hatte sich der Effekt und Sinn der Flashbacks nämlich etwas aufgebraucht, da man nicht viel mehr über die Charaktere erfahren konnte bzw. deren Story-Arcs dann doch recht klischeebehaftet waren und letztendlich recht schnell alle Hintergründe erzählt waren. Deswegen wurden die späteren Staffeln durch andere Dinge aufgepeppt, was für mich auch sehr gut funktionierte, da mich sowieso eher die Mysterien interessierten und ich für Zeitsprünge und derlei Kram immer zu haben bin. Bis man dann eben zum Ende gelangt und maßlos enttäuscht wird, da Cuse und Lindeloff nicht mal ansatzweise das halten konnten, was sie versprachen. Nämlich alle offenen Fragen zu beantworten. Gut, man kann sich darüber streiten, wie viel jetzt „beantwortet“ wurde bzw. ob diese Erklärung dann dem Einzelnen ausreicht. Oder wie Cuse und Lindeloff kurz nach der Serie sinngemäß anführten: „Wie, ihr wolltet, dass alle Mysterien aufgelöst werden? Die Show war schon immer ‚character-driven’ und die Geschichte der Charaktere haben wir zu Ende erzählt.“ Ein befriedigendes Ende oder vielleicht ein „Aha- oder WTF-Erlebnis“, wie man es sich bei den Versprechungen durchaus erhoffen konnte, blieb jedenfalls aus.

Deswegen kann ich auch niemandem „LOST“ empfehlen, ich rate sogar grundsätzlich davon ab. Denn was die Serie perfekt kann, ist, einen abhängig zu machen. Gerade weil auch die ersten Folgen extrem stark sind, zwischendurch immer wieder exzellente Folgen kommen und man Cliffhanger um Cliffhanger um die Ohren geballert bekommt. Auch einzelne Erzählstränge und Ideen in den Folgen sind teilweise genial. Bis auf gelegentliche Aussetzer und die gesamte 6. Staffel sind die meisten Folgen für sich betrachtet sehr gelungen. Aber letztendlich zählt das Gesamtwerk und das fällt am Ende zusammen wie ein Kartenhaus. Wenn nahezu jede Fantheorie besser ist als das tatsächliche Ende, dann muss man sich als Showrunner echt Gedanken machen. Und ja, auch die Theorie, dass alles nur von dem Hund erträumt wurde, ist besser, als das wirkliche Ende von „LOST“.

Hier erschien der Artikel im Original. 

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