Heute vor 55 Jahren

Chaplins Moderne Zeiten bereicherte das Kino

Der Tramp in Moderne Zeiten
© ATLAS-Filmverleih
Der Tramp in Moderne Zeiten

Die abschließende Szene gehört zu den schönsten der Filmgeschichte. Wie Charlie Chaplin es häufiger inszenierte, wandelt sein Tramp die Straße entlang, der untergehenden Sonne entgegen. In Moderne Zeiten tut er dies mit seinem Mädchen, mit der dem liebenswürdigen Helden kein Glück vergönnt ist. Im wahren Leben zeigte sich das Schicksal weitaus gütiger. Noch 1936, nachdem Moderne Zeiten nach dreijähriger Arbeit in den USA anlief, heiratete der 47-jährige Charlie Chaplin seine 26-jährige Darstellerin und Filmpartnerin Paulette Goddard. Doch auch dieser, realen Liebe war kein ewiges Glück vergönnt – 1942 ließ sich das ungleiche Paar scheiden.

Für heutige Verhältnisse beinahe unvorstellbar, kam Moderne Zeiten erst 20 Jahre später nach Deutschland. Das Dritte Reich und die anschließende, harte Nachkriegszeit ließen es nicht anders zu, doch dann startete der letzte große Auftritt des Tramps und einer der wichtigsten Filme aller Zeiten endlich auch hierzulande.

Charlie Chaplin war nie ein Freund des Tonfilms. Mit Moderne Zeiten produzierte er seinen zweiten Film mit Ton, benutzte diesen allerdings meisterlich als Kritik an dem solchen selbst. So benutzte er Ton nur für dramaturgische Zwecke wie beispielsweise dem Geräusch von Maschinen. Ein einziges Mal lässt sich der Tramp dazu hinreissen, seine Stimme erklingen zu lassen, und auch dort nur, um in unverständlichem Kauderwelch zu singen und dem Gesungenen anhand seiner Mimik Bedeutung zu verleihen. Genialer ist seine Kritik kaum darzustellen. Sonst bedient er sich weiterhin Zwischentiteln – ganz im Stile eines Stummfilms.

Trotz aller Slapstickeinlagen, die Moderne Zeiten oberflächlich den Anschein einer Nummernrevue verpassen, ist der Film doch vor allem eine Abrechnung mit den ernsthaften Themen des Großstadtlebens: Leben in Armut, Kampf um Anerkennung und die Frage nach der Wirklichkeit eines amerikanischen Traums zur Zeit der Großen Depression. Während 1926 Fritz Lang den Hype um Industrie und moderne Gesellschaft mit seiner Zukunftsvision Metropolis teilte, holte Charlie Chaplin die Tagträumer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. In einer Welt, in der Maschinen alles besser und schneller machen sollen, kommt in Chaplins Welt das Individuum nicht mehr hinterher, der Mensch verliert in der Masse seine Individualität und stumpft unter unmenschlichen Arbeitsbedingngen ab. Diese Erfahrung macht der Tramp ganz persönlich als er als Teil der Fabrikarbeiter am Fließband wahnsinnig wird.

Verständnis suchte der Tramp vergebens, er landet im Irrenhaus und später versehentlich im Gefängnis. Die einzige, die ihn zu verstehen scheint, ihm Liebe geben kann, ist ein Mädchen, das er auf der Straße kennenlernt – doch für gemeinsames Glück ist in dieser Welt kein Platz. Selbst als beide ihrem Ziel ganz nahe scheinen, machen ihnen Fürsorgebeamte einen Strich durch die Rechnung. Auf der Flucht vor den Beamten bleibt ihnen nichts, außer ein Spaziergang Richtung Sonnenuntergang, der vom Filmkritiker Rudolf Arnheim als “dezenteste Form des Selbstmords” beschrieben wird und damit meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft, denn für die beiden Verliebten gibt es in der bürgerlichen Gesellschaft keinen Platz zum Leben. Der Spagat zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und Melancholie gelang Charlie Chaplin besser als jedem anderen Filmemacher vor oder nach ihm.

Das American Film Institute fand für Modernze Zeiten einen verdienten Platz in der Liste der 100 besten US-amerikanischen Filme, so wie auch Goldrausch und Lichter der Großstadt. Auch noch 70 Jahre nach seiner Entstehung ist der Klassiker von Charlie Chaplin ein rührendes Filmerlebnis.

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