Mr. Vincent Vega eckt an

Christian Bale, das Method-Acting-Missverständnis

Christian Bale
© Concorde
Christian Bale

Über Ryan Gosling schrieb ich vor zwei Wochen anlässlich eines im Internet kursierenden Videos, in dem er als Steppke reichlich überambitioniert zu Früh-90er-Mucke rumeiert, bereits dort „alle Anstrengungen“ vernehmen zu können, eben „unbedingt der Klassenbeste sein zu wollen“. Ein vages Urteil auf Grundlage eines wackeligen Homevideos gewiss, so Ryan Goslings famose Schauspielkarriere erst im Erwachsenenalter um die Jahrtausendwende ihre Schmierbahnen zu ziehen begann.

Der Waliser Christian Bale hingegen stand schon im Kindesalter professionell vor der Kamera, mit gerade einmal 38 Jahren umfasst seine das eigene Können demonstrierende Berufsmappe nahezu Arbeiten aus bald vier Jahrzehnten Filmgeschichte. Und gegen die ersten Baleschen Schauspielversuche nehmen sich die frühkindlichen Anstrengungen des Disney-Club-Pioniers Ryan Gosling nur allzu harmlos aus: Bereits in Das Reich der Sonne, seiner ersten US-amerikanischen Kinohauptrolle, gelang es ihm mit ungesund wirkendem Ehrgeiz, scheinbar adoleszentem Übermut und durchweg verkrampftem Habitus selbst einen gestandenen Over-Actor wie John Malkovich an die Wand zu spielen. Schaut mich an: Ich war schon mit 12 der absolute Shit.

Bereits damals installiert, das große Method-Acting-Missverständnis im kleinen Christian Bale. Das Streben nach Perfektion, nach einer alles durchdringenden Genauigkeit. Die absolute Beherrschung, der unbedingte Wille, es gut und besser zu machen. Gerade einmal volljährig, trainierte er monatelang Martial Arts und Tanz für die Rollen in Swing Kids und Die Zeitungsjungen, ehe er sich mit spektakulären Gewichtszu- und abnahmen innerhalb kürzester Zeit auf ein körperliches Vorzeigeschauspiel konditionierte, das seine falsch verstandene Berufsvorstellung nachhaltig dokumentiert.

Sie sind bekannt, die drastischen physischen Veränderungen, die Bale für seine Rollen in Der Maschinist oder The Fighter vornahm. Das Runterhungern auf Skelettmaße, das anschließende Wiederdraufpacken für den Superhelden-Suit. Das Hin- und herwechseln zwischen dick und dünn, als sei Schauspiel ein Sport, den man wie eine Rolle ausfüllen und zur Schau stellen müsse. Das also, was ein Christian Bale wohl für naturalistisches Schauspiel hält, ganz im Nicht-Sinne von Lee Strasberg. Und niemand, der ihm zu verraten scheint, sich in eine gleichermaßen ungesunde wie unnötige Delsartismus-Missinterpretation zu versteigen.

Denn was Bale augenscheinlich nie gelingen mag: Sich auch wirklich in eine Rolle einzufühlen. Zu imitieren. Und nicht: zu sein. Einen halbverhungerten Menschen zu spielen, statt tatsächlich halb zu verhungern. Eine Präsenz dort zu erreichen, wo es sie sonst (aus, vielleicht, gutem Grund) nicht gibt. Zu tun, als sei er ein dunkler Ritter. Nicht zu denken, er wäre Batman fürwahr. Und wie sehr ihn das doch hindert: Die Anorexie in The Machinist, das Mucki-Getue in Batman Begins. Wie sehr es ihn unfrei macht, in den Bewegungen, im Spiel, in der Darstellungsvielfalt, die Christian Bale nie haben wird. In einer Reduktion auf sich selbst, einer Beschränkung auf die eigene physische Präsenz, die überdies nur zum lachhaften Gimmick verkommt.

Und doch oder wohl gerade deshalb spielt Christian Bale, als halte er sich für den allergrößten. Bäumt er sich auf vor der Kamera, als nehme keiner seinen Job so sehr ernst wie er selbst. Spricht er mit entschieden tief gestellter Stimmlage, als seien The Dark Knight oder Harsh Times – Leben am Limit Filme, bei denen die Höhenregelung versagte. Changiert und grimassiert er sich als cracksüchtiger Boxer durch The Fighter, als sei Micky Ward die Seite-3-Karrikatur eines Sportprovinzblättchens. Zieht er in jedem Film die Augenbrauen nach unten und hebt den Kopf leicht an, als würde er sich selbst über sein grotesk verbissenes Schauspiel wundern.

Es gibt einen dahingehend unfreiwilligen, aber entscheidenden Moment in American Psycho, der die Balesche Darstellungsbehauptung buchstäblich widerspiegelt: Während er zwei Huren gleichzeitig penetriert, begafft sich Patrick Bateman im Schrankspiegel. Er fährt mit den Händen durch seine Haare und erhebt stolz den Zeigefinger, im Rhythmus der Stoßbewegung. Fast so, als würde sich Christian Bale immer erst einmal selbst spielen sehen wollen. Um dann auf die eigene Geilheit zu kommen.

Moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.
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Ab 17. Oktober im Kino!Parasite
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