Zwischen 60s Pop und Riot Grrrl

Daisies - Eine surreale Avantgarde-Pop-Fantasie

Daisies von Vera Chytilová
© Second Run DVD
Daisies von Vera Chytilová

Das erste Bild: Zwei junge Frauen, wie zwei Puppen mit ungeölter Mechanik sitzen sie da – jede Bewegung ist ruckhaft, quietscht, klingt eingerostet. Weil die Menschen so schlecht sind, sagen sie, weil ja alles immer schlimmer wird, würden auch sie fortan richtig schlimm sein. Gesagt, getan: Fortan üben sich die beiden im schlechten Betragen und stellen alles, wirklich alles auf Kopf. Es wird geschlemmt, sich daneben benommen und schließlich, über kurz oder lang, noch der ganze Film zertrümmert.

Marie und Marie heißen die beiden. Blond (Ivana Karbanová) die eine, brünett (Jitka Cerhová) die andere. Die Welt ist den beiden fortan nicht Untertan, sondern Gegenstand: Alles, was ihnen begegnet, ist allenfalls Material und schließlich Konfetti, das man durch die Luft wirbeln lassen kann.

Ein Film wider alle Konventionen

Daisies (hier in der Datenbank heißt er Tausendschönchen – kein Märchen) ist ein Film, der sich schwerlich zusammenfassen lässt. Ihn auf eine Spielhandlung zu reduzieren, geht schon gleich gar nicht. Ein absolutes Schmankerl für Freunde außergewöhnlich gestalteter Filme ist er aber allemal: Daisies ist eine schier unglaubliche Perle des surrealistischen Pop Cinema der 60er Jahre, ein Film, der mit quietschfideler Vitalität so ziemlich jede Konvention des Filmemachens mit lachendem Auge unterläuft. Permanente “Jump Cuts”, ständige Scheren zwischen Bild und Ton, ins Leere laufende Handlungsfragmente und fröhlich zwischen schwarzweiß, grellbunt und eingetüncht wechselnde Farbgebungen verneinen alles, was im klassisch “unsichtbar” inszenierten Kino als oberste Regel gilt. Der frohe Formenirrsinn gipfelt schließlich in eine atemberaubende Sequenz, in der das Filmbild selbst bald in abertausende Fetzen zerschnitten und zerhäckselt wird.

Gewiss, Formexperimente waren in den 60er Jahren durchaus en vogue. Den Startschuss gab die Nouvelle Vague in Frankreich, allen voran Jean-Luc Godard 1959 mit seiner bei Comics und B-Movies wild plündernden Kriminal-/Liebesgeschichte Außer Atem. Doch wo Godard sich bald darauf in filmtheoretischen Grübeleien verlor, griff Vera Chytilová, Daisies-Regisseurin und enfant terrible des tschechoslowakischen Films, die ursprüngliche Vitalität wieder auf und potenzierte sie zu einem traumhaft schönen Knallbonbon, das Avantgarde-Film und Popkultur komplett in eins bringt: Ein diebisch-anarchisches Vergnügen, das sich ohne weiteres als “60s Proto-Punk” bezeichnen und sich auch heute noch mit sub- und popkulturellen Bewegungen zwischen Riot Grrl und queerem Postfeminismus hervorragend in Verbindung bringen lässt. Dass der Film seinerzeit enorm von den realsozialistischen Führungsgranden und anderen engstirnigen Kulturverwesern angefeindet wurde, wundert angesichts dieser wunderbar sprühenden Revolte wider alle Formen, Grenzen und Kategorien kaum.

Ein Muss für jede Filmsammlung

Dass der Film bislang in Deutschland nicht erhältlich ist, ist eine schmerzliche Lücke. Immerhin findet sich in Großbritannien eine DVD des auf Autoren- und Kunstfilme aus Osteuropa spezialisierten Labels Second Run, die in enger Zusammenarbeit mit Vera Chytilová erstellt und dementsprechend hochwertig gestaltet ist. So kann man den Film dank eines neu erstellten Masters in brillanten, satten Farben und in hervorragender Bildqualität genießen. Dass der Film nur auf Mono vorliegt, ist für heutige Hörgewohnheiten vielleicht etwas schmerzlich, entspricht aber der Werktreue.

Auch das Bonusmaterial überzeugt auf ganzer Linie: Kernstück ist die Dokumentation Cesta von Jasmina Blaževič, ein rund einstündiges Portrait über die noch immer erfreulich rebellische Regisseurin, die darin ihr Schaffen kommentiert und auf ihre bewegte Karriere zurückblickt. Einziger Wermutstropfen: Die sich hier umgehend einstellende Lust auf weitere Filme aus der umfangreichen Filmographie der Filmemacherin muss auf Grund einer sehr dürftigen Editionslage bis auf weiteres weitgehend unbefriedigt bleiben. Sehr schön gelungen ist weiterhin der im Booklet beiliegende Essay des Kurators Peter Hames, der den Film in Chytilovás Werk und im historischen Kontext der auch in der Tschechoslowakei sehr turbulenten späten 60er verortet.

Es lohnt sich im übrigen, mal auf Schatzsuche im Katalog des Labels Second Run zu gehen. Wer sich gerne überraschen lässt und entdeckungsfreudig ist, findet dort einige filmhistorische Schmuckstücke!

Der Trailer zu Tausendschönchen – kein Märchen

Daisies ist noch nicht regulär auf dem deutschen Markt erschienen und deshalb bei Amazon als originalsprachliche Fassung mit englischen Untertiteln nur zum gesalzenen Importpreis erhältlich. Wesentlich günstiger geht es über Eigenimport, z.B. hier beim britischen amazon für ca. 14 – 15 Euro inkl. Porto. Das britische Amazon lässt sich problemlos mit einem deutschen Account nutzen.

Thomas Groh von der Programmvideothek Filmkunst im Roderich präsentiert euch wöchentlich einen besonderen DVD-Tipp, der aus dem Rahmen des Einheitsbreis herausfällt. Thomas schreibt für Filmzeitschriften wie Splatting Image, er hat einen eigenen Blog (Filmtagebuch) und veröffentlicht Texte zum Film im Perlentaucher und in der Taz. Nun schreibt er auch für diese nette Webseite. Heute stellt er den Film Tausendschönchen – kein Märchen vor, der leider (noch) nicht in Deutschland erhältlich ist. Letzte Woche hat Thomas den Western Mercenario vorgestellt.

Deine Meinung zum Artikel Daisies - Eine surreale Avantgarde-Pop-Fantasie