Darum ist Ballon ein spannender Wendepunkt in Michael Herbigs Karriere

Michael "Bully" Herbig
© Studiocanal/Warner Bros./Constantin
Michael "Bully" Herbig
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Kaum ein Name dominierte in den 2000er Jahren die deutsche Kinolandschaft wie der von Michael Herbig, wobei an dieser Stelle der entscheidende Spitzname "Bully" nicht vergessen werden darf. Michael "Bully Herbig" - das lässt sich nicht nur wunderbar flüssig aussprechen, das muss es auch, so oft war der Filmemacher mit seinen vorzugsweise komödiantischen Werken in den Schlagzeilen vertreten und hat Rekorde gebrochen. Vom Radio zum Fernsehen ins Kino: Herbigs Karriere entwickelte sich beständig, explodierte nach der Jahrtausendwende jedoch förmlich, als er nach seinem Regiedebüt Erkan und Stefan diverse Sketche der damals erfolgreich auf ProSieben laufenden Bullyparade als Kinofilm adaptierte und mit Der Schuh des Manitu den bis heute finanziell erfolgreichsten deutschen Film auf die große Leinwand brachte.

Michael "Bully" Herbig erobert mit Quatsch das deutsche Kino

Ausgehend von den Zuschauerzahlen passierte die Winnetou-/Old Shatterhand-Parodie nicht nur die goldene Zehn-Millionen-Marke, sondern rangierte hierzulande mühelos mit Ringträgern und Zauberschülern auf einem Abschnitt der Erfolgsskala. Der Schuh des Manitu katapultierte Michael Herbig endgültig ins Rampenlicht und traf einen Nerv beim Mainstream-Publikum, wie es vor ihm nur Otto Walkes mit seinen Komödien geschafft hatte. Bemerkenswert ist der Erfolg von Der Schuh des Manitu auch insofern, als er nur drei Jahre später ohne nennenswerte Abnutzungserscheinungen wiederholt werden konnte. Das Publikum selbst durfte über den Fortsetzung im Geiste abstimmen, sodass in (T)Raumschiff Surprise - Periode 1 nach dem Western der Science-Fiction-Film durch den Kakao gezogen wurde - und zwar wieder auf Grundlage der Bullyparade.

Zwei Dinge zeichnen sich an diesem Punkt ab: Michael Herbigs Verbundenheit mit seiner Film-Familie, die sich in erster Linie aus langjährigen Mitstreitern wie Rick Kavanian und Christian Tramitz zusammensetzt. Darüber hinaus - und das ist für seinen Erfolg womöglich noch wichtiger - schafft er eine ungemeine Nähe zu seinem Publikum. Der Spitzname "Bully" markiert dabei das i-Tüpfelchen dieser vermeintlichen Kino-Freundschaft, die sich auf die sympathischen Eigenschaften konzentriert und das kalkulierende Geschäftsdenken für den Augenblick des "unterhaltsamsten Films des Jahres" vergessen lässt. Herbig bindet sein Publikum ein, verwandelt es geradezu in Komplizen des Entstehungsprozesses. Diese Intimität ist gerade im Deutschen Kino rar, wo für gewöhnlich Redaktionen über die Inhalte entscheiden, für die wir später mal eine Karte lösen. Nun aber sind wir es, die Kino sind - und dementsprechend dann auch im Kino sind.

Der erfindungsfreudige Kino-Unternehmer, der niemals langweilt

Bei Bully werden die Schauspieler für den nächsten Kinohit im Rahmen einer sechsteiligen Casting-Show gesucht und die ganze Familie schon vor dem Kinobesuch auf die Gemeinschaft des Films eingeschworen. Wahlweise begleitet er seinen nächsten Kinohit auch mit einer Sitcom, die vom (fiktiven) Entstehungsprozess handelt und sowohl als eigenes Produkt als auch verlängerter Arm des Marketings funktioniert. Vom Filmemacher zum Unternehmer: Selbst wenn er nur die Bullyparade in Form eines Animationsfilms neu auflegt, entpuppt sich Michael Herbig zwar nicht unbedingt als der originellste Erschaffer im deutschen Film, aber zumindest als jemand, der Wagnisse eingeht und deutlich größer denkt als es von Vorurteilen belasteten Begriffe wie "deutscher Film" und "deutsche Komödie" für gewöhnlich zulassen. Mit Langweile werden wir diesen Bully nicht in Verbindung bringen.

Nach Wickie und die starken Männer wurde es dennoch überraschend ruhig um den Filmemacher, der in den 2000er Jahren nicht mehr von der Leindwand wegzudenken war - zumindest wenn wir uns das gefühlte Interesse vor Augen halten. In den Kinocharts breiten sich seit einigen Jahren nur noch die ideenlosen Til Schweigers und Matthias Schweighöfers des deutschen Kinos aus, während Fack ju Göhte zum Begriff der neuen deutschen Komödie wird, die Millionen anlockt. Allein als Schauspieler vermag Michael Herbig nicht die Zugkraft der Projekte zu entwickeln, die er ebenfalls als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent betreut. Hotel Lux und Zettl stehen da als ambitionierte Mahnmale in seiner Filmographie, die eine sich langsam anbahnende Befürchtung untermauern: War Michael Herbig in der Erschaffung seiner eigenen Marke so gut, dass er sich nicht mehr von dieser lösen kann? Bullyparade - Der Film liefert Aufschluss.

Zwischen der Sackgasse Bullyparade und der Neuerfindung Ballon

Erneut erkundigte sich der kreative Kopf bei seinen Fans, ob denn überhaupt Interesse an einem weiteren Bullyparade-Film besteht. Danach hat zwar keiner gefragt, das Echo überzeugte die Geldgeber trotzdem. Die Niederlage war nachfolgend unmittelbar mit dem Erfolg verknüpft. Nur wenige Filmschaffende können nach 20 Jahren mit einem aus fünf Episoden zusammengeschusterten Best-of die Kinocharts erobern und für den bis dato erfolgreichsten Start eines Films bei Amazons Prime Video Deutschland sorgen. Gleichzeitig manövrierte sich Michael Herbig mit diesem Fan-Service nur noch weiter in die Sackgasse, die ihn zum blassen Schatten seiner künstlerischen Identität verkommen lässt, mit der er zehn Jahre zuvor das Kino zum Lachen brachte. Der Quatsch ist plötzlich nur noch Quatsch, besitzt keine Magie mehr, sondern verausgabt sich in einer nostalgischen Nummernrevue, die jegliche Frische vermissen lässt.

Im Alter von 50 Jahren findet sich Michael Herbig nun an einem spannenden Wendepunkt wieder. Der Kreis, der sich erst zum Ende einer Karriere schließen sollte, hat sich bereits geschlossen. Entgegen der Erwartungen ist er aber schon lange bereit, in die nächste Phase überzugehen. Seit sechs, sieben Jahren arbeitet er schon an einer Umsetzung von Ballon, wie er im Gespräch mit der Berliner Zeitung offenbart. Der erfinderische Michael Herbig, der in den 2000er Jahren die Grenzen von Humor und Komödie auslotete, hat sich noch nicht aus dem Kino zurückgezogen. Stattdessen investierte er die Zeit in Gespräche und Recherchen, um sich einer Thematik anzunähern, die dem Münchner nur bedingt vertraut ist. Eine Klassenfahrt in die DDR habe ihn zwar als Jugendlichen mitgenommen. Ansonsten gab es jedoch kaum Berührungspunkte mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte, das er nun als Spannungskino neu aufleben lässt.

Inspiriert von Alfred Hitchcock mit dem Ballon über die Mauer

Ohne die vertrauten Kollegen und die Integration des Publikums in den Entstehungsprozess hat er sich bei Ballon all auf seine filmischen Vorbilder verlassen, die fraglos auch in einer Parodie wie Der Schuh des Manitu und (T)Raumschiff Surprise - Periode 1 zu erkennen waren. Mit Ballon schielt Michael Herbig Richtung Hollywood, eine angenehme Abwechslung zum deutschen Geschichtskino, das sich viel zu oft in seiner eigenen Bedeutung erstickt, ohne ein Gespür für die bewegten Bilder zu entwickeln. Alfred Hitchcock ist das erklärte Vorbild für den Thriller, der zwei Familien bei ihren Fluchtversuchen begleitet und von dem Spektakel des (zweifachen) Ballon-Flugs profitiert, das Michael Herbig auf keinen Fall als TV-Zweiteiler, sondern definitiv für die große Leinwand umsetzen wollte. Wir dürfen gespannt sein, wohin ihn dieses Verlangen als Nächstes treibt.

Wie nehmt ihr Michael "Bully" Herbigs jüngsten Karriereschritt wahr?

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