Der Oscar-Favorit 1917 leidet unter seiner eigenen Protzerei

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1917
25.01.2020 - 11:00 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Ohne sichtbare Schnitte will 1917 den Zuschauer ins atemlose Kriegsgeschehen ziehen. Dabei macht der unbedingte Realismus den Film erst zum einstudiert wirkenden Blender.

Fast genau bis zur Mitte des Films dauert es, ehe in 1917 der erste erkennbare Schnitt als langes Schwarzbild erfolgt. Gleichzeitig bleibt dieser Schnitt der erste und letzte deutlich sichtbare Schnitt. Der neue Kriegsfilm von Sam Mendes reiht sich in jene Liga von Filmen wie Birdman und Victoria ein, die ohne oder durch wenige, kaum sichtbare Schnitte eine besonders intensive Ausstrahlung entfalten und den Eindruck von miterlebter Echtzeit vermitteln wollen.

Dieses forcierte Mittendrin-Gefühl erweist sich jedoch als größte Schwäche von 1917. In vielen Momenten wirkt der Kriegsfilm dadurch wie eine Aneinanderreihung von Zwischensequenzen aus einem Videospiel, die der Zuschauer passiv über sich ergehen lassen muss.

  • Aufgrund der Bewegungen und Abläufe wirkt 1917 wie ein exakt choreographiertes, unnatürliches Planspiel.
  • Durch das Echtzeit-Konzept ohne sichtbare Schnitte entsteht auffälliger Leerlauf.
  • 1917 will so realistisch sein wie möglich - und wirkt dadurch erst recht unrealistisch.

1917 wirkt wie einstudiertes Theater

Das unmittelbare Gefühl, von dem Film gefangen genommen zu werden und dem Geschehen aufgrund der fehlenden Schnitte nicht entkommen zu können, überträgt sich in 1917 immer wieder auf den Zuschauer.

Und doch strahlt die Mission von zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg, die ein Regiment von 1600 Soldaten rechtzeitig vor einem Hinterhalt und damit dem sicheren Tod bewahren müssen, schon nach kurzer Zeit etwas Unnatürliches aus.

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Schon zu Beginn, wenn der Soldat Tom Blake als Protagonist des Films von Colin Firths General Erinmore seinen Auftrag erhält, erweckt 1917 direkt den Eindruck eines Videospiels, in dem der Spieler über die Spielfigur gerade die Mission erklärt bekommt.

Auch danach, wenn Blake und sein Kamerad Schofield über trostlose Felder oder durch tödlich verminte Kellergewölbe zu ihrem Zielort unterwegs sind, wirken die Bewegungen in Sam Mendes' Film oftmals wie mühevoll einstudierte Abläufe.

Inmitten des eigentlichen Chaos des Kriegs folgen die Schauspieler dadurch auffällig konkret vorgegebenen Routen, bei denen das vorgetäuschte Maximum an Realismus wie ein zu perfekt durchgetaktetes Planspiel wirkt.

Ruhepausen werden in 1917 zum überflüssigen Ballast

Durch das Konzept, einen Film fast vollständig ohne Schnitte zu inszenieren, entsteht für 1917 eine weitere Problematik. Die Möglichkeit, dramaturgischem Leerlauf durch eine Montage entgegen zu wirken, entfiel somit für Sam Mendes und sein Team.

Doch gerade das Medium Film profitiert maßgeblich davon, mithilfe von Schnitten Dynamik zu erzeugen - und somit all das ausblenden zu können, was zwischen den Bildern für den Betrachter unsichtbar bleiben kann. Durch das Echtzeit-Prinzip von 1917 entsteht gelegentlich Leerlauf, der die durchaus willkommenen Ruhepausen zudem konstruiert erscheinen lässt.

Anstelle von quälenden Minuten der Stille, des machtlosen Ausharrens oder redundanter Vorwärtsbewegungen sind diese Szenen in Sam Mendes' Film von aufgesetzt wirkenden Dialogen durchzogen, durch die innerhalb von kürzester Zeit möglichst viel Charakterentwicklung betrieben werden soll.

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In seinem Hang zum perfekten Realismus wird 1917 zur glattgebügelten Illusion

In Bezug auf die Dreharbeiten zu 1917 wird immer wieder der hohe Aufwand betont. Für die Realisierung des Kriegsfilms mussten Monate an Planung und Proben  aufgebracht werden. Am Ende fühlt sich das Werk von Sam Mendes tatsächlich mehr wie eine angestrengte Errungenschaft als ein natürliches Filmerlebnis an.

Fast schon streberhaft durchkomponiert wirken die Abläufe, durch die der Film seinen Realismus so perfekt und fehlerfrei wie möglich darstellen will. Und doch offenbart sich genau dadurch die glattgebügelte Illusion dieser Hülle, die das unbeschreibliche Grauen des Krieges zum passiven Videospiel und gleichzeitig perfekt durchgeplanten Theaterstück machen.

1917 will den Krieg für den Betrachter persönlich erfahrbar werden lassen, doch Sam Mendes' Film präsentiert sich vielmehr als protzige Demonstration technischer Errungenschaften, hinter der das wahre Grauen des Krieges zum mitreißend inszenierten Spießrutenlauf von A nach B verkommt.

Wie hat die Inszenierung von 1917 auf euch gewirkt?

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