Der Sci-Fi-Thriller Upgrade ist wie Venom - nur in gut

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© Blumhouse
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13.10.2018 - 08:50 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Nur 5 Millionen Dollar hat der Sci-Fi-Geheimtipp Upgrade gekostet, doch der blutige Thriller steckt Blockbuster wie Venom locker in die Tasche. Von Blumhouse stammt auch der empfehlenswerte Doppelgänger-Thriller Cam.

Wenn ihr dieses Jahr einen Film schaut, in dem ein Tom Hardy-Klon mit einer fremden Stimme in seinem Kopf streitet, die ihm erstaunliche Kräfte verleiht, dann lasst es Upgrade sein. Nur 5 Millionen Dollar hat der Sci-Fi-Thriller aus dem Hause Blumhouse gekostet. In Sachen origineller Action und brutaler Pointen lässt er die Blockbuster-Kollegen, allen voran das Tom Hardy-Vehikel Venom, ideenlos und blutleer aussehen. Andererseits schafft Venom das wohl auch ganz gut selbst. Statt eines Symbionten geht unser Held in Upgrade eine geistige Wohngemeinschaft mit einer Künstlichen Intelligenz ein, kreiert von einem 1-Euro-Laden-Jared-Leto. Ein Rachefeldzug garniert die poppige Auseinandersetzung mit den Gefahren unserer Abhängigkeit von intelligenten persönlichen Assistenten wie Alexa oder Siri. Fürs dystopische Double Feature beim nächsten VOD-Abend bietet sich der ebenfalls von Blumhouse produzierte Thriller Cam an, in dem ein Camgirl das so ziemlich zweitschlimmste passiert, was einem Online-Menschen heute widerfahren kann: Sie wird aus ihrem Account ausgeloggt und muss zusehen, wie eine Doppelgängerin ihre Show übernimmt. Beide Filme liefen in den letzten Zügen des Festivals des phantastischen Films von Sitges.

Upgrade ist das bessere Venom mit einem erstklassigen Star

Logan Marshall-Green hat den Titel Tom Hardy-Klon natürlich nicht verdient. Als ich Hardy zum ersten Mal in einem Film gesehen habe, nämlich dem Drama Gideon's Daughter mit Bill Nighy, brannte er sich durch den Röhrenfernseher meiner Eltern direkt in meinen Sehnerv (minimale Übertreibung). Logan Marshall-Green ist nicht diese Art Schauspieler. Es ist gut möglich, dass ihr schon zwei Serien oder fünf Filme mit ihm gesehen habt, ohne dass er bei euch größeren Eindruck hinterlassen hat. Marshall-Green, der mal beinahe ein Jungstar war, als er in O.C., California auftrat, fällt in die Kategorie Working Actor. Er arbeitet viel und verlässlich, manchmal in Blockbustern wie Prometheus, die von knalligen Figuren (und Ingenieuren) getragen werden, oder als Hauptdarsteller in kleineren Genrefilmen wie dem Fahrstuhl-Horror Devil oder dem tollen The Invitation. Marshall-Green gliedert sich diskret in seine Filme ein, ohne seine Rolle durch wechselnde Stimmlagen oder dialogisches Geröchel zu überfrachten. Für mich ist er deswegen der bessere Tom Hardy. Ein Nicolas Winding Refn, der ihm den tranformierenden Film seines Lebens schreibt, wie es Bronson für den vergessenen Star Trek-Bösewicht Tom Hardy war, lief Logan Marshall-Green bislang nicht über den Weg. Upgrade von Saw- und Insidious-Ko-Schöpfer Leigh Whannell kann aber getrost als One-Man-Show für den Darsteller beschrieben werden. Sie verlangt ihm vollen Körpereinsatz ab, in dramatischer, komödiantischer und kämpferischer Hinsicht.

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Ein Analog-Liebhaber im digitalen Zeitalter ist Logan Marshall-Greens Held Grey Trace (was für ein Name!). Nur hegt er statt für Vinylscheiben eine Vorliebe für Autos, die ohne Software und solche Sperenzchen brummen. In der Welt von Upgrade fährt nämlich niemand selbst. Die Straßen werden von autonomen Autos beherrscht, die Häuser von intelligenten Helfern mit körperlosen Stimmen. In einem dieser Autos werden Grey und seine Frau Opfer einer Attacke Unbekannter. Sie wird vor seinen Augen getötet, er schwer verletzt. Als er aufwacht, ist er querschnittsgelähmt. Grey ist am Boden zerstört und hätte er John Wick gesehen, würde Upgrade nach dem Kauf eines Hundebabies enden. Stattdessen trifft er einen anämischen Elon Musk-Verschnitt mit blondierter Gelmatte, der ein Angebot macht, das Grey nicht ausschlagen kann: Ihm wird ein Chip namens STEM eingesetzt und mit dieser KI im Nacken wird Grey wieder laufen können. Alles im experimentellen Stadium und geheim, versteht sich. Die Operation gelingt und obwohl er davon überrascht wird, dass die KI mit ihm redet, denkt Grey nur über eines nach: Rache.

Upgrade: Ein idealtypischer Blumhouse-Film mit cleverer Action

Wenn die Impulse von STEM durch Greys Körper zucken, schraubt sich die Kamera in Upgrade an die Körpermitte des Helden. Sie richtet sich mit ihm derart rabiat auf, dass das Bild schwankt, bevor es sich fängt, um Greys Bewegungen zu folgen. Es ist ein cleverer Effekt, der den kommenden Actionszenen ungewohnte Perspektiven verleiht. STEM bringt Grey nämlich nicht nur zum Laufen, sondern übernimmt auf Wunsch auch die Kontrolle. Zum Beispiel wenn ein böser Bube ihn töten will. Unter Führung von STEM bewegt sich Grey mit roboterhafter, tödlicher Effizienz. Er holt mit einer Hand zum Hieb aus, als müsse irgendwo unter der Haut ein Trupp Arbeiter an einem Flaschenzug ziehen. Sein Messer versenkt er mit kalter Präzision im Kopf des Gegners. Die KI hat es berechnet.

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Stem ist in Upgrade nicht nur eine unauffällige Version der metallenen Robocop-Uniform, sondern zeigt sich gesprächig. Man kreuze Iron Mans Jarvis mit dem Symbionten Venom und freue sich über den verdutzten Logan Marshall-Green, der die Selbstgespräche erstaunlich gewitzt gestaltet. Marshall-Greens Darbietung würde auch ohne Dialoge reizen, so sehr werden die Persönlichkeiten von STEM und Grey an seine jeweils unterschiedliche Körperhaltung und Bewegung gekoppelt. Wir haben es hier nicht mit einer glitzernden Leistung zu tun, die nach Preisen verlangt. Marshall-Green vollführt etwas Schwierigeres: Er bildet das Rückgrat von Upgrade. Dessen Story-Gerüst ist so alt wie der Rachethriller im Kino und wenn die Dialoge nach dem dystopisch Profunden grabschen, dann finden sie Matrix-Derivate. Leigh Whannell hat jedoch bereits mit Saw und Insidious bewiesen, dass seine Stärke weniger in Charakteren und Dialogen als in Konzepten und Szenarien liegt. Mit Upgrade hat er eine schlanke Thriller-Dystopie samt Action-Einschlag geschrieben. Diese Welt der Zukunft wird klar skizziert, ebenso wie das Kräfteverhältnis von Grey und STEM, das im Verlauf des Films schwankt wie die Bilder in den Actionszenen. Upgrade ist der idealtypische Blumhouse-Film, auch in der Besetzung der Hauptrolle.

Cam liefert die Innenansicht des Camgirl-Lebens im Thriller-Gewand

In Sachen Minimalimus übertrifft Cam den Studio-Kollegen Upgrade. Basierend auf den realen Arbeitserfahrungen von Drehbuchautorin Isa Mazzei wird in Cam dem Alltag eines Camgirls gefolgt, die gegen Geld im Livestream an einem Steak knabbert oder sich befriedigt. Die parallel laufenden Chat-Nachrichten künden von der Geilheit, Zuneigung oder Missbilligung der anonymen Zuschauer. Lola geht ihren Job als Sexarbeiterin vielleicht nicht mit Stolz (ihre Mutter weiß nichts davon), aber mit Sorgfalt und Kreativität an. Ihr kleines Studio, die gebastelten Requisiten, das saftige Steak - es zeugt von Ehrgeiz und Leidenschaft für den gesellschaftlich verpönten Job. Lola will in die Top 50 der Livestreamer, sie will zu den Spitzenverdienerinnen gehören. Dass ihr Männer aus dem Chat plötzlich im Supermarkt über den Weg laufen, trübt die Angelegenheit kaum. Bis sie sich nicht mehr in ihren Account einloggen kann. Passwort und E-Mail-Adresse wurden geändert, das Gesicht im Stream bleibt dasselbe. Lola hat eine Doppelgängerin und was die gruselige Sache erst so richtig zum Internet-Horror macht: die Doppelgängerin hat mehr Zuschauer.

Cam

Damit befasst sich Cam ebenso wie Upgrade mit dem Kontrollverlust über den eigenen Körper, nur eben mit einem Ebenbild, das alles souveräner, erotischer und extremer macht als das Original. Die Online-Persönlichkeitsstörung, die auch in Assassination Nation aufgegriffen wird, führt Cam zum logischen Endpunkt. Dein Account entwickelt ein Eigenleben und sammelt mehr Follower und Likes als du es je könntest. Er benutzt dich und überwindet dich und deine Mängel. Daraus wird in Cam kein Horrorschocker à la Unknown User gebastelt, sondern ein Psychothriller mit Anleihen bei Lynch und Cronenberg, der durch seine gewinnende Laissez Fair-Attitüde gegenüber dem Camgirl-Phänomen punktet. The Girlfriend Experience (Film und Serie) lässt grüßen, wenn auch Cam wesentlich mehr Humor mitbringt. Man merkt, dass hier jemand von innen auf das Berufsfeld blickt, ohne in dokumentarischer Wahrheitsfindung zu versinken. Die findet man sowieso bei anderen Filmfestivals.

Was sagt ihr zu den Horrorfilmen von Blumhouse?

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