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Schwarze Romantik im Stummfilm - Teil 1

Die Melancholie des Sensenmanns

07.01.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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The Phantom Carriage
© Criterion Collection
The Phantom Carriage
Teufel, Untote und künstliche Lebensformen gehören zum festen Figurenrepertoire der Schwarzen Romantik. In dieser fünfteiligen Artikelreihe durchleuchten wir die Beziehung zwischen jener künstlerisch-literarischen Strömung und dem Kino des frühen 20. Jahrhunderts.

Mystizismus und Magie sind jene dunklen, dumpfen Kräfte, denen sich die deutsche Seele gern hingegeben hat., kommentierte die namhafte Filmhistorikerin Lotte Eisner den Hang ihrer Landsleute zum Abgründigen und Übernatürlichen. Obige Feststellung aus dem Buch Die dämonische Leinwand (1952) diente ihr als Ausgangsbasis, um die auffällige Vorliebe für düstere Inszenierungen im deutschen Stummfilm der 1920er Jahre zu erklären. Im Zuge dessen wies sie abseits des Expressionismus noch einen weiteren prägenden Einschlag im Kino des frühen 20. Jahrhunderts nach, der solch finsteres Begehren zu befriedigen vermochte: die (Schwarze) Romantik. In dieser fünfteiligen Artikelreihe widmen wir uns der Melancholie und dem Wahnsinn, die aus schwarzromantischer Malerei und Literatur in den vornehmlich deutschen und nordeuropäischen Stummfilm hinüberschwappten.

Die Romantik und ihre unheimlichen Seiten
Gemeinhin gilt die Romantik, deren Vertreter sich zum Ende des 18. Jahrhunderts in der Öffentlichkeit formierten, als gedanklicher Gegenentwurf zum Zeitalter der Aufklärung. Während sich in intellektuellen Kreisen eine rationale, das heißt vernunftorientierte Denkweise etablierte, kristallisierte sich zusehends eine zweite, entgegengesetzte Strömung heraus. Den Anhängern jener konträr gelagerten Geisteshaltung ging es nicht darum, die Geheimnisse der Welt durch Vernunft und Verstand zu erschließen. Stattdessen stand die Gefühlswelt des Individuums – in enger Verbindung zur Natur – im Fokus der Aufmerksamkeit. Empfindungen wie Sehnsucht, Leidenschaft und Liebe dominierten die Werke von Friedrich von Hardenberg (Novalis), Caspar David Friedrich und anderen gleichgesinnten Seelen der damaligen Zeit. (GEO, Kunstwissen.de)

Im Kontext dieser Geisteshaltung markiert der Begriff Schwarze Romantik einen Korpus an deutlich finstereren Werken. Die Literaten und Maler dieser Untergruppierung erforschen in ihren Arbeiten die dunklen Flecken der menschlichen Existenz. Dabei offenbaren sie dem Betrachter unheilvolle Albträume, die zwischen phantastisch-bizarr und dämonisch-grausam changieren. Zum festen Figurenrepertoire von Künstlern wie Johann Heinrich Füssli (Der Nachtmahr), Arnold Böcklin (Die Toteninsel) und E.T.A. Hoffmann (Der Sandmann) gehören hierbei Hexen, Teufel, Doppelgänger, Vampire, Geister und natürlich Gevatter Tod höchstpersönlich. Jenen Ausgeburten der Nacht stehen mindestens ebenso symptomatische, morbide Lokalitäten wie beispielsweise zerfallene Ruinen, Friedhöfe und düstere Wälder voll knorriger Bäume gegenüber. Genannte Ingredienzien scheinen geradezu prädestiniert für das junge und experimentierfreudige Bewegtbild-Medium zu Beginn des 20. Jahrhunderts – insbesondere im Hinblick auf die gestalterischen Möglichkeiten, welche sich durch Mehrfachbelichtungen, Stopptricks und Modellaufnahmen ergeben. (Schwarze Romantik – Von Goya bis Max Ernst)

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