Die Oscars 2018 und der Einfluss der MeToo-Bewegung

Christopher Plummer, Kate Winslet und James Franco
© Tobis/Warner Bros.
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Seit den 1990er Jahren hat Harvey Weinstein die wichtigsten Awards der amerikanischen Filmbranche mit seinen radikalen Oscarkampagnen wohl so sehr gelenkt wie kein anderer, wie Deadline erinnert. Auch bei den Oscars 2018, die heute Abend im Dolby Theater in Los Angeles verliehen werden, ist sein Einfluss deutlich spürbar - allerdings auf ganz andere Art und Weise, als er es sicherlich beabsichtigt hätte. Seit dem sexuellen Missbrauchsskandal um den Filmproduzenten im Oktober letzten Jahres ist die gesamte Branche im Umbruch, was sich auch innerhalb der aktuellen Awards-Saison immer wieder zeigte. So motivierte der Weinstein-Skandal beispielsweise die Popularisierung des MeToo-Hashtags, der innerhalb kürzester Zeit virales Ausmaß annahm. Millionen von Menschen traten über den Hashtag mit ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Missbrauch an die Öffentlichkeit, darunter befanden sich auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten der Filmbranche. Heute Abend findet die Awards-Saison in der Oscarverleihung ihren Abschluss, und auch hier hat die MeToo-Bewegung bereits deutliche Spuren hinterlassen, bevor die Zeremonie überhaupt stattgefunden hat.

Die Awards-Saison im Lichte der MeToo-Bewegung

Viele der anderen wichtigen Preise der Branche gelten als große Indizen für den Verlauf der Oscars. Beispielsweise können an der Vergabe der verschiedenen Gildenpreise prinzipiell mögliche Gewinnchancen für die Oscar-Nominierten abgeleitet werden. So kann natürlich weiterhin davon ausgegangen werden, dass viele der Shows auch das generelle Klima innerhalb der Branche wiederspiegeln, das sich anschließend eben auf ähnliche Art und Weise bei den Oscars zeigen kann. Blicken wir auf die aktuelle Awards-Saison, ist die Präsenz von MeToo nicht zu übersehen.

So trugen bei den Golden Globes ein Großteil der Gäste Schwarz, um ihre Solidarität gegenüber der Bewegung zu zeigen. Weiterhin hatten viele eine Nadel der Time's-Up-Bewegung angesteckt, die als Hollywoods Antwort auf MeToo gilt. Viele der Gewinner äußerten sich während ihrer Reden zu dem Thema. So lenkte beispielsweise eine leidenschaftliche Ansprache von Oprah Winfrey die Aufmerksamkeit auf die Thematiken der Bürger- und Frauenrechte. Die Präsenz der Thematik um sexuelle Übergriffe scheint Hollywoods Aufmerksamkeit ebenfalls auf die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frau innerhalb der Branche zu lenken. Um ein Zeichen zu setzen, gab es zum Beispiel bei den diesjährigen Screen Actors Guild Awards ausschließlich weibliche Moderatoren. Wie verhält es sich nun mit dem größten Preis Hollywoods?

MeToo umklammert den Oscar, bevor er überhaupt verliehen wurde

Schon an den Oscarnominierungen (oder viel mehr an dem, was nicht nominiert wurde) kann man ganz klar sehen, dass die MeToo-Bewegung auch vor dem Oscar nicht haltmacht. So ist es beispielsweise auffällig, dass James Francos Darbietung als Tommy Wiseau in The Disaster Artist bei den Oscars übergangen wurde, obwohl der Schauspieler sowohl einen Golden Globe als auch einen Critics' Choice Award für die Rolle gewann (via Indie Wire). In einem Artikel der Los Angeles Times wurde Franco mehrfach des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt, der Artikel erschien am vorletzten Tag der Nominierungsphase der Oscars. Ähnlich interessant ist, dass Kate Winslets Darbietung in Woody Allens Wonder Wheel trotz sehr positiver Resonanz in den Kritiken keine Nominierung erhielt. Im Zuge des MeToo-Diskurses standen erneut die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs gegen Allen seitens seiner Tochter Dylan Farrow im Fokus der Öffentlichkeit, wobei sich Winslet öffentlich für den Regisseur aussprach, während sich andere Schauspieler von ihm distanzierten.

Mit der ersten Nominierung für eine Frau in der Kategorie Beste Kamera (Rachel Morrison für Mudbound) sowie einer eher seltenen Nominierung für eine Frau in der Kategorie Beste Regie (Greta Gerwig für Lady Bird) sind bei den diesjährigen Oscars die Frauen anders als normalerweise relativ stark vertreten. Mit Martin McDonaghs Three Billboards Outside Ebbing, Missouri als Frontrunner, der die sexuelle Gewalt an Frauen thematisiert, scheint die Academy weiterhin auch thematisch gesehen ein Zeichen setzen zu wollen. Gleiches gilt für die überraschende Nominierung Christopher Plummers für seine Darbietung in Ridley Scotts Alles Geld der Welt. Nachdem Kevin Spacey aufgrund mehrfacher Anschuldigungen gegen seine Person aus dem Film herausgeschnitten und kurzfristig von Plummer ersetzt wurde, scheint die Nominierung beinahe wie eine Zustimmung der Academy bezüglich dieser Entscheidung.

Auch bei der Oscarverleihung selbst wird MeToo mit im Raum sitzen

Wir können davon ausgehen, dass die MeToo-Bewegung auch während der Show heute Nacht äußerst präsent sein wird. So wird zum Bespiel die Abwesenheit Casey Afflecks bei der Präsentation in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin ins Auge stechen. Nach Belästigungsvorwürfen gegen den Schauspieler gab dieser bekannt, nicht wie traditionell üblich den Preis an die Gewinnerin zu überreichen. Er wolle die Aufmerksamkeit nicht von der Leistung der Darstellerin ablenken. ABCs President of Entertainement Channing Dunney sprach für den Sender und äußerte sich in einem Interview bezüglich der Oscars und Time's Up wie folgt (via The New York Times):

Wir wollen Time's Up auf jeden Fall respektieren und anerkennen und es der Botschaft möglich machen, gehört zu werden. Aber wir versuchen, es mehr geplant als spontan zu machen - es bekommt seinen Augenblick, und dann wird es sich nicht so anfühlen, als ob es die Künstler und Filme überschattet, die geehrt werden.

Der diesjährige Host und Comedian Jimmy Kimmel gab bekannt, MeToo und Time's Up auf jeden Fall anzusprechen. Laut ABC News wird er die Sache jedoch durchaus ernst nehmen und ihr Respekt erweisen, um den Abend für betroffene Gäste nicht schmerzlich zu gestalten. Die Schauspielerin Ashley Judd, die eine der ersten Frauen war, die Harvey Weinstein öffentlich der sexuellen Belästigung beschuldigte, wird eine der Präsentatoren sein. Weinstein selbst wurde bereits im Oktober aus der Academy ausgeschlossen, der Einfluss seiner Taten wird jedoch präsenter sein, als je zuvor - im Positiven.

Wie seht ihr den Einfluss von MeToo auf die Oscars 2018?

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